WM-Auftakt der DFB-Elf Warum Julian Brandt gegen Mexiko spielen sollte

Deutschland einig 4-2-3-1-Land. Wenn es zum WM-Start gegen Mexiko geht, scheint die taktische Formation festzustehen. Doch der Bundestrainer sollte das System wechseln - und Julian Brandt in seine Startelf berufen.

Julian Brandt (l.)
Getty Images

Julian Brandt (l.)

Aus Moskau berichtet


Als Jonas Hector und Mats Hummels im letzten WM-Testspiel gegen Saudi-Arabien in der Nachspielzeit gemeinsam den Ausgleichstreffer durch Mohammad Al-Sahlawi verhinderten, sahen sich viele Experten bestätigt: Die DFB-Elf war neun Tage vor Turnierstart sehr weit von der Bestform entfernt, spielerisch konnte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw nur phasenweise überzeugen, und das Defensivverhalten stimmte in vielen Situationen nicht.

Nun ist es aber so, dass es vor jedem Turnier in der Löw-Ära schlechte Testspiele gegeben hat, man erinnere sich nur an die 3:5-Niederlage gegen die Schweiz vor der EM 2012 oder das 2:2 gegen Kamerun im Vorfeld der mit dem Titel gekrönten WM 2014. Dementsprechend entspannt gab sich Löw nach dem knappen 2:1-Sieg gegen Saudi-Arabien, der taktische Feinschliff sollte ohnehin in Moskau erfolgen.

Viel wichtiger waren Löw weiche Faktoren: Gier nach Erfolg, die richtige Körpersprache, der Teamgeist, die durchgängige Bereitschaft, Fehler der Mannschaftskollegen korrigieren zu wollen. Das lässt sich nicht trainieren.

Toni Kroos und Jérôme Boateng wirkten jedoch nicht allzu überzeugend, als sie in der DFB-Pressekonferenz am Donnerstag nach dem erhofften "Geist von Watutinki" gefragt wurden. Die Sportschule vor den Toren von Moskau sei "völlig okay", so Kroos, die Mannschaft sei nun mal da, um Fußball zu spielen. In Brasilien vor vier Jahren war die Atmosphäre im Campo Bahia ein wichtiger Faktor auf dem Weg zum vierten WM-Titel gewesen.

Ist Mesut Özil schon bereit für die Startelf?

Der Turnierauftakt am Sonntag gegen Mexiko (17 Uhr MESZ Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV ZDF) wird zeigen, ob Deutschland wieder einmal dem Ruf als Turniermannschaft gerecht wird. Seit 2008, seit Löw das Team allein verantwortet, wurde jedes Auftaktspiel zu Null gewonnen.

Dabei scheint schon im Vorfeld festzustehen, welche Formation der 58-Jährige auf den Rasen im Luschniki-Stadion schicken wird. Im bewährten 4-2-3-1 bleibt wohl nur offen, ob der gegen Saudi-Arabien geschonte Mesut Özil zurückkehrt und ob Löw dann auf der linken Seite die Wahl zwischen Julian Draxler und Marco Reus treffen muss.

Fotostrecke

23  Bilder
Endgültiger DFB-Kader: Das ist das WM-Team von Joachim Löw

Doch ist das gegen die routinierten Mexikaner, die in der Abwehr gerne auf Manndeckung zurückgreifen und ihre Stärken sicher in der Offensive haben, das richtige System? Sollte Löw nicht einen Überraschungseffekt einbauen?

Zuletzt trafen die beiden Mannschaften vor einem Jahr im Halbfinale des Confed Cups aufeinander, Deutschlands B-Elf gewann 4:1. In diesem Spiel ließ Löw sein Team in einem 3-4-2-1 agieren, was gut zum klassischen 4-4-2 der Mexikaner passte. Die beiden Stürmer Raúl Jiménez und Chicharito kamen im Zentrum kaum zum Zug, Deutschland hatte im Mittelfeld oft Überzahl und die schnellen Offensivspieler sorgten in der Abwehr für viel Unruhe.

Was für einen Systemwechsel spricht

Nun hat Mexikos Nationaltrainer Juan Carlos Osorio in den vergangenen Testspielen andere Formationen einstudieren lassen, doch weder im 4-1-4-1 gegen Dänemark (0:2), noch im 4-2-3-1 gegen Schottland (1:0) oder im 4-3-3 gegen Wales (0:0) wusste El Tri zu überzeugen. Deshalb könnte der in Mexiko massiv in der Kritik stehende Osorio wieder zum 4-4-2 zurückkehren.

Löw wiederum ist nicht dafür bekannt, seine Mannschaft am Gegner auszurichten. Trotzdem wäre die Rückkehr zum 3-4-2-1 die richtige Wahl. So beraubt man die Mexikaner, unabhängig von ihrer Formation, ihrer Stärken im Zentrum, während die zuletzt etwas wacklige Defensive des DFB-Teams gestärkt wird. Und das muss keine Entscheidung für das gesamte Turnier sein.

In der Dreierkette vor Manuel Neuer sollten dann neben Boateng im Zentrum seine Kollegen vom FC Bayern, Mats Hummels und Joshua Kimmich, beginnen. Denkbar wäre auch ein dritter Innenverteidiger, doch mit Kimmich ist mehr Flexibilität möglich. Zudem gäbe das Fünfer-Mittelfeld Löw die Chance, mit Julian Brandt auf der rechten Seite eine echte Überraschung zu nominieren. Der Leverkusener kann Mexikos offensiv ausgerichteten Linksverteidiger Jesús Gallardo vor große Probleme stellen.

Davor bleiben Kroos und Sami Khedira erste Wahl, Ilkay Gündogan scheint seine Bestform noch nicht gefunden zu haben. Auf der linken Seite ist Hector gesetzt, wie auch im Angriff Timo Werner. Bleiben noch die beiden Halbstürmer hinter Werner. Die Schnelligkeit von Reus und die unkonventionellen Laufwege von Thomas Müller runden diese unbequeme Formation ab.

So sollte Deutschlands Startelf gegen Mexiko aussehen: Neuer - Kimmich, Boateng, Hummels - Brandt, Khedira, Kroos, Hector - Müller, Reus - Werner.



insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pless1 15.06.2018
1. Interessanter Ansatz!
Ich muss gestehen, bei der Überschrift hatte ich noch heftige Bedenken, wie man ausgerechnet auf Brandt in der Startelf kommen könnte. Aber es stimmt: man denkt zu starr im 4-2-3-1. Da wäre Brandt dann ein Ersatz für Müller, was natürlich abwegig wäre. Die vom Autor hier gebrachte Variante ist aber in der Tat ein sehr interessanter Ansatz. Vor allem löst er das Problem, was man mit Özil macht, der einerseits physisch noch leicht angeschlagen zu sein scheint, andererseits wegen dieser unseligen Erdogan-Debatte den Kopf nicht frei haben kann. Özil positionsgetreu zu ersetzen ist schwer, weder Reus noch Brandt oder Draxler agieren bevorzugt so zentral. Sie sind allesamt stärker, wenn sie eher von außen kommen. Dies würde dieser Systemwechsel ebenfalls berücksichtigen. Bei einer Dreierkette würde ich allerdings eher zu einem dritten Innenverteidiger tendieren, da Kimmich zwar sehr flexibel ist und auch fußballerisch sehr stark, jedoch defensiv seine Schwächen hat. Man muss aber zugeben, dass in der Nationalmannschaft zuletzt weder Süle noch Rüdiger wirklich überzeugen konnten. Da fehlen heute leider Alternativen wie Mertesacker und Höwedes, die uns in Brasilien noch zur Verfügung standen. Von Lahm ganz zu schweigen.
mt1rs 15.06.2018
2. Gute Formation!
Die ganz offensive Variante wäre Draxler statt Hector. Draxler ist offensiv deutlich stärker und hat auch bei Paris schon links hinter Neymar gespielt.
Mister Stone 15.06.2018
3.
Spannende Analyse, die aber an einem Satz scheitert: "Davor bleiben Kroos und Sami Khedira erste Wahl". Khedira war noch nie erste Wahl und wird es auch nie werden. Wir haben im Kader mindestens 3 agile Spieler, die die Position neben Kroos besser füllen können. Darunter auch Gündogan!
hileute 15.06.2018
4. abenteuerlich
Brandt fehlt die Qualität und Löw wird niemals sein system wechseln. Nett gedacht, aber völlig illusorisch
marenghi 15.06.2018
5.
@Mister Stone: Khedira ist jetzt sicherlich nicht der komplette Traumspieler - aber er ist defensiv und läuferisch ein bisschen stärker als die Alternativen. Was das Entscheidende ist als Ergänzung zu Kroos. Man denke auch nicht, dass das ein mittelmäßiger Ligaspieler sei: Khedira wurde von Juve geholt, spielt dort regelmäßig Stammformation und wurde italienischer Meister. Dessen Qualität wird also zu Recht geschätzt. Zudem ist er in Form und mental stark. Lass also in den Vorrundenspielen Khedira/Kroos starten, und Gündogan in der 60. Minute kommen; perfekte Schonung für einen der beiden erstgenannten und Einsatzzeit, um Gündogans (Selbst-)Sicherheit aufzubauen. Wenn man träumen dürfte - na dann würde sicherlich einer der am häufigsten unterschätzten Spieler (beim Fußballfan zumindest, die Experten sind da ziemlich geschlossen einer, und zwar einer euphorischen Meinung) neben Kroos stehen: Sergi Busquets, der wahrscheinlich beste DM.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.