Frankreichs Erfolg gegen Belgien Frechheit siegt - und wird Weltmeister

Nicht unbedingt schön, aber erfolgreich: Frankreich steht nach dem knappen Sieg gegen Belgien im WM-Finale. Das Zeitspiel der Équipe Tricolore sorgte für Ärger - doch so wird man Weltmeister.

Jubelnde Franzosen
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Jubelnde Franzosen


Der genialste Moment der WM: Sollte es für den Begriff Weltklasse noch eine Steigerung geben, würde er vermutlich Kylian Mbappé heißen. Der Offensivspieler der Franzosen zählt mit seinen 19 Jahren zu den besten Spielern in Russland. Was er im WM-Halbfinale in der 56. Minute anstellte, war schlicht sensationell: Mbappé stand mit dem Rücken zum gegnerischen Tor und leitete den Ball durch drei Spieler hindurch auf den freistehenden Olivier Giroud. Jeder Mensch, der selbst mal auf dem Fußballplatz gestanden hat, weiß, wie schwer ein solcher Pass ist. Einziger Makel: Giroud vergab die Chance anschließend freistehend. Zum Sieg reichte es dann trotzdem.

Das Ergebnis: Frankreich gewinnt 1:0 gegen Belgien und steht zum dritten Mal nach 1998 und 2006 in einem WM-Finale. Hier geht es zur Meldung.

Die erste Hälfte: Bewegte sich insgesamt auf hohem fußballerischen Niveau. Am Anfang hatte Belgien leichte Vorteile und kam zu guten Chancen durch Eden Hazard (15. Minute) und Toby Alderweireld (19.). Danach kippte die Dominanz jedoch und Frankreich war das bessere Team. Allerdings ließen auch Olivier Giroud (31.) und Stuttgart-Profi Benjamin Pavard (39.) aussichtsreiche Gelegenheiten ungenutzt.

Die zweite Hälfte: Sechs Minuten nach dem Seitenwechsel köpfte Samuel Umtiti Frankreich nach einer Ecke von Antoine Griezmann in Führung. In der Folge verteidigte das Team von Trainer Didier Deschamps das 1:0 und ließ nur noch zwei erwähnenswerte Chancen der Belgier zu: Marouane Fellaini köpfte knapp neben das Tor (65.), Axel Witsel scheiterte mit einem wuchtigen Distanzschuss an Keeper Hugo Lloris (81.).

"Big Faily" statt "Big Felli": Fellaini wird von den Fans seines Klubs Manchester United aufgrund seiner Größe von 1,94 Metern liebevoll "Big Felli" genannt. Der Mittelfeldspieler verliert selten Kopfballduelle. Anders in der 51. Minute: Fellaini kam nach Griezmanns Ecke zu spät, der elf Zentimeter kleinere Umtiti setzte sich im Zweikampf mit dem Belgier durch und köpfte unhaltbar für Torhüter Courtois ins Tor. Dieses verlorene Kopfballduell wird Fellaini nicht vergessen.

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WM-Finale: Glück, wohnhaft in Frankreich

Französischer Verlierer: Arsenal-Legende Thierry Henry wird sich über den Sieg seiner Landsleute nur wenig freuen können, schließlich ist er Co-Trainer der belgischen Nationalmannschaft. 1998 hatte er mit Frankreich selbst den WM-Titel gefeiert. Damals war er 20 Jahre alt - und ein gewisser Kylian Mbappé noch gar nicht geboren. Im Gegensatz zu Henry damals wird Mbappé dieses Mal allerdings ziemlich sicher in der Startelf stehen.

Clever genug für den Titel: Lange warten beim Einwurf, den eigenen Körper an der Eckfahne zwischen Ball und Gegner stellen, nach einem Foul ein paar Sekunden länger als sonst auf dem Boden liegen bleiben. Das sind nur ein paar Verhaltensweisen, die jeder halbwegs erfahrene Spieler aus der Kreisliga an den Tag legt, um eine knappe Führung über die Zeit zu bringen. In einem WM-Halbfinale sieht es nicht anders aus: Mbappé balancierte den Ball mit den Armen hin und her, ließ ihn zufällig fallen - und spielte ihn dann ganz langsam zum Gegner zurück. Die Franzosen haben sich einfach clever verhalten. Als neutraler Beobachter kann man davon halten, was man will.

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Einzelkritik Frankreich: Keiner springt höher als Umtiti

Finale? Gegen wen Frankreich am kommenden Sonntag (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) im Endspiel antreten muss, stellt sich am Mittwochabend heraus. Dann treffen England und Kroatien aufeinander (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF). So oder so, der Favorit in Moskau wird Frankreich heißen.

Frankreich - Belgien 1:0 (0:0)
1:0 Umtiti (51.)
Frankreich: Lloris - Pavard, Varane, Umtiti, Lucas - Kanté, Pogba - Mbappé, Griezmann, Matuidi (86. Tolisso) - Giroud (85. Nzonzi)
Belgien: Courtois - Alderweireld, Kompany, Verthongen - Witsel - Chadli (90.+4 Batshuayi), Dembélé (60. Mertens), Fellaini (80. Carrasco), De Bruyne - Lukaku, E. Hazard
Schiedsrichter: Cunha (Uruguay)
Gelbe Karten: Kanté, Mbappé - E. Hazard, Alderweireld, Verthongen
Zuschauer: 64.286



insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
bakiri 11.07.2018
1. Die Spielweise der Franzosen ist moralisch fragwürdig
Unsportlichkeit als cleveres Verhalten zu bezeichnen .... Der Autor hat offenbar nicht ganz verstanden, dass es ein Halbfinale war und am Ende hoffentlich immernoch der sportlich bessere und nicht der Bessere im Zeitschinden Weltmeister wird. Das letzte Kapitel ist heute noch nicht geschrieben worden. Ich habe noch nie ein Spiel mit so langem und so dreistem Zeitschinden erlebt wie das Halbfinale heute. Spieler wie Mbappe steht wohl eher für Arroganz und Egoismus, weniger für Sportsgeist und Fußballfertigkeit. Dieser Mannschaft täte es gut noch 8 Jahre auf den Titel zu warten und moralisch zu reifen. In 96 Minuten nur eine hervorragende Szene zu zeigen bei dem Gehalt ist im Grunde schon sehr schwach und wenn man dann das Vehalten der letzten 15 Minuten dazu nimmt, kann .an die Leistung komplett vergessen. Heute wurde dem Image der französischen Nationalmannschaft eher geschadet. Welches Signal soll so ein Verhalten für Kinder und Jugendliche haben? Ich hoffe jedenfalls, dass mein Sohn sich solche Spieler niemals zum Vorbild nimmt. Lieber kein Superstar unter den Fußballern sein, dafür rechtschaffen und ehrlich verdient durchs leben gehen. Ich bin weder Fan des belgischen noch des französischen Teams. Aber moralisch haben die Franzosen weder heute noch im Finale den Sieg verdient.
Mattes77 11.07.2018
2. Witsel scheiterte nicht an Courtois
... sondern an Lloris. Also so heiss kann man einen Artikel doch gar nicht Stricken... wobei: all die französischen Namen... ;-)
sb411 11.07.2018
3. Frankreich vielleicht
Aber da gibt es ja noch England und Kroatien. Ich persönlich hoffe auf England, aus persönlichen Gründen. Wäre es nicht toll, wenn mal England wieder Weltmeister wird? Hier in Berlin hängen keine deutschen Fahnen mehr. Aber ich war heute als Zeuge am Amtsgericht Köpenick. Vor mir saß ne hübsche sehr junge Richterin. Hinter ihr war ein Balkon und der war mit englischen Fahnen geschmückt. Hat mich ziemlich abgelenkt.
saddi 11.07.2018
4. Catenaccio
mehr gibt es dazu eigentlich nichts zu sagen. Viva Italia!
susa_pilar 11.07.2018
5.
dieselbe Taktik wie Saudi-Arabien oder Iran gegen Spitzenmannschaften, nur ERFOLGREICH(ER). Wer hätte gedacht, dass ich England mal die Daumen drücken würde?
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