Afrikanische Teams bei der WM Der Rückstand wird größer

Zum ersten Mal seit 1982 steht kein Team aus Afrika im WM-Achtelfinale - obwohl die Teams alte Probleme in den Griff bekamen. Aber das Beispiel Senegal zeigt, was sich ändern muss.

Senegals Mannschaft nach dem Aus
AP

Senegals Mannschaft nach dem Aus

Aus Moskau berichtet


Vorige Woche trug Aliou Cissé mal wieder einen Klassiker der Fußball-Prognosen vor. "Ich bin sicher, eines Tages wird eine afrikanische Mannschaft einen Weltmeistertitel gewinnen", hatte der Trainer des Senegals verkündet, er klang stolz und zuversichtlich. "Wir sind auf dem Weg."

Vor jeder jüngeren WM sind Sätze wie diese ausgesprochen worden, auch schon von Fußballgrößen wie Pele oder Franz Beckenbauer. Doch nun ist die WM-Vorrunde vorbei, und der Weg der afrikanischen Teams ist samt und sonders beendet. Jedenfalls ist das die Botschaft der nackten Ergebnisse.

Mit den Senegalesen ist am Donnerstag auch der fünfte und letzte WM-Teilnehmer von diesem Kontinent aus dem laufenden WM-Turnier ausgeschieden. Zum ersten Mal seit 1982 steht kein afrikanisches Team im Achtelfinale. Das Aus war tragisch, punkt- und torgleich mit Japan war Senegal, wegen des etwas schlechteren Abschneidens in der Fair-Play-Wertung musste die Mannschaft abreisen.

Senegal-Trainer Aliou Cissé
AFP

Senegal-Trainer Aliou Cissé

"Eine Schande" sei das, sagte Cissé. Man kann den Trainer verstehen, viel vorzuwerfen hat sich Senegal nicht. Vielleicht den einen oder anderen individuellen Fehler, und dass sie bis zum entscheidenden 0:1 gegen Kolumbien nicht engagierter auf Sieg gespielt haben. Aber welcher Außenseiter hätte das schon getan, wenn ein Unentschieden reicht?

Auch wenn das Ausscheiden anderes vermuten lässt: Der Auftritt der Senegalesen steht für einen kleinen Aufschwung Westafrikas. Die Probleme, mit denen afrikanische Mannschaften sonst regelmäßig zu kämpfen hatten, sind allenfalls in stark abgeschwächter Form aufgetreten.

  • Vor vier Jahren in Brasilien bestreikten die ghanaischen Spieler Trainingseinheiten, weil ihnen versprochene Prämien nicht ausbezahlt wurden; per Flugzeug wurden dann doch noch die drei Millionen Dollar herangeschafft.
  • Die damals von Volker Finke trainierten Kameruner kamen 2014 wegen eines Prämienstreits verspätet in Brasilien an, litten unter schweren internen Konflikten, die in Handgreiflichkeiten zweier Spieler auf dem Platz gipfelten.
  • Und der Senegal hat die Turniere von 2006, 2010 und 2014 trotz vieler starker Spieler auch wegen hausgemachter Probleme gar nicht erst erreicht.

Dass Senegal nun dabei war, liegt auch am Einfluss zweier gut geführter Akademien in der Hauptstadt Dakar. Dort wurden neben dem Star Sadio Mané vom FC Liverpool sechs weitere Spieler des Kaders ausgebildet. "Wir haben den Abstand zu den großen Nationen verringert", sagt Trainer Cissé.

Ganz ähnlich klang Nigerias Kapitän John Obi Mikel, nachdem er mit seinem Team ebenfalls ziemlich unglücklich aufgrund eines späten Treffers der Argentinier aus dem Wettbewerb geflogen war. Die Organisation sei "so gut gewesen, wie noch nie, seit ich im Nationalteam bin", verkündete der Routinier. Aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit war diesmal unter Mikels Führung eine Vereinbarung mit dem Verband ausgehandelt worden, in der exakt festgelegt war, wie die Prämien ausgezahlt werden. "Außerdem reisen wir jetzt mit guten Flugzeugen, das war früher anders, es wird viel mehr auf die Sicherheit der Spieler geachtet", sagte Mikel.

"Der Rückstand wird größer"

Mit Tunesien und Ägypten sind zwei weitere Nationen, die sich von den Wirren des arabischen Frühlings erholt haben, ziemlich zufrieden mit ihren Leistungen, nur die Ägypter hadern, weil ihr Star Mohamed Salah nach seiner Schulterverletzung nicht die erhoffte Wirkung entwickeln konnte. Dass diese WM dennoch das erfolgloseste Turnier afrikanischer Mannschaften seit 36 Jahren wurde, ist allerdings kein Zufall. Denn bei allem Fortschritt, den die Verbände machen - anderswo wird mindestens ebenso rasant dazugelernt. Global betrachtet werde "der Rückstand auf viele Nationen eher noch größer", sagte Peter Odemwingie, der bei den Turnieren von 2010 und 2014 für Nigeria spielte, der "BBC".

Immer mehr Nationen investieren im großen Stil in Spielanalysten, Mediziner, Psychologen und Spezialtrainer. Auch Senegals Cissé hat angemerkt, dass für einen echten afrikanischen Aufschwung "viel mehr einheimische Trainer ausgebildet" werden müssten. Doch die meisten Ex-Spieler, die über Europa-Erfahrungen verfügen, bleiben nach der Karriere lieber in England oder Frankreich, anstatt Teams in heimischen Ligen zu übernehmen.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Herr Bayer 29.06.2018
1. Ramadan
Möglicherweise hat der diesjährige Ramadan der Vorbereitung geschadet. Nicht die Spieler, aber viele Funktionäre waren in der wichtigen Zeit nur bedingt einsatzfähig.
hileute 29.06.2018
2. Glaube och nicht
Senegal hatte viel Pech, Marokko hätte mit etwas Glück und einer etwas leichteren Gruppe gute Chancen gehabt, ebenso wie Nigeria, wenn sie eine schwächere Gruppe, etwa A gehabt hätten
infektblocker 29.06.2018
3. Titeländerung: Afrikanische und das deutsche Team bei der WM
Der Rückstand wird größer
eurosinga 29.06.2018
4. Fehleinschätzung
Nachdem Kamerun 1990 bis ins Viertelfinale vorgedrungen war, waren sich die meisten Experten - inkl. der einschlägigen Medienvertreter - einig, dass dies der Beginn einer Entwicklung sei, während der die afrikanischen Mannschaften zu den europäischen und südamerikanischen Teams aufschlössen. Ein afrikanischer WM-Gewinn wurde für das Jahr 1998 als möglich erachtet. Davon ist nun nicht mehr viel übriggeblieben. Es ist zwar in einigen der teilnehmenden Länder durchaus eine positive Entwicklung zu erkennen, jedoch - wie es im Artikel richtig heißt - schreitet der Fortschritt in den traditionellen Verbänden doch deutlich schneller voran. Wobei das Geld sicherlich keine untergeordnete Rolle spielt.
river runner 29.06.2018
5. Ein auf zwei Kontinente limitiertes Glücksspiel
Da die Bevölkerung Russlands überwiegend auf dem bis zum Ural reichenden Kontinent Europa lebt, rechne ich Russland für Fussballzwecke insgesamt dem europäischen Kontinent zu. Von den 16 Mannschaften im Achtelfinale stammen damit 10 aus Europa: Belgien, Dänemark, England, Frankreich, Kroatien, Portugal, Russland, Schweden, die Schweiz und Spanien. 10 europäische Mannschaften sind dennach besser als Deutschland. Der größte Teil von Mexiko ist dem nordamerikanischen Kontinent zuzuordnen, kulturell gehört Mexiko aber eher zu Lateinamerika. Bei einer solchen Zuordnung stammen dann 5 der 16 Mannschaften des Achtelfinales aus Südamerika: Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Uruguay. Mit Japan stammt nur eine einzige Mannschaft des Achtelfinales aus Asien. Fussball ist überwiegend ein Zwei-Kontinente-Sport: Europa und Südamerika, und allein aus Europa gibt es 10 bessere Mannschaften als Deutschland. Fussball ist ein auf zwei Kontinente limitiertes Glücksspiel, wo man mit wenigen Toren gewinnen und verlieren kann. In Asien und Nordamerika scheint das eher zu langweilen.
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