Antoine Griezmann Der Franzose, der sich für einen Uruguayer hält

Er liebt den bitteren Matetee, ist Mitglied bei Peñarol Montevideo, ein Uruguayer ist der Patenonkel seiner Tochter: Antoine Griezmann hat ein Faible für das Land des Viertelfinalgegners. Doch dessen Star ist genervt.

Antoine Griezmann mit Mate-Becher
AP

Antoine Griezmann mit Mate-Becher


Antoine Griezmann ist ein kosmopolitischer Mensch. Das ist dem französischen Nationalspieler schon in die Wiege gelegt worden: Die Familie seiner Mutter stammt aus Portugal, die väterliche Linie der Griezmanns führt ins Elsass und auch zu deutschen Vorfahren. Schon mit 14 Jahren ging er nach Spanien, und er als er kürzlich seinen Verbleib bei Atlético Madrid bekannt machte, wies er natürlich dreisprachig auf den Dokumentarfilm zum Thema hin.

Doch wenn es ein Land gibt, das so etwas wie die Herzensheimat für Antoine Griezmann ist, dann ist es Uruguay. "Ich fühle mich fast wie ein Uruguayer, ich himmle die Nationalität an, ich himmle die Leute an", sagt der 27-Jährige. Sein Spanisch klingt nach dem uruguayischen Dialekt. Und immer wieder zeigt er sich auf seinen Social-Media-Kanälen mit dem Matetee, dem bitteren, aber aufmunternden Nationalgetränk des südamerikanischen Landes.

Wie kommt ein Junge aus dem burgundischen Städtchen Mâcon auf Uruguay? Die Spurensuche führt zu seiner Zeit bei Real Sociedad in San Sebastián. Der erste Trainer, der den damals 18-Jährigen bei den Profis einsetzte, war der Uruguayer Martín Lasarte. Griezmanns Sturmpartner bei den Basken kam ebenfalls aus Uruguay. Carlos Bueno wurde zu einer Art großem Bruder, er lud den Jungprofi zum Essen ein, machte ihn mit der uruguayischen Lebensart vertraut, dem Mate und dem Barbecue.

Trainer Martin Lasarte
imago

Trainer Martin Lasarte

Auch die uruguayische Fußballkultur brachte Bueno Griezmann nahe: Zusammen schauten die beiden Spiele von Buenos Heimatverein Peñarol Montevideo, Griezmann erlernte die Fangesänge des Vereins und sagt, er schaue sich regelmäßig YouTube-Videos mit den Tribünenchören von Peñarol an. Er ist inzwischen sogar Vereinsmitglied.

Als Antoine Griezmann im Sommer 2014 zu Atlético Madrid wechselte, erwartete ihn im Hauptstadtteam ein alter Kumpel, Cristian Rodríguez, der ihn mit den anderen Uruguayern bei Atlético bekannt machte. Die Abwehrrecken José Giménez und insbesondere Diego Godin wurden zu engen Freunden. Godin ist sogar der Patenonkel von Griezmanns Tochter. Bald schon lud Griezmann die Uruguay-Fraktion zur Silvesterfeier ein - das neue Jahr wurde mit dem Absingen von Peñarol-Gesängen begrüßt.

Wie Griezmann der französischen Sportzeitung "L'Equipe" schon vor einem Jahr gestand, bat er Godin sogar schon, ihm von einem Länderspiel ein Nationaltrikot von Uruguays Stürmer Edinson Cavani mitzubringen. Godin, der knallharte Verteidiger, war so freundlich. Griezmann bewundert die Spielweise der Uruguayer: "Sie spielen alle zusammen und geben alles für den Mitspieler", schwärmt er: "Das lebe ich auch Tag für Tag bei Atlético."

Doch nun will es der Turnierverlauf der Weltmeisterschaft, dass Antoine Griezmann mit seinen Franzosen im Viertelfinale auf Uruguay trifft (Freitag, 16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), "sein eigenes Derby", wie die "Equipe" schreibt. Und zumindest einen Uruguayer nervt Griezmanns Koketterie mit Uruguay gewaltig: Luis Suárez.

Der Stürmerstar der "Celeste" motzte über Griezmann: "Er weiß nicht wirklich, was es bedeutet, Uruguayer zu sein", so Suárez. "Er weiß nicht, welche Opfer man von Kindesbeinen an bringen muss, um sich im Fußball durchzusetzen mit einer so kleinen Bevölkerung." Stoff für ein Uni-Seminar zu Identität und cultural appropriation.

Sein Sehnsuchtsland hat Antoine Griezmann bisher übrigens noch nie besucht. "Wenn ich Urlaub habe, ist dort Winter", sagte er. "Aber eines Tages werde ich es nachholen." Wie der Empfang ausfällt, mag auch von einem Fußballspiel am Freitag abhängen.

feb/dpa



insgesamt 4 Beiträge
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Pless1 05.07.2018
1. Schöner Hintergrundbericht
Das lässt das knallharte Fußballgeschäft etwas menscheln. Überraschend ist dann aber der Schluss. Würde er sich wirklich so innig mit dem Land identifizieren wäre er doch wohl mal dort gewesen, sollte man meinen. Südwinter hin oder her.
kaiservondeutschland 05.07.2018
2. Antoine tiene pilas
Antoine „hat Batterien“ (Antoine tiene pilas), wie man auf Spanisch über geistig rege Leute sagt. Er weiß sich insbesondere auch außerhalb des Platzes in Szene zu setzen. Jetzt, wo er Vater geworden ist, verzichtet er ja schon auf seine extravaganten Frisuren, da er Angst hat, sein Sohn würde sonst eines Tages fragen: „Wer ist denn der Typ da?“ Er passt zu Atlético, dem immer unterhaltsamen Verein, wie die Faust aufs Auge. ¡Vamos Atleti!
fjodorgarrincha 05.07.2018
3. @ Pless1 ... Platonische Liebe ...
Es ist halt wohl eine platonische Liebe ! Ich nehme beide Aussagen ernst. Die von Griezmann, und auch die von Suarez. Entscheidend wird aber sein, ob Cavani morgen spielen kann, und auf der anderen Seite, wieviel Spass Mbappé haben kann. Ich vermute, URU könnte bei dieser WM das neue ITA werden.
Papazaca 06.07.2018
4. Good News von SPON
Wie Pless1 auch meinte: Eine schöne Story. Aber die Liebe zu Uruguay hatte wahrscheinlich eher etwas mit für Griezmann wichtigen Personen zu tun: Seinem Trainer und Mitspielern, die für ihn zu Freunden wurden. Wenn Ihn das Land interessiert hätte, wäre er sicher schon mal in Uruguay gewesen. Grundsätzlich macht so ein positiver Bericht aber auch klar, das wir von vielen negativen Nachrichten und Berichten geprägt werden. Man könnte also den Eindruck bekommen, das die Welt ein einziges Jammertal ist. Das ist sie aber sicher nicht, wenn man positiv eingestellt ist und sich über das Gute freut. Das gilt besonders für Deutschland, wo es den meisten gut geht!
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