Drei Thesen zum Finale Effizienz ist King

Fangen wir von hinten an: Wenn ein Spiel diese WM gut beschreibt, dann das Finale. Frankreich siegte mit wenig Ballbesitz, durch Standards und dank Videobeweis.

Kante, Matuidi und Pogba attackieren Kroatiens Vrsaljko
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Kante, Matuidi und Pogba attackieren Kroatiens Vrsaljko

Von Philip Dehnbostel und Michel Massing


1. Der Ballbesitzfußball blieb auf der Strecke

"Der Ballbesitzfußball ist am Ende", lautete eine unserer Thesen nach Russlands überraschendem Sieg gegen Spanien im Achtelfinale. Es gibt auch andere Meinungen zu dem Thema. Es steht aber fest, dass Vertreter der Spielkontrolle wie die Spanier (im Schnitt 69,2 Prozent Ballbesitz), Deutschland (65,3 Prozent) und Argentinien (61,1 Prozent) unerwartet früh ausschieden. Weltmeister Frankreich setzte hingegen vor allem auf gute Absicherung der eigenen Angriffe, kalkuliertes Risiko und Konter aus einer disziplinierten Verteidigung.

Diesen Stil setzte Didier Deschamps auch personell um: Obwohl der Trainer zahlreiche exzellente Optionen für den Angriff im Kader hatte, standen mit Kylian Mbappé, Antoine Griezmann und Olivier Giroud meist nur drei Offensivspieler gleichzeitig auf dem Platz. Giroud fiel als Angreifer aber vor allem durch seine Defensivaktionen am eigenen Strafraum auf. Als nomineller Mittelstürmer brachte er im gesamten Turnierverlauf keinen einzigen Schuss aufs Tor.

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WM-Finale 2018: Fantastique, la France!

Das Endspiel stand exemplarisch für den französischen Fußball bei dieser WM. In drei der vier K.-o.-Spiele hatte Frankreich weniger Ballbesitz als der Gegner. Dazu gehörte auch das Finale, bei dem "Les Bleus" lediglich auf 34,2 Prozent kamen. Kroatien übernahm von Beginn an die Initiative, stand am Ende aber mit leeren Händen da. Es gewann nicht das optisch dominante Team, sondern die Mannschaft, die von sieben Abschlüssen sechs aufs und vier ins Tor schoss. Ballbesitz ist out, Effizienz ist King!

2. Standardsituationen und Eigentore sind die Sommertrends 2018

Die Weltmeisterschaft war geprägt von Standardtoren aller Art. 73 von 169 Treffern fielen nach ruhenden Bällen, das entspricht 43 Prozent - WM-Rekord seit Beginn der Datenerfassung 1966. Auch im Endspiel trafen beide Mannschaften nach ruhenden Bällen, Frankreich sogar doppelt.

Neben Freistößen und Ecken zählen auch Strafstöße zu den Standardsituationen. Gleich 22 Tore sind bei der WM auf diese Weise gefallen, die Elfmeterschießen nicht eingerechnet. Die Bestmarke lag zuvor bei 18 Elfmetern (1990, 1998 und 2002). Im Finale war Antoine Griezmann der Treffer zum 2:1 vom Punkt vorbehalten. Drei seiner vier Turnier-Tore erzielte Griezmann vom Punkt, auch Harry Kane, als bester WM-Torschütze Gewinner des "Goldenen Schuhs", kam auf drei Elfmetertreffer.

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Frankreich in der Einzelkritik: Drei gute Szenen - Mann des Spiels

Und dann wären da noch die zwölf Eigentore, die Spielern während dieser Endrunde unterlaufen sind. Bisher lag der Rekord für die meisten Eigentore bei sechs, aufgestellt 1998 in Frankreich. Auch hier wollte das Endspiel dem Trend in nichts nachstehen. Mario Mandzukic traf als erster Spieler in einem WM-Finale ins eigene Netz.

3. Der gute Einsatz der Videoschiedsrichter

Der Einsatz von Videoschiedsrichtern bei der WM wurde gerade in Deutschland kritisch beäugt. Während der vergangenen Bundesligasaison kam es immer wieder zu Kritik am VAR - meist berechtigt. In Russland funktionierte das Zusammenspiel zwischen Hauptschiedsrichter und den vielen Herren vor den Bildschirmen insgesamt gut.

In fast jedem Spiel gab es strittige Situationen, in den allermeisten Fällen wurden diese richtig aufgelöst. Zudem wurde das Publikum über die Entscheidungen informiert, mit Einspielung der entsprechenden Szenen auf den Videoleinwänden. Da die Technologie so gut bei der Aufdeckung hilft, kam es zu einer Flut an Handelfmetern. In diesem Punkt muss sich die Bundesliga sicher kein Beispiel an der Weltmeisterschaft nehmen.

Aber natürlich durfte auch dieses Element im Finale nicht fehlen: In der 34. Minute bekam Ivan Perisic den Ball aus kurzer Distanz an den ausgestreckten Arm, Schiedsrichter Néstor Pitana entschied zunächst auf Abstoß und erst nach ausgiebigem Videostudium auf Strafstoß. Griezmann verwandelte sicher.

insgesamt 21 Beiträge
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stoffi 16.07.2018
1. Egal
Man denke an den Spruch von Mertesacker---- Wie auch immer, sie haben gewonnen. Es zählen eben die Bälle, die im Netz des Gegners landen
dirk.resuehr 16.07.2018
2. Philosophie
Frankreich ist WM, sei ihnen gegönnt, hätte auch Belgien sein können oder am liebsten Kroatien. Also gleichwertige Mannschaften gabs mehrere, das beweist, dann gehts letztlich nur um Glück und den "richtigen" Schiedsrichter. Taktik hin oder her.
Wolfgang Porcher 16.07.2018
3. der falsche Weltmeister
Tore nach Schwalbenfreistoss und unberechtigten Elfmeter. Spielweise die nie im Sinne von zahlenden Zuschauern sein kann. Beim Handball wird gepfiffen auf Zeitspiel wenn sich nichts Richtung Tor bewegt. Der Fussball ist dagegen primitiv geblieben. Da wird noch gross eingefädelt wer mehr Ballbesitz hat durch hin und her schieben.
Gmorker 16.07.2018
4. gute Einsatz der Videoschiedsrichter
Ich stimme zu, das der Videobeweis während der WM weitestgehend positiv eingesetzt wurde. Das Finale würde ich allerdings nicht als Beispiel sehen. Der Freistoß, der zum 1:0 führte basierte auf einer klaren Fehlentscheidung. Da die Situation zu einer torgefährlichen Spielsituation führte, hätte der Videschiedsrichter hier eingreifen müssen, zumal er ausreichend Zeit hatte und die Bilder nach wenigen Sekunden klar machten, das es eher eine Schwalbe, denn ein ahndungswürdiges Foul war. Die Elfmeterentscheidung war dann umgekehrt. Es gab eine Berührung von Arm zu Ball, das stelle ich nicht in Frage. Allerdings war die Handhaltung nicht unnatürlich (der Spieler stand ja nicht still und kein Spieler hat die Arme an die Seiten genagelt, wenn er selbst grade im Strafraum springt) und es war absolut keine Absicht zu erkennen, bei der kurzen Entfernung von 1m die der Ball vom Rücken des Franzosen zurückgelegt hat, war Absicht kaum möglich. Insofern gab es hier keinen legitimen Grund für den Videoschiedsrichter, den Videobeweis für den Mann auf den Platz vorzuschlagen. Dieser hat dann zwei Minuten die Bilder angeschaut und dann "zweifelsfrei" Absicht und unnatürliche Haltung erkannt (das ist notwendig, um die Entscheidung zu treffen). ... Insofern sehe ich Frankreich nicht als überlegenen oder klar verdienten Sieger und den Videoassistenten in diesem Finale nicht als Vorzeigefunktion. (das heisst aber nicht, das ich generell gegen den Videobeweis bin. Er sollte halt nur auch richtig eingesetzt werden).
stoffi 16.07.2018
5.
Zitat von Wolfgang PorcherTore nach Schwalbenfreistoss und unberechtigten Elfmeter. Spielweise die nie im Sinne von zahlenden Zuschauern sein kann. Beim Handball wird gepfiffen auf Zeitspiel wenn sich nichts Richtung Tor bewegt. Der Fussball ist dagegen primitiv geblieben. Da wird noch gross eingefädelt wer mehr Ballbesitz hat durch hin und her schieben.
Entschuldigung, aber kennen sie überhaupt die Regeln? Wissen sie wo Arme und Hände NICHTS zu suchen haben? Wenn sie das wissen, wissen sie auch, das der Elfer berechtigt war. Der Schalbenfreistoss führte zu einem Eigentor, für das weder der Schiri noch das französische Team verantwortlich war und um die Schwalbe zu erkennen, hätte der Schiri ,,Zeitlupenaugen" haben müssen. Jeder glaubte an ein Foul, denn es kam kein Protest. Schön anzusehender Fussball bringt leider nicht dadurch den Sieg, sondern eine Taktik, die dazu führt, das der Ball im Netz des Gegners landet. Schauen sie doch Eistanzen, das sieht immer gut aus
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