WM-Stimmung Frankreich siegt - und kaum jemanden interessiert's

Ein paar Flaggen im Souvenirshop, mehr nicht: In Großstädten wie Straßburg ist eine Fußballbegeisterung kaum zu spüren, obwohl Frankreich im Viertelfinale steht. Das hat seine Gründe.

Ein Fußgänger blickt auf einen Fernseher, der Frankreichs WM-Achtelfinale zeigt
AFP

Ein Fußgänger blickt auf einen Fernseher, der Frankreichs WM-Achtelfinale zeigt

Aus Straßburg berichtet


Straßburg am Donnerstag. Niemand trägt ein Fantrikot. Spricht man Passanten auf das Viertelfinale von Frankreich gegen Uruguay (16 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF) an, geben sie sich bestenfalls ein bisschen interessiert. Von WM-Fieber keine Spur.

Ein Zuschauer in Toulouse sieht Frankreichs WM-Achtelfinale gegen Argentinien
Getty Images/ NurPhoto

Ein Zuschauer in Toulouse sieht Frankreichs WM-Achtelfinale gegen Argentinien

Immerhin: der Souvenirstand neben dem zentralen Münsterplatz hat außer dem üblichen Nippes auch ein paar kleine Frankreich-Flaggen im Angebot. Und die Fußballkneipe "Au bureau" wirbt mit ihren WM-Angeboten. Ansonsten sieht Straßburg aus wie immer.

Karim Matmour wurde hier geboren. Nach seiner Karriere, die den Stürmer nach Australien und England, aber auch nach Freiburg, Frankfurt, Mönchengladbach, Kaiserslautern und zu 1860 München führte, zog der 30-fache algerische Nationalspieler wieder nach Straßburg. Ist die WM-Euphorie an Frankreich vorbeigezogen? Matmour lacht und sagt: "Eine Fußballbegeisterung wie in Deutschland gibt es hier nicht - außer vielleicht in Marseille."

Wenige Franzosen in Russland

Jetzt aber, nach dem starken Achtelfinalsieg gegen Argentinien, ändere sich die Stimmung etwas. "Das ist hier immer so: Es muss schon mindestens das Viertelfinale sein, bis die Leute in Wallung kommen. Wir haben hier einfach eine völlig andere Fußballkultur." Im Liga-Alltag seien nur drei, vier Stadien halbwegs voll, und auf Auswärtsfahrten begäben sich nur sehr wenige Fans.

Fußgänger in Nischnij Nowgorod
AFP

Fußgänger in Nischnij Nowgorod

Während zigtausende australische, mexikanische oder englische Fans schon zur Vorrunde nach Russland reisten, waren es aus Frankreich gerade einmal 2000 Anhänger. Beim Achtelfinale gegen Argentinien stieg die Zahl auf 6000. Insgesamt lagen für die K.-o.-Phase 8000 Kartenanfragen vor. Ein Wert, der den Verband bereits jubeln lässt.

Ergebnis-Pragmatismus des Trainers

Public Viewing sei in Frankreich nicht so angesagt wie in Deutschland, berichtet Matmour. Man lade sich lieber zum Abendessen ein und schaue nebenbei das Spiel. "Oder man trifft sich in einer Kneipe. Zumindest die Frankreichspiele übertragen viele Gaststätten."

Auch der zunächst zähe Turnierstart der Franzosen sorgte dafür, dass Euphorie ausblieb. Vor allem das letzte Guppenspiel, 0:0 gegen Dänemark, durch das sich beide Mannschaften für die K.-o.-Runde qualifizierten, empfand nicht nur die Sportzeitung "Equipe" als "das schlechteste Spiel der WM". "Le Monde" titelte: "Das Nichts und ein erster Platz."

Der Ergebnis-Pragmatismus, für den Trainer Didier Deschamps durchaus steht, ist vielen französischen Fußballfreunden zuwider. Das dürfte auch ein Grund dafür sein, warum Gerüchte so schnell die Runde machten, dass Zinédine Zidane schon bald sein Nachfolger als Nationaltrainer werde. Der Disziplinfanatiker Deschamps, der als Spieler Zidane den Rücken freihielt, wird in Frankreich respektiert. "Zizou", der Künstler und Ballästhet, aber wird verehrt.

Skandal-WM 2010 wirkt noch immer nach

Während des Turniers stiegen auch die Popularitätswerte von Kylian Mbappé - wie Zidane ein Künstler. Gegen Argentinien schoss er zwei Tore und holte einen Elfmeter heraus. Vor allem aber präsentierte sich der erst 19-Jährige mannschaftsdienlich. 2010 bei der WM in Südafrika hatte sich die Equipe noch anders präsentiert.

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Damals streikten mehrere Leistungsträger, darunter Kapitän Patrice Evra und Bayern-Star Franck Ribéry, gegen den Verband. Trainer Raymond Domenech wirkte hilflos. Die französische Öffentlichkeit war schockiert - und heilfroh, als die eitlen Stars bereits nach der Gruppenphase ausschieden.

Den Verdacht, dass die "Bleus" keine Mannschaft sind, sondern eine Ansammlung von Individualisten, ist das Team seither nicht losgeworden. Ein Vorurteil, das auch Karim Matmour kennt - und das er für überholt hält: "Haben Sie gesehen, wie die französischen Tore gegen Argentinien gefallen sind?" Nicht nur, dass sie im Kollektiv herausgespielt worden seien. "Jeder hat sich mit seinen Kollegen gefreut, die Auswechselspieler waren völlig aus dem Häuschen. Das ist immer ein sehr gutes Zeichen."

insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
kausalnexus 06.07.2018
1. Ja..
ich denke sie werden Weltmeister
Mr_Steve 06.07.2018
2. Ich sitze
gerade neben einem Franzosen, er sagt der Artikel wäre totaler Schwachsinn!
wolke:sieben 06.07.2018
3. Frankreich Favorit ?
...für mich ganz sicher! Mit diesen Super Spielern ( z.B. Mlappe) kann nicht am WM Titel vorbei gespielt werden!
CarstenSchradin 06.07.2018
4. Tja, da kennt sich der Reporter wohl nicht aus in Strasbourg....
....denn das public viewing ist nicht in der Stadtmitte, sondern im Garten der zwei Ufer. Hier bei der Arbeit in Strasbourg sind alle gespannt und ab 16:00 wird gemeinsam geschaut. Andere machen um 15:00 Schluss, um zu Hause, in den Kneipen, oder eben im Park zu schauen!
stoffi 06.07.2018
5. Ich hoffe
als Halbfranzose, da Deutschland gerechter Weise raus ist, Frankreich kommt ins Finale. Leider muss ich arbeiten und kann nichts vom Spiel sehen.
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