Frankreichs Trainer Deschamps Didier auf vollen Touren

Frankreich ging als einer der Favoriten in die WM, konnte aber nicht überzeugen. Doch gegen Argentinien zeigten Les Bleus ein begeisterndes Spiel - auch dank der Ideen von Trainer Deschamps.

Didier Deschamps
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Didier Deschamps

Aus Kasan berichtet


Didier Deschamps hat in seinem Leben schon viele Titel gewonnen. Er ist Welt- und Europameister, als Spieler holte er außerdem zweimal die Champions League, wurde Meister in Frankreich und Italien. Als Trainer gewann er ebenfalls einen Meistertitel, Deschamps stieg mit Juventus in die Serie A auf. Und doch haftet an seiner Trainerkarriere der Vorwurf, in großen Spielen nicht das Optimum aus seiner Mannschaft herauszuholen.

Das liegt an der WM 2014, als er im Viertelfinale gegen Deutschland verlor und an der Europameisterschaft im eigenen Land vor zwei Jahren. Da schaffte Frankreich zwar die Revanche gegen die DFB-Elf, verlor aber das Finale gegen Portugal. Deschamps wurde im Anschluss stark kritisiert, durfte die Équipe Tricolore aber trotzdem ins nächste große Turnier führen. In Russland steht Frankreich nun im Viertelfinale, nach einem 4:3-Erfolg gegen Argentinien.

Damit haben die Franzosen selbstverständlich immer noch keinen Titel gewonnen, und auf dem Weg zur zweiten Weltmeisterschaft nach 1998 warten weitere schwere Gegner. Aber es war ein Sieg gegen eine große Mannschaft, unter schwierigen Bedingungen und mit einer Begeisterung, die den Mitfavoriten im bisherigen Turnierverlauf nicht ausgezeichnet hat. Vor allem war es aber ein Sieg Deschamps', der seinem Team die richtigen Dinge mitgeben hatte. "Das ist meine Profession, ich will als Trainer solche Spiele leben", sagte der 49-Jährige.

Vor diesem Achtelfinale hatte sich Deschamps im letzten Gruppenspiel gegen Dänemark für eine Rotation entschieden, die kritisiert wurde. Er nehme seinem Team so die Möglichkeit, sich weiter einzuspielen. So könne der Spielfluss gehemmt werden, nach einer Partie auf der Bank könne es für seine Spieler schwierig sein, wieder den Rhythmus aufzunehmen. "Wir haben den Gruppensieg erreicht, das ist das Wichtigste", hatte Deschamps seinen Kritikern geantwortet und auf die Bedeutung von ausgeruhten Kräften im Achtelfinale hingewiesen.

Er sollte Recht behalten. Der geschonte Kylian Mbappé erzielte gegen Argentinien zwei Tore, der gegen Dänemark ebenfalls aussortierte Stuttgarter Benjamin Pavard traf mit einem sehenswerten Schuss in den Winkel zum zwischenzeitlichen 2:2. Als Frankreich zu Beginn der zweiten Hälfte in Rückstand geriet, hatte die Mannschaft genügend Reserven, um schnell zu antworten und das Spiel erneut zu drehen. "Mein Team ist jung, aber die Spieler haben einen tollen Charakter", sagte Deschamps. "Als wir 1:2 zurückgelegen haben, hat die Mannschaft ihre Mentalität gezeigt. Ich bin so stolz."

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Frankreich in der Einzelkritik: Griezmann mit Eiswürfeln in den Beinen

Dass es überhaupt so weit kommen musste, ist der einzige Vorwurf, den sich das französische Team gefallen lassen muss. Frankreich ging früh durch einen Elfmeter von Antoine Griezmann in Führung, hatte zwei weitere gute Gelegenheiten durch Freistöße und bestimmte das Spiel über die starke rechte Seite mit Mbappé, Pavard und den immer wieder auf die Flügel ausweichenden Paul Pogba und Griezmann. Was fehlte, war die letzte Entschlossenheit, auf das zweite Tor zu drängen. Stattdessen wurde Ángel Di María einmal zu viel Platz gelassen und kurz nach der Pause fiel ein unglückliches Tor im Anschluss an einen Eckball.

Kanté lässt Messi nicht zur Entfaltung kommen

Die von Deschamps gelobte Mentalität beinhaltete auch die Rückkehr zum Plan des Trainers, der in der Anfangsphase so gut funktioniert hat. Frankreich überließ Argentinien den Ball, ließ Lionel Messi im Zentrum durch den erneut starken Balleroberer N'Golo Kanté nicht zur Entfaltung kommen und schaltete dann über den von keinem argentinischen Abwehrspieler zu haltenden Mbappé schnell um.

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WM 2018: Die Sieben-Tore-Show

Der Verzicht auf Ballbesitzfußball war der entscheidende Schachzug von Deschamps, wie schon gegen Peru ging die passivere Rolle gut auf. "Argentinien ist in der Offensive besser als in der Abwehr", sagte der französische Trainer. "Deshalb haben wir das so geplant, wir mussten uns nur gut um die Verteidigung des Zentrums kümmern."

Gegen Uruguay im Viertelfinale am kommenden Freitag (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird sich Deschamps womöglich einen neuen Plan überlegen müssen. Das Team von Trainer Óscar Tabárez hat bei dieser WM erst ein Gegentor bekommen, agiert aus einer sehr stabilen Defensive heraus und sieht Ballbesitz - wie im Achtelfinale gegen Portugal - auch nicht als grundlegende Bedingung für ein erfolgreiches Spiel.

"Ich kenne Uruguay nicht so gut", sagte Deschamps. Das wird sich nun ändern.

Frankreich - Argentinien 4:3 (1:1)
1:0 Griezmann (13., Foulelfmeter)
1:1 Di María (41.)
1:2 Mercado (48.)
2:2 Pavard (57.)
3:2 Mbappé (64.)
4:2 Mbappé (68.)
4:3 Agüero (90.+3)
Frankreich: Lloris - Hernández, Umtiti, Varane, Pavard - Pogba, Kanté - Matuidi (75. Tolisso), Griezmann (83. Fekir), Mbappé (89. Thauvin) - Giroud
Argentinien: Armani - Tagliafico, Rojo (46. Fazio), Otamendi, Mercado - Banega, Mascherano, Pérez (66. Agüero) - Di María, Messi, Pavón (75. Meza)
Zuschauer: 42.873
Schiedsrichter: Alireza Faghani (Iran)
Gelbe Karten: Matuidi, Giroud / Rojo, Tagliafico, Mascherano, Banega, Otamendi



insgesamt 7 Beiträge
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tollesSpiel 30.06.2018
1. 2012
Didier Deschamps hat Frankreich 2012 übernommen. Ein Haufen junger Wilder, die er zu einer Mannschaft geformt hat. Das ist 6 Jahre her. Falls Deutschland einen radikalen Umbruch wagen sollte (was ich bezweifele), dann werden wir vor 2022 nicht auf int. Topniveau sein. Allerdings, wenn Deutschland an seiner satten Truppe festhält, werden wir noch eine WM vergeigen.
RalfHenrichs 01.07.2018
2. So hätte Deutschland niemals spielen können
Und damit meine ich das 3. Gruppenspiel. Deutschland entschuldigt sich ja immer noch für die Schande von Gijon. Frankreich zuckt da einfach mit den Achseln. Die deutschen Spieler müssen nämlich drei Sachen erfüllen: erfolgreich sein, gut spielen und Vorbild sein. Damit sind sie überfordert. Andere setzen Beisser (Uruguay), Steuerbetrüger (Argentinien, Portugal) ein oder spielen extrem unsportlich (Frankreich, Dänemark, Belgien, England). Erst wenn die deutschen Fans und Medien akzeptieren, dass Fussball sich in diese Richtung entwickelt hat, können sich die deutschen Fußballer wieder auf Punkt 1 und 2 konzentrieren.
janowitsch 01.07.2018
3. Nicht schön, aber effektiv
Mal sehen, wie weit es für die Franzosen geht. Immerhin haben sie ja 3 Gegentore gefangen. Sie haben vor allem athletisch herausragende Fußballer. Schön fand ich deren Spiel bisher noch nicht, nur total effektiv.
womau1962 01.07.2018
4. Teile nicht diese Einschätzung
Ich teile die Einschätzung Frankreichs ganz und gar nicht. Gegen Argentinien in dieser Verfassung drei Gegentore zu bekommen macht mich sehr nachdenklich. Frankreich ist defensiv sehe anfällig und wird zudem gegen Uruguay nicht die Räume bekommen. Wie sie mit dieser Situation umgehen ist entscheidend für das weitere Turnier, nicht das Argentinien Spiel.
goliath1980 01.07.2018
5. Hätte Pavard...
...und Mbappe bei Löw gespielt? Immerhin ist Deutschland amtierender Europameister der U 21 ! Wie viele Spieler waren davon bei der WM dabei? Richtig- Keiner!
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