DFB-Aus in der Vorrunde Die Übermacht der Bequemlichkeit

Die deutsche Nationalelf hat eine historische WM-Pleite erlebt - und sie hat es verdient. Das Team hat sich darauf verlassen, dass es irgendwie schon wieder gut geht. Aber es ist nichts mehr gut mit dieser Mannschaft.

Joachim Löw (l.), Sami Khedira
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Joachim Löw (l.), Sami Khedira

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Man kann den Bundestrainer für manches kritisieren bei diesem WM-Turnier. Aber für seine Kurzanalyse nach dem 0:2 gegen Südkorea kann man ihm nur recht geben. "Wir haben es einfach nicht verdient gehabt, in dieser Gruppe weiterzukommen." So ist es.

In einer Gruppe mit den ausnahmslos schlagbaren Gegnern Mexiko, Schweden und Südkorea am Ende Letzter zu werden, ist der Ausweis, dass diese Mannschaft in Russland nicht im Ansatz in die Form gekommen ist, ihren Titel zu verteidigen. Das frühe Ausscheiden ist gerechtfertigt und erspart dem Löw-Team immerhin das Aufeinandertreffen mit den wirklichen Turnierfavoriten.

Gegen Südkorea, eine Mannschaft, die im Aufbauspiel zahlreiche Fehler macht, die ihre Konter nicht anständig zu Ende spielt, die nur einen Spieler von internationaler Klasse besitzt - gegen solch eine Mannschaft fand die Löw-Elf kein Mittel. Es war ein kraftloser, seelenloser, ideenloser Auftritt. Selten hat man diese begabte deutsche Mannschaft so unkreativ erlebt wie in diesen 90 Minuten von Kasan.

Wir erleben eine Weltmeister-Dämmerung

Der Mannschaft habe über all die Zeit "die Leichtigkeit und die spielerische Klasse gefehlt", sagt Löw. Jetzt kann man sehr einfach behaupten, man habe das kommen sehen. Aber tatsächlich hat dieses Team schon seit der Europameisterschaft vor zwei Jahren nicht (mehr) die Qualität für einen großen Titel. Zu viele verdiente Spieler scheinen über ihren Zenit hinaus zu sein. Sami Khedira, Thomas Müller, es ist auch eine Weltmeister-Dämmerung, die wir hier erleben.

Vor einem Jahr hat eine andere Mannschaft in Russland aufgetrumpft. Das junge Team, das den Confed Cup gewonnen hat, hatte so gut wie keinen Titelträger von 2014 in seinen Reihen. Profis, die vor Jahresfrist überzeugt hatten, wirkten jetzt gehemmt, fehleranfällig: Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Antonio Rüdiger. Künftig wird man beim DFB dennoch auf diese Spieler setzen, setzen müssen. Erfahrung allein, das hat diese Gruppenphase gezeigt, reicht nicht mehr aus, wenn auf der gegnerischen Seite Leidenschaft, Schnelligkeit und rasche Auffassungsgabe aufgeboten werden. Diese drei Attribute hatte das DFB-Team in Russland nicht.

Neuaufbau muss auch personell erfolgen

Es muss also einen Neuaufbau geben. Das unterscheidet die Situation von dem ebenfalls schockhaften Ausscheiden bei der EM 2012 in Warschau, als das favorisierte DFB-Team von Italien seine Grenzen aufgezeigt bekam. Die damaligen Spieler waren noch jung und willig genug, aus dieser Pleite zu lernen. Löw war es auch, selbst wenn er Zeit dafür brauchte. Zwei Jahre später war diese Mannschaft Weltmeister.

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Das kann man von diesem Kader nicht mehr erwarten. Die Weltmeister sind fast alle um die 30, sie könnten die nächsten beiden Turniere theoretisch weiterspielen. Aber wenn sich die Entwicklung verschärft, die man hier in Russland gesehen hat, dann ist das vermutlich keine gute Idee.

Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass Löw anders als vor sechs Jahren diesmal fast gelassen auf die Niederlage reagierte. Als hätte er schon mit ihr gerechnet. Dass er trotzdem noch einmal auf seine bewährten Kräfte vertraute, muss man dem Bundestrainer wahrscheinlich zur Last legen. Andererseits hatten sie ihn bisher nie enttäuscht, er hat einfach zu lange darauf gebaut, dass das im Ernstfall wieder so wird. Ein kapitaler Fehlschluss.

Löw ist jetzt zwölf Jahre Bundestrainer, er ist seit 14 Jahren beim DFB, weite Teile seines Betreuerstabs sind ebenfalls so lang dabei - vom Psychologen bis hin zum medizinischen Betreuer Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der noch mit Mitte 70 mit dem Arztköfferchen am Spielfeldrand sitzt.

Bisher war genau das der große Vorteil der Deutschen, dass sich im Team jeder auf den anderen verlassen konnte, weil er von jedem aus jahrelanger Zusammenarbeit wusste, was der andere tut. Schon bei der EM vor zwei Jahren zeigte sich aber, dass die Macht der Gewohnheit auch die Übermacht der Bequemlichkeit mit sich bringt. Jetzt kann keiner mehr bequem sein.

Ob jetzt eine dunkle Periode für den deutschen Fußball anbreche, fragte ein französischer Reporter den Bundestrainer. Löw verwies als Antwort darauf, dass "Deutschland in den letzten zehn, zwölf Jahren das konstanteste Team der Welt gewesen" sei. Aber das ist der Blick in die Vergangenheit. Es geht künftig um die entgegengesetzte Richtung.



insgesamt 224 Beiträge
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Mümmel 27.06.2018
1. Man kann ja verlieren.
Aber doch nicht gegen Südkorea, ein Land ohne jede Fussball-Tradition und ohne herausragende Fussballer.
M. Vikings 27.06.2018
2. Dazu fällt Einem nichts mehr ein.
Ganze 2 (zwei) Tore in 3 Spielen geschossen. Nicht Einer der Weltmeister von 2014 hat auch nur annähernd die Leistung von 2014 gebracht. Und die Neuen waren auch wenig effektiv. Man muss auch schon gewinnen wollen und dafür auch etwas tun.
weitergedacht2.0 27.06.2018
3. Genau analysiert
So ist es. Deutschland ist im Augenblick weit entfernt davon, eine „Fußballnation“ zu sein. Jogi Löw sei Dank.
fat_bob_ger 27.06.2018
4. Hinterher ist man immer schlauer!
Ja, alle Spiele waren schlecht oder bestenfalls leicht unterdurchschnittlich mit Glück. Man bewegt sich auf dem Gebiet des Leistungssportes, wo 5% weniger Leistung alles entscheiden. Hätte man eine jüngere Mannschaft aufstellen sollen? Mit dem heutigen Wissen ja! Was wäre gewesen, wenn J. Löw die Confedmannschaft aufgestellt hätte und man mit dieser verloren hätte, weil sie zu unerfahren war? Dann wäre jeder daher gekommen mit dem Hinweis, dass man doch erfahrene Spieler braucht. Es könnte also sein, dass es dieses mal eine sehr schwere Aufgabe für den Trainer war. Ich stimme der Aussage zu, dass man jetzt einen Neuanfang wagen sollte, ohne sofort große Ansprüche anmelden zu wollen.
a.meyer79 27.06.2018
5. Nicht ungewöhnlich
Ganz oben ankommen ist eine Sache, oben bleiben eine andere. Erschreckend, es hat der Wille gefehlt. Wie 1994 eine Pomadigkeit. Gut, es ist so wie es ist. Ein personeller Neuanfang. Allerdings nur bei den Spielen. Löw muss bleiben.
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