Weltfußballer des Jahres Fünf Kandidaten für das Messi-Ronaldo-Erbe

Bei der WM spielen sie keine Rolle mehr: Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, die Weltfußballer der Jahre 2008 bis 2017. Kann ihnen ein anderer Star des Turniers in Russland den Titel abnehmen? Fünf Vorschläge.

Neymar, Modric, Mbappé, De Bruyne und Kane
AFP; Getty Images

Neymar, Modric, Mbappé, De Bruyne und Kane

Aus Sankt Petersburg berichtet


Seit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo den Fußball unter sich aufteilen, ist es für die höchste individuelle Auszeichnung nicht mehr nötig, Weltmeister zu sein. Die Fifa kürt den Weltfußballer des Jahres seit 1991. Und bis 2010 kam der Titelträger in WM-Jahren stets aus dem Kreis des Weltmeisters (1994 Romário, 1998 Zinédine Zidane, 2002 Brasiliens Ronaldo, 2006 Fabio Cannavaro).

Mittlerweile hat die Champions League aber eine so große Bedeutung bekommen, dass 2010 Messi und 2014 Ronaldo Weltfußballer wurden, obwohl ihre Leistungen bei der WM - sagen wir mal - herkömmlich waren. Und so könnte auch in diesem Jahr wieder der Portugiese gewinnen, als Champions-League-Sieger und vierfacher Torschütze in Russland. Aber warum nicht mal jemand anderes? Hier sind fünf Vorschläge aus dem Kreis der WM-Viertelfinalisten, die bei der kommenden Wahl des Weltfußballers Ende des Jahres eine Rolle spielen könnten.

Kevin De Bruyne (Belgien, Manchester City, 27 Jahre)

Kevin De Bruyne
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Kevin De Bruyne

Wer die Liebeserklärung an die Außenristflanke von Kevin De Bruyne gegen Panama noch nicht gelesen hat, sollte das nachholen. Sie unterstreicht die Vielseitigkeit des englischen Meisters, der Schnelligkeit, Dynamik, Passgenauigkeit, Übersicht, einen starken Torabschluss und exzellente Standards miteinander vereint.

Nach acht Toren und 16 Vorlagen in der vergangenen Saison bei Manchester City erscheint die WM-Statistik mit nur einem Assist zunächst ernüchternd, doch De Bruyne ist häufig der Spieler mit dem vorletzten Pass. So großartig der Laufweg von Romelu Lukaku vor dem 3:2-Siegtreffer gegen Japan auch war, De Bruyne machte in dem Konter mit dem Pass auf Thomas Meunier ebenfalls alles richtig. Bei Belgien wird oft Eden Hazard als wichtigster Spieler gefeiert und De Bruyne spielt immer noch etwas unter dem Radar. Völlig zu Unrecht.

Harry Kane (England, Tottenham Hotspur, 24 Jahre)

Harry Kane
REUTERS

Harry Kane

Beim SPIEGEL wird sich zu schnell verliebt? Mag sein, denn auch zu Harry Kane wurden bereits schwärmende Zeilen verfasst. Ähnlich wie bei De Bruyne spielen dabei auch die Unaufgeregtheit, die pure Lust auf Fußball und der fehlende Glamour eine Rolle. Wer das als Wunsch nach mehr Sport und weniger Show verstehen will, kann das gern tun.

Bei Kane beeindrucken insbesondere die Zahlen: Der Stürmer steigerte in den vergangenen vier Jahren seine Torausbeute von 21 Treffern über 25 und 29 bis hin zu 30 Toren in der Saison 2017/2018. In der Champions League traf er zuletzt siebenmal und die Torschützenliste der WM führt er vor dem Viertelfinale mit sechs Treffern an. Auf Kane ist Verlass, der Rechtsfuß trifft beidfüßig, per Kopf und ist ein kompromissloser Elfmeterschütze. Gegen Kane spricht sein Klub, mit Tottenham wird es schwer, in den kommenden Jahren Titel zu gewinnen.

Kylian Mbappé (Frankreich, Paris Saint-Germain, 19 Jahre)

Kylian Mbappé
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Kylian Mbappé

Seit dem 4:3-Sieg gegen Argentinien im WM-Achtelfinale wird Mbappé mit Pelé verglichen. Er sei auf den ersten Metern so schnell wie Usain Bolt. Und bald schon könnte der Franzose der teuerste Fußballer der Welt sein, wenn er zu Real Madrid wechseln sollte. Bei dem französischen Stürmer ist derzeit kein Superlativ undenkbar, dabei ist Mbappé doch erst 19 Jahre alt.

Bei der Weltmeisterschaft hat er bisher drei Tore erzielt, wobei er erst einmal durchspielen durfte und von Trainer Didier Deschamps noch behutsam an die Leistungsgrenze herangeführt wird. Es wird interessant sein, wie sich Mbappé mit weniger Raum für seine Sprints und mit mehr Zweikampfhärte gegen Uruguay schlagen wird.

Luka Modric (Kroatien, Real Madrid, 32 Jahre)

Luka Modric
DPA

Luka Modric

Während Mbappé noch sehr viele Jahre als Profi vor sich hat, ist es für Luka Modric die wohl letzte Chance auf den Titel des Weltfußballers. Wobei das dem öffentlichkeitsscheuen Mittelfeldspieler herzlich egal sein wird, solange er mit Kroatien im Turnier bleibt und mit seiner Mannschaft an den Erfolg der goldenen kroatischen Generation um Davor Suker, Robert Prosinecki oder Zvonimir Boban anknüpft. 1998 wurde Kroatien mit Torschützenkönig Suker WM-Dritter.

Im kroatischen Team sind viele exzellente Fußballer, aber Modric überragt mit seinen strategischen Fähigkeiten alle. Der vierfache Champions-League-Sieger bestimmt das Tempo, sein Gespür für den Zeitpunkt, einen öffnenden Pass in die Tiefe zu spielen, ist einzigartig. Bei der WM glänzt Modric zudem als zweifacher Torschütze und ließ sich im Achtelfinale gegen Dänemark auch von einem verschossenen Elfmeter nicht aus der Ruhe bringen. Wenige Minuten später trat er erneut an und verwandelte im Elfmeterschießen sicher.

Neymar (Brasilien, Paris Saint-Germain, 26 Jahre)

Neymar
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Neymar

Für den brasilianischen Stürmer steht fest, wer der kommende Weltfußballer sein wird, wenn Messi und Ronaldo nicht mehr ganz oben stehen werden. "Bei aller Bescheidenheit, ich bin heute der beste Spieler der Welt. Denn die beiden sind von einem anderen Planeten", sagte Neymar vor der WM dem YouTube-Kanal "Desimpedidos". Nun ist er noch dabei, spielt am kommenden Freitag im Viertelfinale gegen Belgien und hat gute Chancen, Weltmeister zu werden.

Ähnlich wie seine beiden Vorgänger ist Neymar ein globales Phänomen, was im auf Profit ausgelegten System Fifa sicher förderlich ist. Der so trickreiche Offensivspieler, der für Brasilien Spiele im Alleingang entscheiden kann, polarisiert mit seiner Theatralik, und genau das macht ihn zum Favoriten aus diesem Quintett.



insgesamt 22 Beiträge
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compiler 05.07.2018
1.
Nachdem 2010 weder Xavi noch Iniesta ausgezeichnet wurden, ist diese Auszeichnung nichts mehr wert. Höchstens um das Ego einiger Spieler aufzupolieren.
Hockey Balboa 05.07.2018
2. Romario, Zidane, Ronaldo, Cannavaro ..
Auch wenn es nicht gefällt, Lothar Matthäus hätte an dieser Stelle genannt gehört. Seine Wahl 1991 zum ersten FIFA-Weltfußballer des Jahres überhaupt ist wohl in hohem Maße seiner überragenden Rolle beim Gewinn der 90er WM in Italien geschuldet.
Papazaca 05.07.2018
3. Neymar heißer Kandidat für die goldene Himbeere ...
als schlechtester Schauspieler. Ronaldo und besonders Messi haben bei der WM nicht überzeugt und sollten mal bei dieser Preisvergabe pausieren. Für mich sind die heißesten Kandidaten Kane und Mbappe. Aber da auch ein Preis was mit Erfolg zu tun hat, sollten wir erstmal die WM abwarten um zu sehen, wie sich unsere Kandidaten schlagen.
prodigy221 05.07.2018
4. Wo ist Salah?
Wenn einer die Chance auf den Ballon d'Or hat, dann wohl am ehesten Mohamed Salah.
Papazaca 05.07.2018
5. Ich wußte gar nicht, das Loddars Nutzername ...
Zitat von Hockey BalboaAuch wenn es nicht gefällt, Lothar Matthäus hätte an dieser Stelle genannt gehört. Seine Wahl 1991 zum ersten FIFA-Weltfußballer des Jahres überhaupt ist wohl in hohem Maße seiner überragenden Rolle beim Gewinn der 90er WM in Italien geschuldet.
Hockey Balboa ist. Und falls das nicht der Fall sein sollte, hätte auch unser hochverehrter Lothar Matthäus keinen besseren Kommentar schreiben können. Und richtig, unser Loddar hat alle Ehrungen, die es gibt, verdient. Er hat unsere oft so rationelle Welt durch Humor (wenn auch oft unfreiwillig) zu einem schöneren Ort gemacht.
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