Deutschland-Bezwinger Südkorea Den Nagel auf den Kopf getroffen

Südkoreas Nationalspieler werden Taegeuk Warriors genannt - und der Kampf ist so ziemlich das einzige Mittel dieser Mannschaft. Für Deutschland reichte das allemal.

Südkoreanischer Jubel
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Südkoreanischer Jubel

Aus Kasan berichtet


Für Südkoreas Trainer Shin Tae Yong hatte die Chance auf einen Sieg gegen Deutschland vor dem Spiel bei "einem Prozent" gelegen. Keine unrealistische Einschätzung, wenn man von einer deutschen Mannschaft in Normalform ausgegangen wäre. Doch normal war bei dieser Weltmeisterschaft aus DFB-Sicht fast gar nichts - und so stiegen die Möglichkeiten Südkoreas im Minutentakt.

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Dabei gingen die im Spielverlauf immer größer werdenden Unzulänglichkeiten im deutschen Spiel Hand in Hand mit dem wachsenden Selbstvertrauen der Taegeuk Warriors. "Ich hatte mir überlegt, welche Fehler Deutschland machen könnte und danach meinen Plan zurecht gelegt", sagte Shin nach dem Spiel. "Und ich muss sagen: Ich habe den Nagel auf den Kopf getroffen."

Zu Südkoreas Plan gehörte, die deutsche Mannschaft kommen zu lassen, das Zentrum mit zurückweichenden Sechsern zu verdichten und den schnellen Flügelspielern wie Marco Reus oder Timo Werner nicht so viel Beachtung zu schenken. Eigene Konter standen dabei zunächst nicht im Vordergrund, deshalb wurde die deutsche Abwehr in der ersten Hälfte nur selten in Verlegenheit gebracht.

Hinzu kamen zwei Eigenschaften, die bei einer Weltmeisterschaft zu den Grundtugenden einer jeden Mannschaft gehören sollten, dem erfolgsverwöhnten DFB-Team in den vergangenen Monaten jedoch abhandengekommen sind: Hohe Laufbereitschaft und intensive Zweikampfführung. "Wir waren darauf vorbereitet, dass alle Gegner gegen uns mit den Messern zwischen den Zähnen antreten werden", sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem Spiel, in dem Wissen, dass diese Erkenntnis eben doch nicht bei allen seinen Spielern angekommen war.

Südkorea hatte nur geringe Chancen, selbst noch die K.-o.-Phase zu erreichen, was die Motivation des Außenseiters aber nicht schmälerte. "Wir haben auch für das koreanische Volk gespielt", sagte Torhüter Cho Hyun Woo, der als bester Spieler der Partie ausgezeichnet wurde. "Wir sind nicht im Achtelfinale, aber wir haben den Weltmeister geschlagen", ergänzte Shin. "Das ist doch auch schon etwas."

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Zur Wahrheit dieses Spiels, in dem Südkorea in der Abwehr zu überzeugen wusste, gehört aber auch, wie harmlos sich Shins Mannschaft lange Zeit in der Vorwärtsbewegung anstellte. Ihr einziger Star, Tottenhams Son Heung Min, sollte es im Angriff allein richten, was seinem auf Raumgewinn ausgelegten Spiel nicht entgegenkommt. Die beste Torchance entsprang daher einem von Manuel Neuer schlecht parierten Freistoß von Jung Woo Young.

Miserable Konterverwertung

Als Südkorea dann die erste Drangperiode der deutschen Mannschaft mit guten Torchancen für Leon Goretzka und Timo Werner überstanden hatte, war es an der Zeit, Shins Matchplan zu erweitern. Die Fehler auf deutscher Seite häuften sich, die Raumaufteilung in der Rückwärtsbewegung wurde immer mieser und so ergaben sich diverse gute Konterchancen. Diese wurden aber mit unpräzisem Passspiel und großer Ballverliebtheit verspielt.

Nach Schwedens Führung im Parallelspiel gegen Mexiko waren die eigenen Ambitionen auf einen Platz im Achtelfinale endgültig zunichte gemacht worden und doch spielte Südkorea in der Schlussphase weiter auf Sieg. Die Belohnung folgte mit den Toren von Ki Young Gwon (92. Minute) und Stürmerstar Son (96.), was zu einem Freudenausbruch im Fernsehen führte.

An diesem Abend in Kasan reichte ein extrem limitiertes Südkorea, um dem deutschen Fußball einen ausdrücklichen Denkzettel zu verpassen.

Südkorea - Deutschland 2:0
1:0 Kim (90.)
2:0 Son (90.)
Südkorea: Cho - Lee Yong, Yun, Kim, Hong - Lee Jae Sung, Jung, Jang, Moon (69. Joo) - Koo (56. Hwang, 79. Go), Son
Deutschland: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Hector (78. Brandt) - Khedira (58. Gomez), Kroos - Goretzka (63. Müller), Özil, Reus - Werner
Gelbe Karten: Jung, Lee Jae Sung, Moon, Son / -
Schiedsrichter: Geiger (USA)
Zuschauer: 41.835 (in Kasan)



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
jaund2003 28.06.2018
1. Sie habe wohl..
.. ein anderes Spiel gesehen als ich! KOREA hat super verteidigt, und ist schliesslich mit Kontererfolgen belohnt worden. Die sportliche Überheblichkeit der Nationalmannschaft spiegelt sich in Ihren Worten wider!
stoffi 28.06.2018
2. Etwas Gutes hat das ganze Fiasko
Ein koreanischer Spielter weinte , weil er beim Ausscheiden zum Militär gemusst hätte. Nun darf er sich freuen und nicht nur über den Einzug ins Achtelfinale.
powerofvoice 28.06.2018
3. Strategien, die nicht immer aufgehen ...
schon im letzten Spiel hatte ich das Gefühl (Das war aber auch schon bei vorherigen EM/WM Spielen), dass die Elf nicht weiß, in welche Richtung man spielt. Guter Spruch von Bela Rethy: Liebe Zuschauer, das hier ist keine Zeitlupe, die Spieler laufen tatsächlich so. Als ich das Brasilienspiel schaute, schimpfte ich, das deren Strategie, erst mal hinten sich zu verteilen, um vorne den Raum freizuschaffen, ähnlich war, aber dort ging diese Strategie auf, weil die dennoch guten Serben nicht soooo mauerten wie die Koreaner. So konnten die Brasilianer erstaunlicherweise ziemlich schnell durch passende Lücken vor das serbische Tor und rein mit dem Ball. Sie hatten Glück- die Treffer passten. Bei den Deutschen passte es nicht, Pech- aber auch Trägheit und Ideenlosigkeit- auf ganzer Linie. Hätte vielleicht geklappt, wenn die Koreaner ohne Tormann gespielt hätten. Trainerwechsel? Ja. Nein, der Trainer ist nicht schuld, aber es ist ebenso so in der Politik, neue Besen kehren gut. Es fehlen andere Strategien und neue mutmachende Parolen. WM 2022 mit anderem Trainer!
touri 28.06.2018
4.
Zitat von stoffiEin koreanischer Spielter weinte , weil er beim Ausscheiden zum Militär gemusst hätte. Nun darf er sich freuen und nicht nur über den Einzug ins Achtelfinale.
Korea ist auch ausgeschieden. Mexiko hätte für ein Weiterkommen Koreas gewinnen müssen...
carinanavis 28.06.2018
5. Zur Wahrheit des Spiels
gehört auch, das die Südkoreaner etwa DREIMAL mehr Fouls als die Deutschen begingen. Es gehört auch dazu, dass sie etwa alle 15 Minuten eine schwere Verletzung vortäuschten (nach einem normalen, leichten Kopfball giff man sich an die Stirn, simulierte heftige Kopfschmerzen, LÄCHERLICH!). Das diente dazu die Deutsche aus dem Spielrhythmus zu bringen, Wasser zu trinken und sich selbst von der erheblichen,ermüdenenden Laufarbeit zu erholen, die bei durchgängigem Spiel Löws Taktik des "Müdespielens" vergeblich gewesen wäre . Südkoreas Sieg war pures Glück, ich kann keine gute fussballerische Leistung dieser unfairen Destruktivmannschaft erkennen.
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