DFB-Gegner Schweden Die gelb-blaue Mauer

Schwedens Trainer Janne Andersson hat eine echte Einheit zur Verfügung. Der deutsche Gegner besticht durch seine Defensive - und seinen Teamgeist. Gegentore sind die Ausnahme.

Jubelnde Schweden
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Jubelnde Schweden

Aus Sotschi berichtet


Halmstad ist eine gemütliche Provinzstadt, es gibt eine Universität, man ist stolz auf ein Picasso-Werk, im Hafen dümpelt das Museumsschiff Najaden im Wasser. In Halmstad gönnt man sich keine großen Aufgeregtheiten, und deshalb glaubt man auch sofort, dass Schwedens Nationaltrainer von dort stammt.

Janne Andersson sieht ein bisschen aus wie ein gütiger Sozialkundelehrer, das war schon bei seinem Vorgänger Lars Lagerbäck ähnlich, aber es gibt wahrscheinlich keinen größeren Fehler, als den 56-Jährigen und seine Arbeit zu unterschätzen.

Vor zwei Jahren hat Andersson die Nationalmannschaft übernommen, zuvor hatte er den IFK Norrköping zum schwedischen Meister gemacht. Andersson hat das Nationalteam durch die vermutlich schwerste WM-Qualifikationsgruppe in Europa geführt, Frankreich und die Niederlande warteten als Gegner. Die Schweden haben die Franzosen, immerhin einer der Top-Favoriten auf den WM-Titel, 2:1 geschlagen, sie haben die WM-Träume von Oranje zerstört - und dann in den Playoffs auch noch die Italiener eliminiert. "Wir haben uns das redlich verdient, hier zu sein", sagt der Trainer.

Die Defensive - das ist ihr Ding

Die beiden Spiele gegen die Azzurri sind dabei ein guter Anschauungsunterricht dafür, was diese Mannschaft unter Andersson kann und was sie nicht kann. Das Hinspiel in Stockholm hatte die Elf 1:0 gewonnen, im Rückspiel stellte sie einen Abwehrriegel auf, der die Italiener, die Lehrmeister der Defensivkunst, schier verzweifeln ließ. "Schweden verteidigt super, da fühlen sie sich einfach wohl", sagt Joachim Löw. "Wir werden fast keine Räume haben."

Das klingt nach einem zähen Spiel, das die Zuschauer am Abend (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD und Sky) in Sotschi erwartet, aber das ist Andersson egal. "Die Deutschen werden sicherlich mehr Ballbesitz haben als wir, aber wir wollen unser Spiel abliefern." Schon ein Unentschieden, ermauert oder nicht, das wäre für die Schweden ein Ergebnis, mit dem sie leben und arbeiten könnten. Die statistische Gegentreffer-Quote der Mannschaft liegt bei 0,5 pro Spiel.


Im Video: Reporter Peter Ahrens über schwedische Gelassenheit

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Wer über schwedischen Fußball spricht, redet über Zlatan Ibrahimovic, nur die Schweden tun das nicht mehr. Auf der Presskonferenz vor dem Spiel wurde der in die Jahre gekommene Superstar, der bei der WM nur Zuschauer ist, gar nicht mehr erwähnt. Das Thema ist weit vor dem Turnier abgehakt worden. Stattdessen beschwören sie alle ihren Teamgeist, es ist schließlich der Nukleus so vieler skandinavischer Teams.

Ein Konter kann schon reichen

"Wir sind zusammengewachsen, wir können jedem Druck standhalten", sagt Kapitän Andreas Granqvist. Joachim Löw spricht von der "verschworenen Gemeinschaft Schweden, da arbeitet jeder für den anderen", und der Eindruck, den dieses Team macht, seit Andersson es übernommen hat, ist: Das ist kein Klischee.

Bei aller Geschlossenheit - es gibt auch die Spieler mit ihren individuellen Fähigkeiten. Emil Forsberg hat sie bei RB Leipzig oft genug bewiesen, Stürmerkollege Ola Toivonen beim FC Toulouse. Defensivspieler Victor Lindelöf hält bei Manchester United die Knochen hin. An Angreifer Marcus Berg erinnern sich die HSV-Fans eher mit Grausen, anderswo hat der mittlerweile 31-Jährige allerdings Treffsicherheit bewiesen. Inzwischen verdient Berg sein Geld in den Vereinten Arabischen Emiraten.

Schweden-Coach Janne Andersson
DPA

Schweden-Coach Janne Andersson

Die Spieler der Tre Kronor sind durchweg erfahren, mit den Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Jetzt haben sie die Chance, den Weltmeister aus dem Turnier zu befördern. "Für solche Abende bereitest du dich dein ganzes Leben vor", sagt Andersson. Granquist sagt: "Wir werden alles in die Waagschale werfen." Ein zu Ende gespielter Konter kann schon reichen.

Als Janne Andersson noch ein Schulkind in Halmstad war, war sein Sportlehrer Bengt Johansson. Später wurde Johansson Handball-Nationaltrainer und führte die Schweden nach ganz oben. Andersson sagt, er ist sein Vorbild. Johansson machte Schweden zum Weltmeister. Andersson kann zumindest den Weltmeister rauswerfen.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
sibbi78 23.06.2018
1. Hoffentlich
geht es der Mannschaft nicht wie Argentinien: Optisch hochüberlegenes Anrennen ohne Torerfolg gegen eine starke Defensive. Genau dafür sind skandinavische Mannschaften bekannt. Je länger das Spiel dann dauert, umso verzeifelten wird angerannt. Da kann man schnell in einen Konter laufen und alles ist aus... Toi, toi, toi - ich drücke die Daumen!
carinanavis 23.06.2018
2. da wird schweden zur übermannschaft
von Herrn Ahrens geschrieben. In den letzten 10 Spielen kassierten die Schweden 6 Tore, selbst von Fussballgroßmächten wie Estland und Rumänien. Von den beseren Mannschaften Niederlande und Chile gab es je 2 Treffer gegen die "gelb-blaue Mauer". Noch gravierender ist die minimale Torausbeute: ein halber Treffer pro Spiel, also ist das durchschnittliche Spielergebnis der Schweden 0,5 : 0,6. Vielleicht sollte man lieber auf das letzte Spiel gegen Südkorea als Leistungsmesser schauen, als auf das zudem äußerst glückliche Weiterkommen gegn Italien. Die schwedische Leistung war gegen Südkore nicht wirklich gut.
jurbar 23.06.2018
3. Wer bitte soll ein Tor für Deutschland schiessen?
Neuer in der 94. Minute ?
Freidenker10 23.06.2018
4.
Sehe gerade Belgien-Tunesien und selbst bei einer 4-1 Führung rennen die Belgier noch jedem Ball hinterher. Dieses Engagement würde ich mir heute Abend auch von unseren Jungs wünschen...!!!
hinz.und.kunz 23.06.2018
5.
Zitat von jurbarNeuer in der 94. Minute ?
Da gibt's doch genügend, die das schon getan haben: Boateng, Draxler, Gomez, Khedira, Kimmich, Kroos, Müller, Özil, Reus, Werner, ...
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