DFB-Team nach dem Aus Mannschaft oder Gruppe?

Die Nationalmannschaft sei bei der WM in Russland auch an ihrer Grüppchenbildung gescheitert, heißt es. Aber daran lag es nicht. Die Wahrheit ist viel einfacher.

Mesut Özil (links), Sami Khedira
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Mesut Özil (links), Sami Khedira

Aus Moskau berichtet


Was jetzt passiert, war zu erwarten. Nach dem frühen und verdienten Aus der deutschen Mannschaft bei dem WM-Turnier in Russland wird die Ursachensuche in der Heimat nicht mit Samthandschuhen geführt. Jetzt wird mit dem Spaten gearbeitet.

Die "Bild"-Zeitung macht eine Grüppchenbildung im Team als Grund aus - zwischen einer angeblichen "Bling-Bling-Fraktion" und dem Block der Profis vom FC Bayern. Wobei - jetzt wird es etwas kompliziert - Bayern-Spieler Jérôme Boateng der ersten Gruppe zugerechnet wird. So wie auch Sami Khedira. Und natürlich Mesut Özil.

Nun ist Özil wahrscheinlich der am wenigsten extrovertierte Nationalspieler der vergangenen 20 Jahre, aber im Moment scheinen viele Mittel recht, den Mittelfeldspieler des FC Arsenal zum Sündenbock für das Ausscheiden zu erklären. Seit dem unsäglichen Erdogan-Foto steht Özil medial unter Dauerdruck, ein Druck, der im Turnierverlauf eher noch zugenommen hat.

Özil hat dem Druck nicht standgehalten

Dass Özil diesem Druck nicht standhalten würde, konnte man ahnen, wenn man ihn kennt. Özil braucht gut Wetter um sich herum, und mehr Wolkenbruch als zuletzt konnte es für ihn kaum geben. So wurde seine WM eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Özil spielte erwartbar unter seinem Niveau - als Folge konnte man ihn wieder als den Schuldigen ausmachen.

Thomas Müller, Mario Gomez, Oliver Bierhoff - sie alle haben bei der Weltmeisterschaft vehement dementiert, dass es eine Spaltung in der Mannschaft gäbe. Zwischen Weltmeistern und Confed-Cup-Siegern ebenso wenig wie zwischen den Spielern aus Einwandererfamilien und den anderen. Aber sie konnten das noch so oft betonen, es war, als redeten sie gegen eine Wand. In Teilen der Öffentlichkeit stand und steht das Urteil fest: Diese Mannschaft ist innerlich zerrissen.

Vor acht Jahren wurde das Team gefeiert

Die Stützen dieses Teams sind 2009 gemeinsam U21-Europameister und fünf Jahre später zusammen Weltmeister geworden. Khedira, Özil, Boateng, aber auch Manuel Neuer und Mats Hummels. Thomas Müller und Toni Kroos stießen 2010 dazu, bis heute ist dies das Gerüst der Mannschaft gewesen. Von Fraktionen war da niemals die Rede, obwohl es um exakt dieselben Spieler geht, die jetzt auseinanderdividiert werden sollen.

2010 wurde diese Mannschaft genau deswegen gefeiert, weil sie mit Spielern unterschiedlicher Herkunft das Land repräsentiert. 2018 hat sich die Stimmung in Deutschland sehr gedreht. Jetzt wird die Zusammensetzung des Teams als Indiz einer Spaltung genommen. Das sagt sehr viel über die Republik 2018 aus.

Sami Khedira hat im Interview mit der "Bild" angedeutet, man habe die Erdogan-Affäre unterschätzt, das habe der Mannschaft geschadet. Damit hat er zweifellos recht, aber das hat sich der Verband selbst zuzuschreiben. Das Krisenmanagement beim DFB hat nach der Affäre vollständig in die falsche Richtung agiert.

Es ging nicht mehr nur um Erdogan

Erst wurden die beiden Spieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan zum Bundespräsidenten geschickt, dann jedoch vor der Öffentlichkeit vollständig versteckt. Wenn man die Spieler in dieser Phase mit sanftem Druck dazu gebracht hätte, frühzeitig und öffentlich vor der Presse für ihren Fehler um Entschuldigung zu bitten, hätte das viel Wind aus den Segeln genommen. Stattdessen brannte sich die Affäre ins Volksempfinden durch.

Als vor allem Özil dann mehr und mehr dem Ressentiment ausgesetzt war, als es gar nicht mehr nur um Erdogan ging, sondern um die Frage, ob türkischstämmige Spieler ihren Platz in dieser Mannschaft haben dürfen, da herrschte nur noch Funkstille beim gesamten DFB.

Mit der Folge, dass zwei Spieler, die mehr als andere von der Rückendeckung ihres Milieus abhängig sind, vollkommen verunsichert in das Turnier gingen. Das hat der Mannschaft tatsächlich geschadet: Ein Özil und ein Gündogan, die nicht in der Lage sind, ihre gewohnte Leistung zu bringen.

Der Blick nach Schweden hilft

Man kann die Fälle nicht eins zu eins vergleichen, aber ein Blick nach Schweden ist dennoch hilfreich: Dort wurde der Spieler Jimmy Durmaz nach der Niederlage gegen Deutschland ebenfalls zum Sündenbock, weil er das Foul beging, das den deutschen Siegtreffer einleitete. Er wurde, weil er Kind assyrischer Einwanderer ist, übel rassistisch beschimpft. Die Schweden stellten sich daraufhin öffentlich und geschlossen hinter ihn. Und aus einer Mannschaft, die nach dem 1:2 in allerletzter Sekunde gegen Deutschland schon klinisch tot war, wurde ein Gruppensieger.

SPIEGEL ONLINE

Wer die vermeintliche Grüppchenbildung zum Grund für das Ausscheiden dieser Mannschaft macht, übersieht eine ganz einfache Tatsache: Die Tatsache, dass dieses Team einfach nicht mehr so gut war wie die Mannschaft 2014. In Rio waren die U21-Europameister von 2009 auf ihrem Höhepunkt, erfahren genug für die Herausforderung WM-Finale, gleichzeitig noch körperlich fit genug, ein Turnier durchzustehen.

Seitdem sind Khedira, Müller, Boateng und Hummels vier Fußballerjahre älter geworden. Anstrengende, belastende Jahre sind das gewesen. Jeder konnte in Russland sehen, welche Spuren sie hinterlassen haben.

Diese Mannschaft war nicht mehr frisch und schnell genug. Das ist ein Vorwurf, der ausnahmsweise einmal nicht nur an Mesut Özil geht.

insgesamt 234 Beiträge
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Seite 1
peter-11 30.06.2018
1. stimmt
sehr gute Analyse und eigentlich eine einfache und verständliche, wenn man die Spiele gesehen hat. So einfach ist Fussball.
mckberlin 30.06.2018
2. Jogi muss gehen
Ein neu Aufbau mit jungen frischen Spielern geht nur ohne Jogi
bardolino12 30.06.2018
3.
Nicht nur die Mannschaft war nicht mehr frisch und schnell genug, sondern vor allem ihr Trainer war es nicht. Sonst hätte er diese Mannschaft anders besetzt.
reminder99 30.06.2018
4. das Fazit stimmt
... und führt unweigerlich und zwangsläufig wieder zum Hauptgrund: dass diese ausgelaugten, physisch wie psychisch sich weit entfernt von einer Normalform, geschweige denn Topform befindenden Spieler überhaupt nominiert waren, von tatsächlich spielen ganz zu schweigen. Und das ist und bleibt die Verantwortung des Bundestrainer-Selbstdarstellers Löw, der wieder einmal nach persönlichem Gusto statt nach tatsächlicher Leistung nominiert und aufgestellt hat. Von der erfolgreichen U-21 nicht ein Spieler im Kader, das sagt doch schon alles. Löw muss endlich weg und mit ihm gleich mindestens die Hälfte des DFB Präsidiums, konkret alle Personen die an der Vertragsverlängerung Löws 5 Wochen vor dem Turnier beteiligt waren. Eine deshalb etwa fällig werdende Abfindung ist nur von diesen Personen zu verantworten und erfüllt für mich zumindest den Vorwurf des vereinsschädigenden Verhaltens.
nesmo 30.06.2018
5. Der Unterschied zu den Schweden
war aber, dass es dort um ein spielerisches Versagen ging, dass der Spieler ausgiebig bedauerte und bei Özil um ein "politisches Versagen" ging, dass Özil fast nicht kommentierte. Und Özils Schweigen verwunderte auch in der deutschen Mannschaft. Özils Problem wurde weder aufgearbeitet noch mannschaftsintern wirklich verziehen, es wurde einfach nur ignoriert und damit durch das Turnier weiter getragen.
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