Ärger über DFB-Jubel Gewinnen lernen

Die Schweden haben erbost auf Gesten von DFB-Betreuern beim WM-Krimi von Sotschi reagiert - zu Recht. Denn egal, wie viel Druck auf dem Verband lastet: So was darf nicht passieren.

Oliver Bierhoff im Gespräch mit der schwedischen Seite
RONALD WITTEK/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Oliver Bierhoff im Gespräch mit der schwedischen Seite

Ein Kommentar von , Sotschi


In der 95. Minute entlud sich alles.

Als Toni Kroos mit seinem Freistoßtor in allerletzter Sekunde den Weltmeister vor dem vorzeitigen Aus bewahrte, gab es kein Halten mehr im deutschen Team. Die Ersatzspieler stürmten das Feld, allen voran Mats Hummels. Wenn man sich vorher Sorgen um seine Sprintfähigkeiten gemacht hatte, dürfte er die eindrucksvoll zerstreut haben. Dieser Treffer war wie eine Explosion für alle im deutschen Team. Spieler, Trainerstab, Betreuer.

Allerdings blieben nicht nur diese Emotionen hängen, einigen im DFB-Stab waren die Gefühle beim Abpfiff offenbar durchgegangen. Es gab Triumphgesten in Richtung schwedischer Bank, die man beim besten Willen nicht als freundschaftlich interpretieren konnte. Die Skandinavier, gerade zutiefst getroffen durch das späte Gegentor, zeigten ebenfalls Überreaktionen. Geschubse, Rangeleien. Die Medien in Schweden hatten ihr großes Thema.

Der DFB hat zwar noch am Abend per Twitter reagiert und von der "einen oder anderen Reaktion unseres Betreuerstabes" gesprochen, die "zu emotional" gewesen sei, "das entspricht nicht unserer Art". Teammanager Oliver Bierhoff hatte allerdings in der ARD zuvor noch einmal nachgelegt. Es habe diese Gesten auch gegeben, weil er den Schweden deren "destruktive Spielart" und das Zeitspiel nicht habe durchgehen lassen wollen.

Nun ist es zunächst einmal die Sache der gegnerischen Mannschaft, mit welcher Taktik sie als Außenseiter gegen einen Fußballweltmeister antritt. Und dass die Schweden nicht mit fliegenden Fahnen gegen Deutschland spielen würden, das dürfte auch Bierhoff im Vorfeld schon bewusst gewesen sein.

Sowohl Bierhoffs Reaktion als auch die Übersprunghandlung der Betreuer zeigen vor allem eines: Wie groß der Druck vor dieser Partie beim DFB gewesen sein dürfte. Die Niederlage gegen die Mexikaner hatte an den Nerven genagt, die Journalisten fragten bereits, ob jetzt eine Ära zu Ende gehe.

Ein vorzeitiges Ausscheiden hätte beim DFB auch Stühlerücken bedeuten müssen

Über einen Rücktritt des Bundestrainers war spekuliert worden, wenn das Spiel gegen die Schweden nicht funktioniert hätte. Die Kritik kam von allen Seiten, der DFB hatte vermutlich lange keine so schwierige Woche zu bewältigen wie die zwischen dem Mexiko- und dem Schweden-Spiel. Ein vorzeitiges Ausscheiden - das hätte beim DFB auch Stühlerücken bedeuten müssen. Dann hätte es kein Weiter-so geben können.

Aber auch der Umgang mit solchen Situationen gehört zur Unternehmenskultur. Krisenmanagement war aber noch nie die ganz große Stärke des DFB. Ob bei der Causa Sommermärchen oder bei diversen Affären um die Schiedsrichterei: Der Verband wird dann zur Wagenburg. Solche Anzeichen waren auch in der Vorwoche wieder deutlich zu bemerken - speziell am Tag nach der Niederlage von Moskau, als sich der DFB mehr oder weniger einigelte.

DFB-Büroleiter Georg Behlau jubelt nach dem Siegtor zum 2:1
DPA

DFB-Büroleiter Georg Behlau jubelt nach dem Siegtor zum 2:1

Am Samstag in Sotschi ist es noch einmal gut gegangen, der DFB ist an seiner schwersten sportlichen Pleite seit Jahrzehnten gerade so vorbeigeschrammt. Ein gewisses Verständnis für Überreaktionen kann man dann schon haben. Zumal auch die schwedische Bank nicht nur sportlich fair agierte und penetrant Gelbe Karten für deutsche Spieler forderte.

Schwedens Coach Janne Andersson fand trotzdem die besten Worte am Abend, nachdem er seiner Verärgerung über die Deutschen Luft gemacht hatte. "Nach dem Spiel benimmt man sich, man gibt sich die Hand und gratuliert, man hat Manieren." Die haben die DFB-Betreuer in diesem besonderen Moment vermissen lassen und damit die Magie des Augenblicks zwar nicht zerstört, aber beschädigt.

Das Verlieren hat die Nationalmannschaft gegen die Mexikaner lernen müssen. Jetzt ist wieder die Zeit, auch das Gewinnen zu lernen.



insgesamt 199 Beiträge
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Seite 1
telarien 24.06.2018
1. Aufgabe der Betreuer
Sollten nicht diese Betreuer hier gerade Vorbild für junge und emotionale Spieler sein?
echobravo 24.06.2018
2. Journalisten
Ja! Endlich! Wir haben das Haar in der Suppe gefunden! Natürlich darf dies nicht passieren, aber im Ernst, das ist eine Randnotiz.
stef_ma 24.06.2018
3. Beschämendes Verhalten!
Einfach ein ekelhaftes Verhalten von Behlau und Voigt. Sollte Konsequenzen haben. Habe mich sehr geschämt für dieses Verhalten. Gerade wir Deutschen dürfen so etwas nicht machen.
rant.biden 24.06.2018
4. Widerspruch
Widerspruch. Dass es Taktik sei, ein Spiel zu zerstören, mag ja sein. Das ist dann genauso Taktik, wie einen Elfmeter herauszuschinden oder den Gegner umzusäbeln. Was aber nichts daran ändert, dass dies bösartig, unfair und destruktiv ist. Und zu fordern, man möge doch nach einem derartigen Spiel den großzügigen Sieger geben ist nichts als ein weiterer Tritt. Das Verhalten der deutschen Funktionäre nach diesem Spiel ist verstandlich, wenn nicht angemessen.
wille17 24.06.2018
5. Behlau
Ein Büroleiter mit gänzlichem Kontrollverlust. Wie armselig. Platzwart wäre der bessere Job für ihn.
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