Drei Thesen zur WM Es gibt keine Großen mehr

Deutliche Favoritensiege? Sind bislang Mangelware bei der WM-Endrunde 2018. Die kleineren Nationen haben aufgeholt. Auch deshalb sind die Standardsituationen diesmal so wichtig.

Mexikos Edson Alvares (M.) bejubelt den Sieg gegen Deutschland
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Mexikos Edson Alvares (M.) bejubelt den Sieg gegen Deutschland

Von und Michel Massing


1. Es gibt keine Großen mehr

Wir sind weit weg von einem Favoritensterben, aber die großen Teams dieser WM haben bisher fast ausnahmslos enttäuscht. Die einzige Ausnahme heißt Belgien, das Panama souverän 3:0 besiegte. Dagegen taten sich Deutschland (Niederlage), Brasilien, Argentinien, Portugal und Spanien (alle Remis) sowie Frankreich (Auftaktsieg mit Glück und technischer Hilfe) schwer. England sicherte sich den Erfolg gegen Tunesien erst in der Nachspielzeit.

"Es gibt keine Kleinen mehr", wusste schon Ex-Bundestrainer Berti Vogts. Und auch bei diesem Turnier werden die sogenannten großen Fußballnationen ihrem Namen nicht mehr durch deutliche Siege gerecht. Weil sich der Abstand nivelliert hat. Auch die "kleinen" Länder haben gelernt, kompakt zu verteidigen und die Räume eng zu machen. Der kleinste WM-Teilnehmer Island ist geradezu berüchtigt für sein Defensivbollwerk.

Hinzu kommt, dass mittlerweile jede Fußballnation über gut ausgebildete Trainer und ein funktionierendes Scouting verfügt. Beispiel ist Mexiko, dessen Matchplan gegen Deutschland angeblich schon seit einem halben Jahr in der Schublade lag. Die DFB-Elf wurde klassisch ausgecoacht. Die kleinen und mittleren Länder haben aufgeschlossen. Kantersiege werden Mangelware bleiben.

2. Toreschießen wird schwieriger, Standards umso wichtiger

Eine Folge aus den verbesserten taktischen Fähigkeiten der sogenannten Kleinen: Es fallen weniger Tore - vor allem aus dem Spiel heraus. In nur drei von 14 WM-Partien waren es mehr als drei Treffer, viele Spiele wurden erst in letzter Minute entschieden, und meist hatten Ecken und Freistöße Einfluss auf den Ausgang. 16 von 32 Toren resultierten aus Standardsituationen.

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Englands Sieg gegen Tunesien: Kane sei Dank

Je weniger Platz für gepflegten Kombinationsfußball ist, umso wichtiger werden ruhende Bälle. Das zeigte nicht zuletzt die Partie zwischen England und Tunesien, in der alle drei Tore aus Standards resultierten.

3. Harry Kane wird WM-Torschützenkönig

In 94 Minuten gegen Tunesien hatte Englands Topstürmer Harry Kane nur 33 Ballkontakte (die wenigsten aller Feldspieler) und brachte lediglich drei Abschlüsse in Richtung Tor zustande. Der Tottenham-Profi wurde von den Tunesiern im Zentrum oft gedoppelt, war somit als Anspielstation meist abgemeldet und nahm kaum am Spiel teil.

Doch auch gegen einen so defensiven Gegner, der ihn zum Teil mit elfmeterreifem Zweikampfverhalten bearbeitete, war der Torjäger nicht gänzlich auszuschalten. Englands Kapitän blieb geduldig und bis zum Schluss konzentriert - und wurde mit seinen zwei Treffern zum Matchwinner.

Zwei Tore, obwohl er nahezu unsichtbar war - was passiert erst, wenn Kane mehr Platz hat und besser ins Spiel eingebunden wird? Keine Frage, der 24-Jährige kann zum Topstar des Turniers werden.

In einer früheren Version dieses Textes hieß es, 15 der 32 Treffer wären im Anschluss an Standardsituationen gefallen. Tatsächlich waren es sogar 16 von 32.



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mullertomas989 19.06.2018
1. Begabung plus Einsatz
Ich würde es anders sehen. Beim Thema "große Mannschaften" bewertet man doch oft das theoretische Potential / die Begabung einer Mannschaft. Hinzu kommt aber immer die Einsatzbereitschaft am Spieltag. Erst die Summe aus beidem ergibt die Stärke des Teams. Wenn ein großes Team dann halt nur 70% Einsatzbereitschaft zeigt, kann ein nominell schwächeres Team schon mal überholen..... Das gleiche sollte auch bei der Auswahl der Spieler gelten! Ein Özil ist theoretisch vielleicht der beste 10er der Welt. Aber andere kämpfen viel mehr und deshalb ist er im Ergebnis eher eine Wundertüte - andere (allein Reus!) sind tatsächlich besser!
sumeriandemon 19.06.2018
2.
Das Beispiel Portugal und Spanien ist in dem Kontext Quatsch. Mit Spanien und Portugal sind zwei Favoriten aufeinander getroffen, die nach einem hochklassigen, offenen und technisch versierten Spiel unentschieden gespielt haben. Wo kann man an dem Beispiel ein Favoritensterben ableiten? Davon abgesehen schließ ich mich dem Autor an, ein schwacher WM-Auftakt für die Großen.
Pless1 19.06.2018
3. Den Artikel sollte Löw lesen
Standards sind wichtig! Deutschland hatte Eckbälle zu Häuf, hat diese aber fast alle kurz ausgeführt. Das habe ich überhaupt nicht verstanden. Die Mexikaner waren allesamt nicht die größten, wenn man da Hummels und Boateng nach vorn schickt geht da immer was.
Papazaca 19.06.2018
4. In der Sache richtig, im Detail falsch
Spanien und Portugal als Beispiel für Groß und Klein anzuführen geht wohl an der Realität vorbei: Portugal ist die Nummer3, Spanien die Nummer 8. Und auch Island ist inzwischen die Nummer 21. Aber grundsätzlich stimmt die Analyse: Die Kleinen haben aufgeholt und können durch gute Defensiv-Leistungen, Konter und Standards sogar gewinnen.. Trotzdem wird kein "Kleiner" Weltmeister. Aber es könnte passieren, das ein Großer seine Stärken so effizient einsetzt, das er die "Ganz Großen" schlägt.
labuday 19.06.2018
5. in der Berliner Zeitung steht ein schöner Artikel eines Gehirn-
psychologen, der nachvollziehbar darlegt, warum Deutschland nicht seinen Titel verteidigen kann - und auch alle anderen nicht. Einfach gesagt: die Spieler werden träge und ruhen sich auf ihren Lorbeeren aus - nicht weil sie das so wollen, sondern weil Veränderungen im Gehirn stattfinden. Imeer der die gleichen Bewegungen und Denkansätze machen lustlos, es kommt nichts neues hinzu. Weiß der Volksmund schon lange - ist klar. Aber die einzige Lösung wäre: Nach einer WM den sofortigenh und vollständigen Umbruch durchziehen - am besten auch den Trainer wechseln. Die Geschichte gibt ihm Recht - die deutsche Nati und Löw auch. Also lehnt euch zurück, genießt schöne Spiele und laßt %e gerade sein. Wir werden nicht Weltmeister.
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