Englands Sieg im Elfmeterschießen Das Trauma ist überwunden

Erst scheitert Deutschland in der Vorrunde und jetzt das: England gewinnt ein Elfmeterschießen. Spielt die Fußballwelt verrückt? So überraschend wie es scheint, war der englische Erfolg aber gar nicht.

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Aus Moskau berichtet


Vor jedem WM-Spiel der englischen Nationalmannschaft schallt das Lied "Three Lions" durchs Stadion. Es ist die Hymne vor der Hymne, fast jeder Fußballfan ist mit der Melodie vertraut. Wenn man im Stadion sitzt und dieses Lied hört, kann einem ein Gedanke kommen: Was, wenn das Lied schuld ist?

Für gewöhnlich handeln Texte solcher Lieder von Triumphen, sie bestehen aus Schlachtrufen, "Vamos!", und stecken voller Pathos. In "Three Lions" aber, benannt nach dem Spitznamen der Nationalmannschaft, geht es um jahrelange Enttäuschung und die vage Hoffnung auf ein besseres Morgen. "Thirty years of hurt", heißt es, "never stopped me dreaming". "30 Jahre Schmerz haben mich nie aufhören lassen zu träumen." Das klingt nicht gerade nach Siegermentalität.

Die Enttäuschung vergangener Tage und die Hoffnung auf eine erfolgreichere Zukunft - Englands Nationaltrainer Gareth Southgate vereint beides in sich. Er hat am Narrativ von den englischen Elfmeterversagern großen Anteil, 1996 bei der Heim-EM im Halbfinale gegen Deutschland scheiterte er vom Punkt.

Zugleich ist es auch Southgate zu verdanken, dass nun mit diesem Narrativ gebrochen wurde: 4:3 gewann England gegen Kolumbien im Elfmeterschießen (nach 90 und 120 Minuten hatte es 1:1 gestanden). Zum ersten Mal überhaupt haben die Engländer ein Elfmeterschießen bei einer WM gewonnen. Nimmt man Europameisterschaften hinzu, war es der zweite Erfolg bei acht Versuchen. Eine erschütternde Bilanz.

Als Eric Dier den entscheidenden Elfmeter verwandelte, sank Southgate halb in die Knie und machte die Becker-Faust. In dieser Siegespose erstarrte er dann einige Sekunden, der Körper bebend, als hätte England gerade viel mehr erreicht als nur das Viertelfinale. Irgendwie stimmt das ja auch.

"Können wir ein K.-o.-Spiel gewinnen?"

"Dekaden der Enttäuschung" hätten die englischen Fans erlebt, sagte Southgate nach dem Spiel, es klang, als zitiere er aus "Three Lions". Dann sagte er, er hoffe, dieser Erfolg zeige nachfolgenden Generationen, dass sie sich nicht entmutigen lassen dürften von der Historie.

Es war ein Kampf gegen die sich selbst erfüllende Prophezeiung: Ich bin Engländer, also verliere ich im Elfmeterschießen. Aber selbst wenn für die Briten im Viertelfinale gegen Schweden Schluss sein sollte, so hat es dieses Team erreicht, dass künftig ein bisschen leiser gespottet werden muss, wenn es um englische Elfmeter geht.

Wochenlang ließ Southgate dafür Strafstöße trainieren und versuchte, Routinen zu entwickeln und Emotionen zu minimieren. Zum Beispiel, indem er seine Spieler von der Mittellinie zum Punkt schreiten ließ, um den langen, beschwerlichen Gang im Pflichtspiel zu simulieren. Je vertrauter die Situation, desto geringer die Angst.

Wer nach dem Spiel Harry Kane zuhörte, merkte, dass diese Angst zumindest nicht bei allen Engländern überwunden war. Der Sieg sei eine große Erleichterung gewesen, denn: "Vorher standen Fragen im Raum: Können wir ein K.-o.-Spiel gewinnen? Ein Elfmeterschießen?"

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Englands Sieg gegen Kolumbien: Ein historischer Moment

Vor dem dramatischen Höhepunkt dieses Achtelfinales hatten sich Kolumbien und England ein sehr umkämpftes Spiel geliefert. Als in der Halbzeitpause auf den Stadionmonitoren Szenen des ersten Durchgangs liefen, waren mehr Zweikämpfe als Torschüsse zu sehen. Besonders absurd wurde es nach dem Elfmeterpfiff, der zum 1:0 durch Kane führte. Zwischen Pfiff und Ausführung lagen 3:31 Minuten. Nacheinander belagerten kolumbianische Profis den Schiedsrichter und den Schützen, Linksverteidiger Johan Mojica machte den Marwin Hitz: Er versuchte, mit den Stollen den Elfmeterpunkt zu zerstören. Ohne Erfolg, Kane traf sicher.

So abgezockt sich der Stürmerstar wieder einmal präsentierte, so sehr musste sein Team in diesen 120 Minuten noch reifen. Kolumbien hatte sich gut vorbereitet: Trainer José Pekerman hatte sein eigenes System dem der Engländer angepasst und jedem der vier zentralen Offensivspieler in der Formation der Three Lions einen direkten Gegenspieler zugeordnet. Den englischen Spielaufbau lenkten die Südamerikaner zudem auf den linken Flügel, oder besser: weg vom rechten Flügel, wo Kieran Trippier und Jesse Lingard üblicherweise für mehr Gefahr sorgen als ihre Gegenüber.

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England versuchte dennoch, die eigene Spielidee durchzusetzen. Dass das zumindest teilweise gelang, lag an der Maßnahme Southgates, dem defensiven Mittelfeldspieler Jordan Henderson nach der Pause einen zweiten Spieler an die Seite stellte. Durch diesen zusätzlichen Mann im Aufbau kam England zu dem Angriff, aus dem die Standardsituation resultierte, die wiederum zum Strafstoß führte.

Wie fragil dieses englische Gebilde trotzdem ist, offenbarte sich aber spätestens, als Kolumbien in der Schlussphase der regulären Spielzeit und in der ersten Hälfte der Verlängerung Druck machte. England spielte passiv, die von Southgate so oft geforderte Spielkontrolle war dahin. Kolumbiens Trainer José Pekerman betonte hinterher zu Recht, wie knapp die Partie gewesen sei. "Wir haben nicht das Spiel verloren, sondern das Elfmeterschießen", sagte er.

Kane klang dagegen weniger wie jemand, der nur ganz knapp eine Runde weitergekommen war. "Wir glauben mehr als je zuvor an uns", sagte er. Groß feiern wolle das Team nicht, es habe schließlich noch einen langen Weg vor sich, sagte Kane, ohne das WM-Finale explizit zu erwähnen. Wer nach Jahrzehnten voller Niederlagen nicht aufhört zu träumen, tut es im Erfolgsfall erst recht nicht.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
viceman 04.07.2018
1. ganz schwache spiel der engländer,
ich behaupte mal , mit james bei kolumbien, wären die nichtmal in die verlängerung gekommen. interessant ist der "kopfstoß" des kleinen kolumbianers gegen den englischen riesen. die durchaus leichte berührung unterm kinn sorgte dafür, daß sich der englische goliath hinwerfen musste und ( in bester pepemanier) sich die stirn hielt...- es ist uneterträglich , was manche aktive fußballer für einen "sportsgeist" abliefern.. "respect " o.ä. totale fehlanzeige
coyote38 04.07.2018
2. Immer mit der Ruhe ...
Die britischen Vettern haben jetzt seit 210 Minuten aus dem Spiel heraus kein Tor mehr geschossen, sondern sich ausschließlich mit Elfmetern gerettet. Gegen Fußball-Weltmächte wie Tunesien und Panama hätte vielleicht sogar Deutschland noch gewonnen. Den Beweis aber, dass diese Mannschaft wirklich "was drauf hat", ist sie bisher schuldig geblieben.
Rebierhcs 04.07.2018
3.
Zu einem überragenden Elfmeterschießen würde gehören, dass alle 5 Schützen treffen. Dank der gütigen Mitarbeit Kolumbiens schied England aber nicht aus. Und ob ein Trauma überwunden ist muss erst noch bewiesen werden. Elfmeterbilanz jetzt 1:3 und insgesamt 2:8...also nur eine Momentaufnahme. Vielleicht haben sie ja gegen SWE die Möglichkeit daran zu arbeiten.
brunello82 04.07.2018
4. Yes
Freu mich für die Engländer. Southgate hat ein klasse Team zusammengestellt, dass all die Tugenden mitbringt, um noch sehr weit zu kommen. K.O. Spiele werden i.d.R. durch Willenskraft gewonnen und die ist bei den Three Lions mehr als vorhanden.
phboerker 04.07.2018
5. gönnen können
Ich gönne es den Engländern. Die sind so etwas wie ein kleiner Bruder, der immer im Schatten des großen stand und jetzt mal die Aufmerksamkeit für sich hat. Die Stimmung in der Mannschaft scheint gut, die Spieler sind hungrig, überschätzen sich nicht und haben einen geerdeten Trainer. Alles Eigenschaften, die dem großen Bruder gut zu Gesicht stünden...
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