Deutscher Erfolg gegen Schweden Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Schweden-Krimi, dann Kroos' Zaubertor, Deutschland feiert den ersten Sieg bei dieser WM. Wird jetzt noch alles gut? Wenn es doch nur so einfach wäre - ist es aber nicht, wie Reaktionen der Spieler zeigen.

Antonio Rüdiger, Toni Kroos, Marco Reus
DPA

Antonio Rüdiger, Toni Kroos, Marco Reus

Aus Sotschi berichtet


Es ist die WM der späten Tore. 15 der bisher erzielten 71 Treffer fielen in Russland nach der 85. Minute. Darunter waren siegbringende Tore wie für England, Uruguay oder Iran.

Doch keiner dieser Last-Minute-Erfolge hatte die alles überstrahlende Bedeutung wie das 2:1 der DFB-Elf gegen Schweden nach dem Zaubertor von Toni Kroos.

Deutschland hätte nach einem Remis zwar noch theoretische Chancen auf das Erreichen des Achtelfinals gehabt, doch die WM-Reise des Titelverteidigers wäre sehr wahrscheinlich schon nach drei Spielen zu Ende gewesen. Zum ersten Mal überhaupt in der Historie der deutschen Nationalmannschaft.

Von der Euphorie und dem Jubel war aber kurz nach dem Spiel schon nicht mehr viel übrig. Ob ein solches Tor die Trendwende oder die Initialzündung fürs deutsche Team sein könnte, wurden viele Spieler gefragt. "Das muss man sehen", sagte Torschütze Kroos: "Wir sind erstmal froh, weil der Sieg sehr wichtig war." Und auch Jonas Hector, nach seiner Erkrankung wieder in der Startelf, antwortete verhalten: "Das wird sich die nächsten Tage zeigen. Wir müssen das Erlebnis mitnehmen." Die Ekstase war runtergedimmt zur Erleichterung.

Dabei sollten die Nationalspieler genau wissen, was solche Erlebnisse mit einer Mannschaft machen können. 2006 hatte Oliver Neuville ebenfalls in der Nachspielzeit auf Vorlage von David Odonkor den 1:0-Siegtreffer gegen Polen erzielt. Der damalige WM-Gastgeber, noch nicht so ambitioniert wie das heutige Team, wurde durch das Turnier getragen und erst im Halbfinale von Italien gestoppt. Auch vor vier Jahren flirtete der spätere Weltmeister mit dem Aus, im Achtelfinale gegen Algerien entstand durch zwei Tore in der Verlängerung ein Geist, der großen Einfluss auf den späteren Erfolg nahm.


Sind Ihre Nerven stark genug? Hier sind die Höhepunkte des Spiels im Video:

"Wir müssen diese Steilvorlage nutzen"

Ist eine solche Entwicklung auch jetzt wieder möglich? So ganz trauen die Spieler, egal ob in die Jahre gekommene Weltmeister oder aufstrebende Confed-Cup-Sieger, ihren eigenen Fähigkeiten noch nicht. Einzig Timo Werner, nach seiner Versetzung auf die linke Seite einer der Matchwinner, formulierte es etwas offensiver. "Das muss der Wendepunkt gewesen sein", sagte der Assistgeber zum zwischenzeitlichen 1:1: "Wir müssen diese Steilvorlage nutzen und durch das Turnier reiten."

Fotostrecke

15  Bilder
DFB-Sieg gegen Schweden: Rudys blutige Nase und ein Last-minute-Traumtor

Bundestrainer Joachim Löw war die Erleichterung ebenfalls anzumerken. "Es war ein Krimi voller Emotionen", sagte er. Seine auf vier Positionen veränderte Startelf war gut in die Partie gekommen, erspielte sich früh zwei gute Torchancen - und machte dann Fehler, die es nach dem 0:1 gegen Mexiko nicht mehr geben sollte. Leichte Ballverluste im Spielaufbau gaben Schweden Möglichkeiten zum Konter. Nach Rüdigers Fehler hatte die deutsche Elf noch Glück, weil Schiedsrichter Szymon Marciniak Jérôme Boatengs Foul an Marcus Berg nicht mit einem Elfmeter bestrafte.

Wenig später fiel dann aber doch das 0:1, diesmal hatte Passmaschine Kroos den Ball hergeschenkt und Ola Toivonen nutzte den Fehler aus. "Was mir gefallen hat: Dass wir nicht die Nerven verloren haben", sagte Löw, der in der Pause Ruhe angemahnt hatte. Daran hielt sich die Mannschaft auch nach dem Ausgleichstor von Marco Reus. Bis in die Schlussphase hinein wurden kaum lange Bälle in den Strafraum geschlagen, selbst als Boateng wegen wiederholten Foulspiels vom Platz gestellt wurde. Doch die Zeit verstrich, erst in der letzten Minute der Nachspielzeit schlenzte Kroos den Ball in den Winkel.

Unfaire Geste vor der schwedischen Bank

Kroos, der immer mehr zum Leader und Sprachrohr der Mannschaft wird, war es dann auch, der einen wunden Punkt ansprach. Er habe den Eindruck, dass sich in Deutschland viele ein Aus der DFB-Elf gewünscht hätten. "Bei mir kommt da ein Gefühl rüber, es macht viel mehr Spaß, schlecht über uns zu schreiben", sagte der 28-Jährige - und bekam Unterstützung von Reus: "Wer sich da alles zu Wort meldet und was in den vergangenen Tagen geschrieben wurde." Konkreter wurde Kroos nicht, klammerte die deutschen Fans aber explizit aus.


Was Kroos nach dem Spiel zu sagen hatte - hier im Video:

SPIEGEL ONLINE

Wie groß die Anspannung im deutschen Lager nach dem Fehlstart gegen Mexiko war, zeigte auch die Reaktion zweier Mitglieder aus dem Betreuerstab direkt nach Abpfiff. Sie stürmten Richtung schwedische Auswechselbank, jubelten auffällig offensiv und sorgten mit dieser unfairen Geste für erhebliche Verstimmungen im Lager des Gegners. "Ich sage nichts mehr dazu", wollte Trainer Janne Andersson aber keine Diskussion aufkommen lassen. "Wir haben uns sehr darüber geärgert."

Die deutschen Spieler sprachen unisono von einer guten Leistung. Tatsächlich war es kreativer, zweikampf- und abschlussstärker als noch gegen Mexiko. Doch die große Schwäche der vergangenen Monate, das Verteidigen von Kontern des Gegners, wurde auch gegen Schweden nicht komplett abgestellt. Wenige Sekunden vor Kroos' Tor hätte der eingewechselte John Guidetti einen Gegenstoß auf die linke Seite verlagern müssen, dann hätte Leipzigs Emil Forsberg frei vor Torhüter Manuel Neuer gestanden. Er tat es nicht, schloss lieber selbst ab und ermöglichte so erst das Foul an Werner.

Auch deshalb gibt es noch keinen Grund für Euphorie.

insgesamt 84 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ulisses 24.06.2018
1. Konsequenzen
Löw sollte mal Konsequenzen aus den zwei schwierigen, schlechten Spielen ziehen. Eins davon wurde verloren, wobei man noch Glück hatte, dass die Mexikaner zu dumm zum Verwandeln der Konterchancen waren. Eins wurde glücklich aber verdient gewonnen. Ich mag Tickitacka und Guardiola-Fußball. Aber speziell in KO-Spielen ist dieser Ballbesitzfußball manchmal genau die falsche Taktik. Fußball ist ein ungerechtes Spiel. Im Gegensatz zu Basketball oder Tennis kann auch der deutlich schwächere verlieren. Ein dummer Fehler, ein glücklicher Elfer etc. und du verlierst das Spiel. Natürlich musste Deutschland das Spiel selbst gestalten und nach dem Null zu Eins erst recht. Aber gegen México hätte ich einfach selber die ersten 30 Minuten hinten alles zu betoniert und dann den Gegner ausgekontert. Bzw. Man hat dann ja immer noch die Option, die Taktik radikal zu ändern. Schnelle Konterspiler hat Löw doch mit Reus, Werner und Sané (ach nee) und auch Özil wäre da viel besser. Wie SPON sehe ich auch leider Draxler als bisher sehr ineffektiven Spieler. Gegen Korea sollten sie es mal mit Özil auf der Zehn, Reus links und Müller als hängender Spitze versuchen. Und wenn Müller weiterhin so schwach spielt, sollte Löw Julian Brandt mal gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit bringen.
haralddemokrat 24.06.2018
2. Es ist zu hoffen,
das dieser Sieg eine Initialzündung auslöst. Die Mannschaft ist stark und kann was, das steht außer Zweifel. Man hat gesehen, das Einer für den Anderen da ist und das es „Typen“ gibt, die Verantwortung übernehmen und dann auch belohnt werden. Dieser Mannschaft ist noch einiges zu zutrauen. Auf gehts.
deepocean 24.06.2018
3. Natürlich...
gibt es keinen Grund zur Euphorie. Das weiss jeder, der einmal auf den Spielplan sieht und erkennt, dass wir hier von der Vorrunde reden.... ABER: Warum kann man sich nicht einfach nur freuen, dass die Nationalmannschaft in Unterzahl und bei allen Störgeräuschen (Erdogate, Watutinki, etc.....) in Unterzahl es einfach schafft .... Dieses Spiel hat auf jeden das Potenzial einen Wendepunkt darzustellen.... Football is coming home ;-)
mt1rs 24.06.2018
4. Kroos braucht defensive Absicherung
Toni Kroos war noch nie wirklich stark in der Devensive. Bei Real Madrid hat er Casemiro hinter sich, der ihn defensiv absichert. Das braucht er auch in der Nationalelf. Er kann einfach keinen defensiven Ausputzer spielen. Schon gar nicht gegen bessere Mannschaften. Z.b. Brasilien im AF. Eine Umstellung auf ein 4-3-3 wäre eventuell zu überlegen. 2014 sind wir gut damit gefahren und auch Real Madrid hat dieses System in den letzten Jahren ganz gut gespielt...
edeschlomms 24.06.2018
5. unwürdiges Verhalten
Ich hoffe die beiden DFB-Offiziellen sind bereits beim Koffer packen und werden nach Hause geschickt. Eine lapidare Entschuldigung dürfte nicht ausreichend sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.