Gesichter Russlands Wika, die Tätowiererin

In Russland sieht man vor allem immer mehr junge Menschen mit großen Tattoos. Wika Gorschenina aus Wolgograd sticht sie. Die 19-Jährige hofft, dass sich ihre Stadt etwas von der Fröhlichkeit der WM bewahren wird.
Ekaterina Anokhina

In Russland sieht man vor allem immer mehr junge Menschen mit großen Tattoos. Wika Gorschenina aus Wolgograd sticht sie. Die 19-Jährige hofft, dass sich ihre Stadt etwas von der Fröhlichkeit der WM bewahren wird.

Von  und Ekaterina Anokhina (Fotos)


[STECKBRIEF]
Wika Gorschenina
19 Jahre, in Wolgograd geboren
Tattoo-Meisterin

Wika passt eine Schablone an, ihre Freundin Anastasia will sich eine blumenförmige Mandala stechen lassen
Ekaterina Anokhina

Wika passt eine Schablone an, ihre Freundin Anastasia will sich eine blumenförmige Mandala stechen lassen

Einen Fußball hat sie während der WM noch nicht gestochen, lacht Wika Gorschenina. Aber wie wäre es mit Wolgograd, fragt sie.

Die 19-Jährige zeigt eine Schablone der Rodina Mat, der Mutter Heimat. Die Statue ist das Wahrzeichen ihrer Stadt. Das Monument erinnert an den Sieg der Roten Armee über Hitlers Truppen. Auf die Haut übertragen hat sie es noch nicht: "Das war eine Übung, seitdem fragen wir jeden, ob er sich das Motiv nicht stechen lassen will."

Wikas Markenzeichen sind ihre grünen Haare. "Die Farbe steht mir", sagt sie - wissend, dass sie damit in einer Stadt wie Wolgograd auffällt, die trotz einer Million Einwohner eher provinziell ist. In der Sowjetzeit war Wolgograd vor allem für seine Werften und Industrieunternehmen im Bereich Metall und Chemie bekannt. Viele der Firmen mussten in den letzten Jahrzehnten schließen.

Wika in ihrem Studio, das sie zusammen mit zwei anderen Freunden teilt. In Wolgograd gibt es etwa 10 bis 15 Studios
Ekaterina Anokhina

Wika in ihrem Studio, das sie zusammen mit zwei anderen Freunden teilt. In Wolgograd gibt es etwa 10 bis 15 Studios

Ekaterina Anokhina

Wika trägt inzwischen selbst viele Tattoos, die sich von ihrer sehr hellen Haust abheben. Wie viele es sind?

"Ach, ich weiß es gar nicht mehr." Das erste, das sie sich hat stechen lassen, war die Silhouette eines Hundes auf dem linken Arm.

Ekaterina Anokhina

Auch an den Beinen ist sie tätowiert. Auf dem rechten Oberschenkel trägt sie ein großes, farbiges Ornament:

Ekaterina Anokhina

Ekaterina Anokhina

Als Tattoo-Meisterin arbeitet sie erst seit einem halben Jahr. Vorher hat sie in einem Callcenter gearbeitet. "Da war alles schlecht, einfach traurig", sagt Wika. "Ich habe jeden Tag das Gleiche gemacht, nichts änderte sich, es war so eintönig, ich habe mich wie ein Roboter gefühlt." Sie kündigte.

Wikas Werkzeug
Ekaterina Anokhina

Wikas Werkzeug

Und jetzt? "Ich bin glücklich, kann zeichnen, mich ausprobieren", sagt Wika, sie lächelt. Sie schafft etwas, das bleibt. "Meine Kunden tragen meine Tattoos ihr Leben lang, das ist ein schönes Gefühl."

Stolz erzählt sie, dass gerade auf dem großen Bildschirm der Fanzone, wo die Fußballbegeisterten an der Wolga jeden Spieltag feiern, in Nahaufnahme eines ihrer Bilder gezeigt wurde: ein Hund, den sie einer Frau auf die Hand gestochen hatte. Die war dort mit einer Band aufgetreten.

Die WM tue Wolgograd gut, findet Wika. Sonst sei hier nicht viel los, Wolgograd nennt sie klein. Umso besser, dass jetzt so viele Ausländer in der Stadt zu Besuch sind, die kein Russisch sprechen, findet die junge Frau. "Sie wollen kommunizieren, zusammen feiern, und das klappt irgendwie, ich habe nicht gedacht, dass es so gesellig auf den Straßen wird." Russische Fußballfans seien leider meistens recht aggressiv, vor allem im Ausland. Wika spielt damit auf die Ausschreitungen russischer Hooligans in Marseille bei der EM an. "Ich hoffe sehr, dass etwas von dieser fröhlichen Atmosphäre nach der WM bleibt."

Wika zeichnet eine Mandala für ihre Freundin. Im Hinduismus und Buddhismus haben diese Bilder eine religiöse Bedeutung
Ekaterina Anokhina

Wika zeichnet eine Mandala für ihre Freundin. Im Hinduismus und Buddhismus haben diese Bilder eine religiöse Bedeutung

Begonnen hat Wika mit einer einfachen Tattoo-Maschine eines Kollegen vor mehr als einem Jahr, das waren ihre ersten Versuche. Sie übte auf Früchten, Orangen, Zitronen, später fing sie an, ersten Ornamente auf echter Haut zu stechen. Meistens bei Freunden, die ihr vertrauten.

Anastasia kennt Wika seit fünf Jahren. "Sie war schon immer eine ungewöhnliche und unkonventionelle Frau", sagt Anastasia über ihre Freundin. "Einfach klasse."

Wika bereitet Anastasias Arm vor
Ekaterina Anokhina

Wika bereitet Anastasias Arm vor

Ihre Mutter ist da ein bisschen anderer Meinung, sie fragt ihre Tochter heute noch: "Wika, willst Du Dir nicht einen normalen Job suchen? Was machst Du?", erzählt die junge Frau. Sie wohnt noch zu Hause, "wir sehen uns nicht so oft, wir arbeiten beide".

Für viele Ältere haben Tattoos noch etwas Schmuddeliges, Anrüchiges. Die Haut stechen ließen sich lange nur Häftlinge - aber doch keine jungen Frauen.

Inzwischen habe sich das gewandelt, Tattoos sind sehr angesagt in Russland, vor allem bei jungen Leuten in Russlands großen Städten, viele tragen auf Beinen und Armen großflächige Muster, Bilder und Schriftzüge. Wika sagt, sie werde nun auch in Wolgograd auf der Straße sehr nett auf ihre Tattoos angesprochen. "Oft auch von Männern um die 40 Jahre, die die schönen Muster loben. Das gab es früher nicht."

Wika bei der Arbeit
Ekaterina Anokhina

Wika bei der Arbeit

Nach und nach zieht Wika die lilafarbenen Linien der Schablone mit schwarzer Tinte nach
Ekaterina Anokhina

Nach und nach zieht Wika die lilafarbenen Linien der Schablone mit schwarzer Tinte nach

Angst, einen Fehler zu machen, habe sie nicht, sagt Wika. Sie wirkt recht unbekümmert. Hält sie die Nadel mit schwarzen Tinte in der Hand, ist sie ganz in sich gekehrt, zeichnet konzentriert die Linien des Ornaments auf Anastasias Haut. Der Bohrer brummt, es ist ein bisschen wie beim Zahnarzt - nur ist der Anlass hier erfreulicher.

Anastasia versucht sich mit Lesen abzulenken, ihr großer Zeh zuckt: "Es tut weh, manchmal kitzelt es auch", sagt sie. Wika erzählt, dass Frauen viel tapferer seien, "Männer weinen schon mal oder schreien rum".

Anastasia in einer Pause
Ekaterina Anokhina

Anastasia in einer Pause

Das Ergebnis - Anastasia ist zufrieden
Ekaterina Anokhina

Das Ergebnis - Anastasia ist zufrieden

Ob sie einen Traum habe? Sie würde gern einmal nach Sankt Petersburg fahren, sagt Wika. Da gebe es die meisten Tätowierer in Russland, "da gibt es bestimmt eine Menge für mich zu lernen".

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