Frankreichs Sieg gegen Australien Denn sie wissen nicht, was sie tun sollen

Frankreich ist einer der Mitfavoriten bei dieser WM - und enttäuschte im Auftaktmatch gegen Australien. So viele Stars - doch wo war die Magie?

Frankreichs Star Paul Pogba
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Frankreichs Star Paul Pogba

Aus Kasan berichtet 


Bert van Marwijk hat gesagt, dass er sich nicht zur Leistung des Gegners äußern wolle, das sei nicht seine Sache. Natürlich aber wünsche er Frankreich nur das Beste für den weiteren Verlauf dieser Weltmeisterschaft, sagte Australiens Nationaltrainer. Was man eben so sagt als gut erzogener Trainer.

Eine kleine Einschätzung hat er dann aber doch abgegeben zum Auftritt der Franzosen im ersten Spiel der Gruppe C gegen seine Australier. Wenn man die ein bisschen wirken lässt, dann kommt sie einem ziemlich bösen Urteil gleich. "Sie wussten über weite Strecken nicht, was sie machen sollten", sagte Van Marwijk.

Der Trainer aus den Niederlanden, der sich in seiner langen Karriere unter anderem auch an Borussia Dortmund und dem Hamburger SV versuchen durfte, hatte Recht mit dieser Auffassung. Die Franzosen, die zu den Favoriten auf den WM-Titel gehören, wirkten tatsächlich über große Teile der Partie ratlos gegen den AußenseiterAustralien.

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Frankreichs mühsamer Auftaktsieg: Videobeweis, Torlinientechnik und zwei Elfmeter

Der Mannschaft von Trainer Didier Deschamps fehlte jegliche Magie. Überraschungsmomente wie der hübsche Steilpass des Stuttgarter Außenverteidigers Benjamin Pavard, der zu einer guten Gelegenheit durch Kylian Mbappé nach nur zwei Minuten führte, waren selten. Die Franzosen waren sichtlich genervt von der robusten, aber nicht unfairen Spielweise des Gegners.

Es passte ins Bild, dass die beiden Tore zum 2:1-Erfolg durch Antoine Griezmann und Paul Pogba nicht herausgespielt waren, sondern per Elfmeter nach dem ersten Videobeweis der WM-Geschichte und durch einen abgefälschten Glücksschuss zustandekamen.

Trainer Deschamps wollte bei der Nachbesprechung im Hörsaal-ähnlichen Medienraum im Stadion von Kasan nicht zu streng mit seiner Mannschaft sein. Immerhin hatte sie gewonnen. Doch auch ihm war natürlich aufgefallen, dass seine Auswahl nicht gerade wie ein Turnierfavorit gespielt hatte. "Wir waren nicht schnell genug beim Umschalten und in der Bewegung nach vorne. Unser Spiel ist nicht genug geflossen", sagte er.

Offensivreihe ohne Bindung zum Spiel

Das war gut formuliert. In der Tat fehlte den Franzosen der Fluss. Die eigentlich so formidabel besetzte Dreier-Reihe im Angriff mit Ousmane Dembelé, Griezmann und Mbappé wirkte oft schlecht angebunden an den Rest der Mannschaft. Entweder bekamen sie keine oder nur unbrauchbare Bälle.

Der Münchner Corentin Tolisso, der als eine Art Spielmacher agierte, hatte oft Pech, dass seine Versuche von den diszipliniert verteidigenden Australiern geblockt wurden. Und Pogba war trotz seines Treffers einmal mehr nicht die prägende Kraft, die er eigentlich sein soll.

Dazu kommt, dass Frankreichs Angriff in dieser Kombination noch nicht oft zusammengespielt hat. Trainer Deschamps hat in der WM-Qualifikation und in der Vorbereitung viel experimentiert mit seinem Personal und mit verschiedenen Formationen. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass dem Trio aus Dembelé, Griezmann und Mbappé noch die Abstimmung fehlte. "Wir müssen uns aneinander gewöhnen und weiter zusammen trainieren", sagte Griezmann. Es soll also nur eine Frage der Zeit sein, bis das Spiel besser fließt.

Französische Minimalisten

Beim WM-Auftakt setzten die Franzosen einen Trend fort. Sie blieben Minimalisten. Auch in der Qualifikation für das Turnier in Russland hatten sie nur 18 Tore geschossen. Das ist wenig für einen Favoriten auf den wichtigsten Titel, den es im Fußball zu gewinnen gibt. "Wir müssen, wir können und wir werden besser werden", sagte Trainer Deschamps mit Blick auf die kommenden Gruppenspiele gegen Peru und Dänemark.

Das gilt nicht nur für die Offensive. Hinten leistete sich Innenverteidiger Samuel Umtiti eine Panne und schenkte Australien damit den zwischenzeitlichen Ausgleich. Einen hohen Ball klärte er mit der Hand hoch in der Luft, ein bisschen wie ein Beachvolleyball-Spieler. Den fälligen Elfmeter verwandelte Mile Jedinak.

Der Kader der Franzosen ist in der Breite exzellent besetzt. Wegen des Überflusses an individueller Klasse muss im Grunde jeder Spieler fürchten, nach einem Fehler ausgetauscht zu werden und sich im nächsten Spiel auf der Bank wiederzufinden.

Bei Umtiti ist das ein bisschen anders. Denn in der Abwehrmitte ist die Personaldecke nach der Verletzung von Laurent Koscielny vom FC Arsenal dünn. Er steht wegen einer Verletzung an der Achillessehne in Russland nicht zur Verfügung. Ganz so leicht wie in der Offensive, wo Spieler wie Thomas Lemar, Olivier Giroud und Nabil Fekir bei dieser WM keinen Startplatz haben, kann Deschamps in der Innenverteidigung nicht rotieren.

Zum Glück für Umtiti.

Frankreich - Australien 2:1 (0:0)
1:0 Griezmann (58., Foulelfmeter)
1:1 Jedinak (62., Handelfmeter) 2:1 Behich (80. Eigentor)
Frankreich: Llori - Pavard, Varane, Umtiti, Lucas - Tolisso (78. Matuidi), Kanté, Pogba - Mbappé, Dembélé (70. Fekir) - Griezmann (70. Giroud)
Australien: Ryan - Risdon, Sainsbury, Milligan, Behich - Leckie, Jedinak, Mooy, Kruse (85. Arzani) - Rogic (72. Irvine) - Nabbout (64. Juric)
Gelbe Karten: Tolisso - Leckie, Risdon, Behich
Schiedsrichter: Cunha (Uruguay)
Zuschauer: 45.105



insgesamt 2 Beiträge
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KnallerKnalleffekt 16.06.2018
1. Frankreich überschätzt
Ich habe Frankreich immer unter den ersten vier Mannschaften bei dieser WM, doch beim heutigen Spiel habe ich mich gefragt wieso das eigentlich so ist. Und damit meine ich nciht das Spiel, das war ja unterirdisch, es ging viel mehr um die Spieler. Ich habe festgestellt dass Frankreich gnandenlos überschätzt wird, denn Spieler die es auf dem höchsten Niveau gezeigt haben, haben sie nciht allzuviele. Griezmann, Varane udn KAnte sind wohl diejenigen die am ehesten zu erwähnen sind. Alle anderen müssen es noch erst zeigen. Wertschätzung bei transfermarkt.de sollte eher nicht als Qualitätsmerkmal gelten. Wenn ich Frankreich mit Deutschland, Brasilien und Spanien vergleiche, dann sehe ich einen gewissen Abstand. Vor dem Turnier habe ich den Franzosen nur die Erfahrung abgesprochen, heute habe ich festgestellt dass ich sie schlichtweg überschätzt habe, als ich sie unter den vier besten zählte. Sie sidn zwar die viertbesten, aber ein schönes Stück hinter den ersten drei.
Meineserachtens 16.06.2018
2. Naja ...
nach einem Eröffnungsspiel schon den Stab zu brechen, ist verfrüht. Vor ein paar Tagen hat die gleiche Mannschaft Italien ziemlich schlecht aussehen lassen. Gegen Offensive Mannschaften wird diese Elf ihre Qualitäten ausspielen können. Jede Wette ...
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