DFB-Elf vor Schweden-Spiel Das Herz fehlt

Die deutsche Nationalmannschaft könnte schon am Samstag bei der WM ausscheiden. In Deutschland arbeitet man sich vor allem negativ an der Mannschaft ab. Wie kommt das?

Joshua Kimmich, Timo Werner, Marco Reus und Matthias Ginter (v.l.n.r.)
DPA

Joshua Kimmich, Timo Werner, Marco Reus und Matthias Ginter (v.l.n.r.)

Aus Sotschi berichtet


Joachim Löw ist jetzt da angekommen, wo er die ganze Zeit hinwollte. Sonne, Küste, Sommerfrische. Morgens joggt der Bundestrainer entspannt am Strand von Sotschi, nach der Ankunft der Mannschaft aus Moskau posierte er mit Sonnenbrille und Shorts auf der Strandpromenade, er sonnte sich an einer Laterne. Es hätte ein Bild aus dem Urlaub sein können.

Die deutsche Mannschaft hat ihr erstes Spiel bei dieser Weltmeisterschaft verloren, am Samstag geht es gegen Schweden (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) schon früh im Turnier um alles. Die Öffentlichkeit erwartet Bilder, die nach Arbeit aussehen, danach, die Ärmel jetzt hochzukrempeln. Stattdessen bekommen sie einen Bundestrainer, der sich demonstrativ die Sonne ins Gesicht scheinen lässt.

Es sind Bilder, die die Öffentlichkeit irritieren, die dazu beitragen, dass es nicht mehr so leicht ist, sich mit dieser Mannschaft zu identifizieren. Das Bild des entspannten Bundestrainers kann auch aussagen: Wir haben alles im Griff. Das glaubt aber längst nicht mehr jeder.

Mitfühlende Trauer auf den Tribünen? Unwahrscheinlich

Der deutschen Nationalmannschaft droht das Aus in einer WM-Vorrunde, eigentlich eine undenkbare Vorstellung, aber in Deutschland kommt nicht das Gefühl auf, dass dies die Leute wirklich bewegt. Die Reaktionen auf die Niederlage gegen Mexiko waren von Schadenfreude dominiert, Twitter und Facebook, die Internetforen, die Lesermails, sie waren voll von Häme. Als hätten viele nur auf diesen Fehlschlag einer Nationalmannschaft gewartet, die seit 2004 nie das Halbfinale eines großen Turniers verpasst hat.

Wenn das Team am Samstag gegen die Schweden tatsächlich ausscheiden sollte, kann man sich nicht vorstellen, dass auf der Tribüne die Leute stehen und weinen, wie es die Italiener nach der verpassten WM-Qualifikation getan haben. Schweigen, Wut, so etwas wird man sehen, aber mitfühlende Trauer? Unwahrscheinlich.

Die Nationalmannschaft ist nicht mehr Blut, Schweiß und Tränen, zum großen Glück, muss man sagen. Es wäre verlogen, wenn sie sich in diesen Tagen vor dem Schwedenspiel als Malochertruppe inszenieren würde. Die Mannschaft von heute besteht aus spielintelligenten Männern, denen man nichts über Taktik, über Spielverständnis mehr erzählen muss, die an guten Tagen ihren Job perfekt beherrschen.

Aber es sind keine Lieblinge mehr, keine Spieler, die das Herz der Fans erreichen. Das ist ihnen überhaupt nicht vorzuwerfen, die Spieler selbst erledigen das, was sie zu tun haben, professionell, wie vielleicht nie eine Spielergeneration vor ihnen. Aber professionell ist nur so lange attraktiv, wenn es auch erfolgreich ist.

Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger waren vermutlich die Letzten, die mit ihrer Art in der Nationalelf die Anhänger noch mitnehmen konnten. Jetzt gibt es höchstens noch Thomas Müller, bei dem man sich vorstellen kann, dass die Fans in Strömen kommen, wenn der DFB dereinst mal sein Abschiedsspiel organisieren sollte. Bei Toni Kroos, Mats Hummels oder Sami Khedira bestimmt nicht.

Nur der Erfolg hält den Laden zusammen

Bislang hat der Erfolg unter Löw die Leute noch hinter diese Mannschaft geschart. Wenn der ausbleibt, dann fällt den Anhängern plötzlich ein, was ihnen alles missfällt. Dass der Manager den Charme einer Unternehmensberatung in die Nationalmannschaft eingebracht hat, dass der Bundestrainer nach zehn Jahren noch unnahbar und den Fans letztlich fremd geblieben ist, dass er niemals einer wird, den man mal einfach so in den Arm nimmt. Und auch, dass der Nationalspieler Mesut Özil die Nationalhymne nicht mitsingt.

Joachim Löw
AFP

Joachim Löw

Im "Münchner Merkur" war nach der Auftaktniederlage von einer "schleichenden Entfremdung" die Rede. Eine Mannschaft, die vielen nur noch der Markenkern einer Werbe- und Marketingmaschinerie zu sein scheint, gipfelnd in dem lächerlichen Slogan "Zsmmn", den man sich vor dem WM-Turnier ausgedacht hatte.

Obwohl es vielleicht gar kein Zufall ist, dass der DFB das Wort "zusammen" eingeschmolzen hat in eine kaum aussprechbare neue Wortschöpfung? Die Fans haben bei der Nationalelf kaum noch Zutritt, Gelegenheiten, dass die Anhänger ihre Stars mal aus der Nähe sehen können, werden mittlerweile geradezu künstlich geschaffen und dann als Beispiel für Volksnähe abgefeiert. Dass die Journalisten auch von Jahr zu Jahr mehr als Beiwerk angesehen werden, Interviews mit Spielern immer schwerer zu bekommen sind, die Berichterstatter bei Pressekonferenzen häufig auf die Spieler warten müssen, sei nur am Rande erwähnt.

Vielleicht ist es nicht schlecht gewesen, dieser Schuss vor den Bug in Moskau vom vergangenen Sonntag. Es wäre mal wieder dringend Zeit, dass die Nationalmannschaft allen etwas bietet. Etwas fürs Herz.



insgesamt 145 Beiträge
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Seite 1
dr.eldontyrell 22.06.2018
1. Das trifft es
ganz gut. Das war das, was ich letzten Sonntag vermisst habe: Herz, oder auch Leidenschaft, Feuer oder wie man es nennen mag. Reuß sah man die letzten 20 Minuten brennen, reichte aber nicht aus, die gesamte Mannschaft anzustecken. Für morgen hoffe ich, dass die Jungs ab Minute 1 mit Leidenschaft den Ball treten. Dann ist alles möglich. Bleibt es so wie Sonntag, können Koffer gepackt werden.
jeze 22.06.2018
2.
Können vielleicht alle mal auf dem Boden bleiben? Was ist denn passiert? Nach einer gewonnenen WM, einer erstklassigen WM-Qualifikation, dem Gewinn des Confed-Cups hat die Mannschaft mal ein paar schlechte Spiele gezeigt. Warum soll denn jetzt auf einmal alles falsch sein, was vorher richtig war? Vielleicht muss man einfach auch mal anerkennen, dass Dinge richtig gemacht werden und die Protagonisten trotzdem nicht immer in der lage sind bestleistungen zu erbringen, weil es eben auch nur Menschen sind.
Ahnungsloser 22.06.2018
3. Auf den Punkt.
Dieser Kommentar spricht mir aus der Seele. Ich wollte gern mitfiebern, zittern und mitleiden, aber am Ende war die Schadenfreude über das voraussehbare Ergebnis von überheblichem und halbherzigem Gekicke stärker. Es wirkt, als würde sich keiner richtig reinhauen. Mag täuschen und ungerecht sein, aber früher war mehr Leidenschaft.
bstendig 22.06.2018
4. Ach wie traurig -
die Nationalmannschaft macht nicht für jeden Zuschauer den Kasper. Und benimmt sich nicht wie die 11 Freunde von Sepp Herberger. Wie schrecklich. Ich lese was von "Entfremdung". Die wenigsten Zuschauer kennen einen der Fußballer - wie soll man sich da entfremden? Und warum sollte mein Seelenheil davon abhängen, ob die Jungs gewinnen oder verlieren? Kann ich mir was kaufen, wenn Sie gewinnen ? Nein. Also so what. Leute, haltet den "Ball flach". Und wenn die gegen Schweden vergeigen - dann spielt mit euren kindern oder lest mal ein gutes Buch.
m_c 22.06.2018
5. Wie kommt das?
" In Deutschland arbeitet man sich vor allem negativ an der Mannschaft ab. Wie kommt das?" Das kommt daher, weil wir im "negativen Abarbeibeiten" der eigenen Mannschaft zur absoluten Weltspitze gehören. Wenn wir was können. dann das! Da macht uns weltweit keiner was vor, gell ihr SPONtis?
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