Drei Thesen zum Sieg gegen Japan So kann Belgien Weltmeister werden

Was für ein Spektakel: Die Aufholjagd gegen Japan macht die konterstarken Belgier noch selbstbewusster. Das Viertelfinale gegen Brasilien könnte der nächste Thriller werden.

Belgischer Jubel
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Belgischer Jubel

Von Philip Dehnbostel und Michel Massing


1. Jetzt will Belgien auch den Titel

Bis zur 69. Spielminute stand es 2:0 für Japan, nach 90 Minuten 3:2 für Belgien. Drei Tore innerhalb von 25 Minuten, die Belgien vor einer Verlängerung oder sogar dem frühen Ausscheiden bewahrten. Es war das erste Mal seit 1966, dass eine Mannschaft in einem K.-o.-Spiel innerhalb der regulären Spielzeit einen Rückstand mit mindestens zwei Toren drehte. Portugal machte damals im Viertelfinale gegen Nordkorea aus einem 0:3 nach 24 Minuten ein 5:3.

Belgien zeigte eine überragende mentale Leistung. Einen Konter spät in der Nachspielzeit so präzise und cool auszuspielen, wie es Kevin De Bruyne, Thomas Meunier, Romelu Lukaku und Nacer Chadli taten, setzt eine ganz große Abgeklärtheit voraus. Gleichzeitig werden die "Roten Teufel" den Warnschuss verstanden haben, der von den clever und mutig agierenden Japanern ausging. Die letzten 25 Minuten dieses Achtelfinales bewirkten möglicherweise, was viele nach dem Toni-Kroos-Tor gegen Schweden glaubten: eine Turniererfahrung, die es auf dem Weg zum Titel braucht. Für Belgien ist Japan vielleicht das, was Algerien 2014 für Deutschland war.

2. Martínez reagiert personell, nicht taktisch - und macht letztlich alles richtig

Die Belgier taten sich lange schwer, ihre Offensivqualität auch erfolgreich einzusetzen. In der ersten Halbzeit brachten sie nur zwei Schüsse auf das Tor der Japaner. Diese wiederum attackierten immer wieder die neuralgischen Zonen der belgischen Defensive und kamen mit ihren Kontern in den Rücken der Flügelverteidiger. Roberto Martínez reagierte auf die Probleme seines Teams nicht mit taktischen Umstellungen. Er blieb bei drei (Innen-)Verteidigern, obwohl gegen meist nur einen Stürmer zwei zentrale Defensive ausgereicht hätten. Der freigewordene Spieler wäre eine Option für mehr Ballsicherheit im Mittelfeld gewesen.

Martínez wechselte stattdessen aus - und machte damit letztlich alles richtig. Mit Marouane Fellaini und Chadli kamen die Torschützen zum Ausgleich und Siegtreffer rein. Vor allem durch Fellaini kam Belgien vermehrt zu Flanken und konnte die Überlegenheit im Kopfballspiel noch besser ausnutzen. Die beiden ersten Treffer waren das Ergebnis dieser Stärke in den Luftduellen. Das zeigt: Auch wenn es taktisch keine neuen Impulse gibt, kann Belgien durch die Breite seines Kader jederzeit nachlegen.

3. Und jetzt wartet Brasilien im Viertelfinale

Die Ausgangslage vor dem Viertelfinale gegen Brasilien ist für die Belgier jetzt völlig anders als bislang im Turnier. Gegen den fünfmaligen Weltmeister müssen sie nicht das Spiel machen und können sich stattdessen voll auf ihr überragendes Konterspiel konzentrieren. Brasilien tat sich gegen tief stehende Gegner durchaus schwer: Costa Rica igelte sich mit einer Fünferkette ein und wurde erst spät mit 2:0 besiegt. Im Laufe des Turniers steigerte sich die Seleção und bewies, dass sie eine der wenigen Mannschaften bei diesem Turnier ist, die mit Ballbesitz umgehen kann.

Sagen Sie ihre Verabredungen ab, besorgen Sie sich einen Babysitter - am Freitag treffen zwei Teams aufeinander, die personell das Beste mitbringen, was diese WM zu bieten hat: Ballbesitz-Künstler gegen die Kontermaschine.



insgesamt 13 Beiträge
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thomasconrad 03.07.2018
1. Weltmeister
kann Belgien werden wenn es die nächsten drei Spiele gewinnt. Alles andere ist Spaltenfüllerei...
Axel Schön 03.07.2018
2. Trost..
Ein kleiner Trost für die früh ausgeschiedenen Deutschen wäre es vielleicht - immerhin haben die Belgier die gleichen Farben in ihrer Nationalflagge wie wir... nur halt nicht übereinander und in anderer Reihenfolge Schwarz - Gelb - Rot... Warum nicht? Fiebern wir mit unseren Nachbarn! Pommes für Alle!
Metalfan 03.07.2018
3. Schaun ma mal...
Spiele, die viel versprechen (und das gilt nicht nur für die WM), halten dies meist nicht. Zu groß dürfte die Angst vor dem Ausscheiden sein. Ich tippe mal auf eine Entscheidung im Elfmeterschießen nach langatmigen 120 Minuten.
OhMyGosh 03.07.2018
4. "Allemaal Samen, Tous Ensemble"
Eigentlich wollte ich ja nicht mehr reinschauen, aber habe mich gefreut wie Bolle, als die Belgier das Spiel dann doch noch drehten. Beeindruckend, welche Qualitäten ihr Kader hat und welche mentale Stärke dieses Team mittlerweile besitzt. Nun geht es gegen Heulsuse Neymar und die übrigen Schauspieler der Brazil-Charge. Ich hoffe und setze darauf, dass denen ihr " Mineiraço" immer noch in den Knochen steckt und den belgischen Konterkünstlern den Weg ins HF ebnet. Ja, "les Diables Rouges" können WM werden. Meine Daumen haben sie auf jeden Fall!
uhrentoaster 03.07.2018
5. Brasilien
Brasilien hat die bessere Abwehr und vielleicht auch bessere Einzelspieler. Normalerweise sollte Belgien gegen sie rausfliegen. Gespannt bin ich auf die Taktik der Brasilianer. Normalerweise spielen sie auf Angriff, aber gegen Belgien erwarte ich zunächst defensive Brasilianer, die auf Konter spielen. Würde ich jedenfalls so machen, wenn ich Trainer der Brasilianer wäre.
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