Schwache Leistung gegen Mexiko Müller müsste schießen

Eigentlich unglaublich: Es ist WM - und Thomas Müller ist nicht in Form. Nach zehn Treffern 2010 und 2014 schoss er gegen Mexiko nicht ein einziges Mal aufs Tor. Noch schlimmer ist aber sein Defensivverhalten.

Thomas Müller verwirrt
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Thomas Müller verwirrt

Aus Moskau berichtet


Um Thomas Müller sind im Laufe der Jahre zwei Legenden gestrickt worden, die quasi als Fußballgesetz gelten. Der ewige Münchner sei ein Schleicher, ein Raumdeuter, ein unkonventioneller Fußballer, den kein Abwehrspieler ausrechnen könne - und deshalb sei Müller ein Torgarant. Erst recht bei Weltmeisterschaften, das ist das zweite Gesetz.

Der heute 28-Jährige schoss 2010 bei der WM in Südafrika fünf Treffer und ebnete 2014 mit seinen drei Toren im Auftaktspiel gegen Portugal den Weg zum vierten Titel. Insgesamt hat Müller bereits zehn WM-Tore erzielt. Diese Serie sollte in Russland selbstverständlich fortgeführt werden.

Doch bei der 0:1-Niederlage gegen Mexiko, der ersten Auftaktpleite für Bundestrainer Joachim Löw bei einem großen Turnier, gehörte der offensive Mittelfeldspieler zu den schwächsten Akteuren in einer insgesamt sehr mäßigen deutschen Mannschaft.


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Müller begann, wie so oft in der Nationalmannschaft, auf der rechten Seite, hatte aber alle Freiheiten, um diese auch mal zu verlassen. Er ist kein Flügelstürmer, der seine Gegenspieler ausdribbelt oder präzise Flanken ins Zentrum schlägt. Müller ist ein untypischer Rechtsaußen, der sich geschickt zwischen den Abwehrspielern bewegt und so zu Abschlusssituationen kommt.

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Doch all das wollte gegen aggressive Mexikaner nicht gelingen, Müller ging nach 90 Minuten ohne einen einzigen Torschuss in die Kabine. "Es ist schwierig, die Worte zu finden, die alle Gemüter beruhigen und gleichzeitig das Spiel korrekt analysieren", sagte Müller nach dem Spiel.

Müllers rechte Seite viel zu offen

Zur Geschichte dieser Pleite gehört einerseits das ideenlose Offensivspiel des DFB-Teams, aber eben auch die ungenügende Balance in der Rückwärtsbewegung bei Ballverlusten in der gegnerischen Hälfte. In Sachen Einfallslosigkeit ist Müller sicher der falsche Ansprechpartner, er ist eher der Abnehmer der Pässe von Mesut Özil, Toni Kroos oder Julian Draxler. Doch die deutschen Angriffe erinnerten über weite Strecken an ein Handballspiel, bei dem der Schiedsrichter wegen Zeitspiels irgendwann den Arm gehoben hätte.

Anders verhält es sich bei der Verteidigung der unzähligen Konterchancen der Mexikaner, die die Partie mit etwas mehr Mut schon frühzeitig hätten entscheiden müssen. Hier war es vor allem Müllers rechte Seite, die "El Tri" in schöner Regelmäßigkeit so viel Platz wie in einem E-Jugendspiel anbot. Sicher, eigentlich sollte die Absicherung die Hauptaufgabe von Rechtsverteidiger Joshua Kimmich sein, doch Bundestrainer Joachim Löw hatte Kimmich bewusst so hoch stehen lassen - und dann gehört es zu Müllers Aufgaben, mit aufzupassen.

"Die Krux am Ballbesitzfußball ist, dass man gegen konterstarke Mannschaften immer mal wieder Probleme bekommt", sagte Müller selbstkritisch. "In der ersten Halbzeit haben wir es nicht geschafft, aus der Defensive geordnet aufzubauen und gleichzeitig bei der Kontervermeidung besser zu stehen." Außerdem habe man die Mexikaner anders, weniger abwartend, erwartet.

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Er wird eine weitere Chance bekommen

Müller wäre aber nicht Müller, wenn er den Blick nicht gleich wieder nach vorne gerichtet hätte. "Wir haben uns einen extremen Druck auferlegt", ab jetzt gebe es eben nur noch Endspiele. Das erste steigt am kommenden Samstag gegen Schweden (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD und Sky), da muss ein Sieg her.

"Wir werden nicht alles über den Haufen werfen", kündigte Löw zwar an. Trotzdem wird es in den kommenden Tagen Diskussionen darüber geben, wie er die Mannschaft umbauen könnte. Vor dem Turnier galten die verbliebenen Weltmeister als gesetzt, die meisten aufstrebenden Confed-Cup-Sieger mussten sich noch gedulden - das könnte nun tatsächlich über den Haufen geworfen werden. Aber anders als Sami Khedira, der im defensiven Mittelfeld pomadig agierte und früh ausgewechselt wurde, muss Müller vermutlich nicht um seinen Platz in der Startelf bangen.

Fußballgesetze werden nicht nach einem schlechten Spiel abgeändert.



insgesamt 123 Beiträge
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inge-p.1 18.06.2018
1. Müsste es nicht besser heißen:
Müller hätte schießen müssen? Nun, diesmal schoss er nicht. Leistungsschwach, überbewertet, bedeutungslos - letztlich trifft es auf die gestrige Leistung aller Spieler der BRD Nationalmannschaft zu. Vielleicht wäre es aber auch Zeit, sich über den ideeenlosen Chaftrainer Löw Gedanken zu machen, ob er die BRD Mannschaft noch motivieren kann. Fehlentscheidungen bei der Nomentierung des Kaders, das Festhalten an mittelmäßigen Bayern-Spieler, das rückgratlose Verhalten bei der Türkei-Affäre - wird Zeit, dass er geht.
Brandolino 18.06.2018
2. Müller sieht ausgelaugt aus
Müller wirkt überspielt und ausgelaugt. Er sieht mit seinen 28 alt aus.
markus.pfeiffer@gmx.com 18.06.2018
3. Pomadig und satt
Viele Spieler sind seit dem Finale 2014 zu satt, schaffen es nicht mehr, die letzten 10% zwischen 89% und 99% draufzulegen. - Müller: In den letzten 4 Jahren ein Schatten seiner selbst. Hat in 4 Jahren vielleicht 10 gute Spiele gemacht, davon 9 bei Bayern und 1 in der Nationalmannschaft. Ancelotti wuste schon, warum er bei ihm nur noch Ersatz war. - Kroos: Mexico hätte gestern auch 4 Tore machen können, aber vor dem konkreten Gegentor trabte Kroos beim mexikanischen Konter pomadig in Richtung Strafraum zurück und hätte trotzdem noch fast getackelt; Die Szene hat das Tor zugelassen und war symptomatisch dafür, dass er nicht gewillt ist, alles zu geben. -Özil: Fand ich in Brasilien schon die Schwachstelle im Team, ist seitdem weder besser noch schlechter geworden (also inzwischen wieder guter Durchschnitt). Aber achtet mal auf seine Pässe: Er spielt fast nie den finalen Pass nach vorne sondern passt fast immer nach hinten - und wenn er mal nach vorne passt, dann ist es zu >80% ein Fehlpass (war schon in Brasilien so) - Khedira: Jetzt weiß ich, warum er vor dem Trainingslager statt Urlaub freiwillig extra Fitnesseinheiten eingeschoben hat. Hat nur leider wenig gebracht, ist sowas von außer Form (sage ich als Khedira-Fan seit seinem ersten Einsatz für den VfB damals). - Draxler: Nicht nur Plattenhardt war nicht ins Spiel eingebunden, auch Draxler lief leere Runden - aber wenn er den Ball hatte, machte er auch viel zu wenig daraus. - Werner: Ist nicht satt, aber das war gestern trotzdem ein bisschen zu wenig.Die einzige Alternative Gomez ist kein spielender Stürmer und muss Bälle serviert bekommen. WENN er die bekommt, wäre er sicher torgefährlicher als Werner. (Über nicht anwesende Alternativen brauchen wir uns im Moment nicht zu unterhalten). - Reus und Brandt haben mir nach der Einwechslung gefallen. Lasst die beiden statt Draxler links (Reus) und statt Müller rechts (Brandt) spielen. Zentral nur eine 6 (Kroos, Gündogan?) und davor Müller oder Özil (oder?) Vorne Werner (oder Gomez?) und hinten eine 5-er-Kette mit dem wieder fitten Hector, Süle, Hummels, Boateng und Kimmich; da dürfen Kimmich und Hector dann auch so spielen, wie Kimmich gestern gespielt hat, nämlich sehr offensiv.
Teigkonaut 18.06.2018
4. kein Einzelproblem
Das Müller unter seinen Möglichkeiten blieb war nicht das primäre Problem im deutschen Spiel. Die alten Herren sind zu langsam und hatten dem schnellen Umschalten der Mexikaner wenig entgegen zu setzen. In der Offensive fehlte dem Weltmeister das Überraschungsmoment. Symptomatisch für das ideenlose Antennen war ein Draxler, dem so gut wie nichts gelang. Dieser Herr, obwohl nicht Stammspieler bei PSG, hat aber Bestandesschutz bei Jogi. Sane wird sich ins Fäustchen gelacht haben.
prisma12 18.06.2018
5. Ich gönne Mexico,
das einsatzfreudig und konditionsstark gespielt hat, diesen Sieg. Und jetzt kommen die Fachleute mit dem angeborenen Konjunktiv aus ihren Löchern, was man hätte machen sollen, müssen und können, damit D gewinnt. Fussballspieler sind halt auch nur Menschen und ie "Wir hätten den Krieg gewonnen, wenn...-Masche" ist im Grunde eine Missachtung der Akteure. Und genauso gönne ich der kleinen Almdudler-Mannschaft aus der Schweiz,dass sie so gewaltig dagegen halten konnten. Satt Vuvuzela Kuhglocken, da wär doch mal was. Und bitte: Alles nicht so ernst nehmen. Es ist ein Speiel, mehr nicht.
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