Englands neue Torwart-Hoffnung Air Jordan

Englands Torwart - nein, nicht was Sie denken: Jordan Pickford hat im Auftaktmatch gegen Tunesien erst sein viertes Spiel als Nationalspieler gemacht - und gilt trotzdem als der Torhüter der Zukunft.

Englands Torwart-Hoffnung Jordan Pickford
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Englands Torwart-Hoffnung Jordan Pickford

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Diese Geschichte erzählt von einem Torwart, den man sich besser merken sollte. Gut möglich, dass Jordan Pickford der Oliver Kahn seiner Generation wird. Oder um es mit dem Selbstbewusstsein eines Jordan Pickford zu sagen: Gut möglich, dass sich die Menschen irgendwann mal an Oliver Kahn als den Jordan Pickford seiner Zeit erinnern.

So selbstbewusst wie der 24-jährige Engländer hat sich vor dieser WM kein anderer Torwart präsentiert. Und es ist nicht dieses glitzerfunkelnde Facebook-Selbstvertrauen mit dem sich viele seiner Kollegen den Anstrich der Unbesiegbarkeit geben wollen, Jordan Pickford ist offenbar sehr überzeugt davon, dass Jordan Pickford einer der besten Torhüter der Welt ist und völlig zurecht nach drei Länderspielen für die A-Nationalmannschaft Englands Stammtorwart bei dieser Weltmeisterschaft ist.

Gerne hätte er das im Auftaktspiel seiner Mannschaft gegen Tunesien (2:1) eindrucksvoll unter Beweis gestellt, nur fehlten dazu die Gelegenheiten. Beim Elfmeter von Farjani Sassi sprang er zwar in die richtige Ecke, konnte den Ball aber nicht erreichen. Er wird seine Klasse in den weiteren Partien unter Beweis stellen müssen.

Jordan Pickford kassiert gegen Tunesien einen Elfmetertreffer
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Jordan Pickford kassiert gegen Tunesien einen Elfmetertreffer

Pickford, ein Gewächs der landesweit berühmten Nachwuchsabteilung des AFC Sunderland, verdiente sich die ersten Sporen während diverser Leihgeschäfte. Eine harte, aber lehrreiche Schule: 2016 startete er mit Sunderland in seine erste Premier-League-Saison als Stammtorwart. Und stellte seine Qualitäten so eindrucksvoll unter Beweis, dass der FC Everton nach nur 29 Auftritten des Youngsters 25 Millionen Pfund zahlte. Nie war ein englischer Keeper teurer, aber was bedeuten schon Transfersummen in inflationären Zeiten wie diesen.

Wichtiger sind Zahlen wie diese: 10. November 2017, 0:0. Da feierte Pickford sein Debüt. Gegen Deutschland, den Weltmeister. Große Sportler nutzen ihre Chancen. Pickford brillierte mit zwei Glanzparaden gegen die Schüsse heranstürmender Weltmeister, und weil auch Marc-André ter Stegen eine jener Aktionen zeigte, mit denen Torhüter ein ganzes Stadion erstaunen, sprachen hinterher alle von den beiden jungen Schlussmännern. Große Sportler haben auch Glück und sind manchmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Pickford selbst hat sich bereits mit der jüngeren Version des derzeit wohl besten Torwarts der Welt verglichen: "De Gea ist der Beste. Aber so weit wie er vor ein paar Jahren bin ich jetzt auch." So hat man zuletzt Oliver Kahn über eigene Qualitäten sprechen hören, die großen Keeper der vergangenen Dekade sind fast durchweg Typ Schwiegermamas Liebling. Pickford ist anders als De Gea, Manuel Neuer oder Marc-André ter Stegen. Emotional und sportlich. Unter den ohnehin in der Regel fußballerisch gut ausgebildeten Schlussmännern, diesen Liberos 2.0, ist Pickford der beste Kicker. (Was ihn übrigens sehr von Oliver Kahn unterscheidet.)

Sein früherer Trainer David Moyes setzte ihn in Trainingsspielen gerne im Mittelfeld oder der Innenverteidigung ein. Vermutlich weil er es so unglaublich fand, dass ein Torhüter besser mit dem Ball am Fuß umgehen kann als einige Mitspieler. "Es ist, als würde man einem richtig guten Mittelfeldspieler zusehen", sagte Moyes begeistert. Aber Trainingsspiel ist Trainingsspiel, und im Tor ist der Engländer offenbar noch stärker als im Feld.

Seinen feinen linken Fuß setzt der 1,85 Meter-Mann anderweitig ein. Ähnlich wie Manuel Neuer, der einst mit seinen weiten und präzisen Abwürfen begeisterte, revolutioniert Pickford gerade die Abstöße. Regelmäßig leitet er Gegenangriffe mit Abschlägen bis weit über die Mittellinie ein. Pässe, so präzise gespielt, als habe Toni Kroos mit rechts gegen den Ball getreten. Chris Kirkland, früherer Torwart beim FC Liverpool, sagt sogar: "Ich habe noch nie jemanden so gegen den Ball treten sehen wie Jordan. Ich hätte die Bälle niemals so weit schießen können." Umso erstaunlicher, als er im Spiel gegen Tunesien einen weiten Pass ins Seitenaus setzte. Man wird vermutlich noch bessere Bälle in diesem Turnier von ihm sehen.

Für die Spielidee von Englands Nationaltrainer Gareth Southgate sind Pickfords Stärken Gold wert. Der frühere Auswahlspieler lässt seine Mannschaft überfallartige Angriffe aus der eigenen Hälfte inszenieren, Ballverluste gegen diese Engländer bedeuten große Gefahr. Ein Torhüter, der Bälle innerhalb von zwei Sekunden fangen und 60 Meter weit zum Mitspieler bringen kann, ist deshalb eine echte Waffe. Es gibt Spötter, die behaupten, einen besseren Verteidiger hat England seit Jahren nicht hervorgebracht. Und dieser Verteidiger darf sogar die Hände zur Hilfe nehmen.

Die Zeit ist auf Pickfords Seite

Für die WM hat Pickford übrigens auf seine angestammte Nummer verzichtet, in der Nationalelf trägt der Torwart die klassische "1". Die von ihm sonst aufgetragene "19" ist eine Reminiszenz an den großen Paul Gascoigne, der 1990 mit seinen selbstbewussten Auftritten dafür sorgte, dass England bis ins WM-Halbfinale vorpreschte und dort erst an den Deutschen scheiterte. Natürlich im Elfmeterschießen.

Um die nächste Schmach im "Shoot-out" zu verhindern, hat England in der Vorbereitung übrigens fleißig Elfmeter geübt, wie Pickford verriet: "Hinter den Kulissen arbeiten wir bereits hart daran, vorbereitet zu sein - auch den Weg von der Mittellinie. Wir haben hier viele gute Schützen, es war schwer, ihre Schüsse zu halten." Sein Nationaltrainer Gareth Southgate hat in dieser Hinsicht noch etwas gutzumachen: 1996 verschoss er den entscheidenden Elfmeter im EM-Halbfinale gegen Deutschland.

Die "Three Lions" scheinen also offenbar über einen Torhüter zu verfügen, mit dem man Weltmeister werden kann. Fragt sich nur: wann? Aber selbst die Zeit ist ja auf der Seite des Wunderknaben. Jordan Pickford hat seine Karriere als Nationalkeeper gerade erst begonnen.



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