Gesichter der WM Ilja, der Travestiekünstler

Ilja verwandelt sich jede Nacht in Gerda. Stundenlang macht er sich zurecht, bis er auf die Bühne tritt und nun auch Fußballfans unterhält. Seine Homosexualität zeigt der junge Mann in Sotschi auf der Straße nicht. Russland sei dafür noch nicht bereit, glaubt er.
Ekaterina Anokhina

Ilja verwandelt sich jede Nacht in Gerda. Stundenlang macht er sich zurecht, bis er auf die Bühne tritt und nun auch Fußballfans unterhält. Seine Homosexualität zeigt der junge Mann in Sotschi auf der Straße nicht. Russland sei dafür noch nicht bereit, glaubt er.

Von und Ekaterina Anochina (Fotos) und Maxim Sergienko (Video)


[STECKBRIEF]
Ilja
Künstlername Gerda
27 Jahre
geboren bei Samara,
wohnt in Sotschi
Travestiekünstler im Club Majak

Ekaterina Anokhina

Großzügig verteilt Ilja mit einem Schwamm beigefarbenes Makeup auf Stirn und Nase. Mit einem zweiten trägt er dunklere Farbe auf die ohnehin schon hohen Wangenknochen auf, um diese noch mehr zu betonen. Dann gibt es helleren Puder auf die Haut um die Augen.

Ilja noch ungeschminkt in der Garderobe des "Club Majak", dem berühmten Nachtclub für Schwule und Lesben in Sotschi
Ekaterina Anokhina

Ilja noch ungeschminkt in der Garderobe des "Club Majak", dem berühmten Nachtclub für Schwule und Lesben in Sotschi

Ilja, nachdem er Makeup aufgetragen hat
Ekaterina Anokhina

Ilja, nachdem er Makeup aufgetragen hat

Ekaterina Anokhina

Das geht alles blitzschnell, auch den schwarzen Lidstrich zieht er ruckzuck, er sitzt beim ersten Mal. Manch eine Frau würde ihn um dieses Geschick beneiden.

Ilja beim Lidstrich malen, er hat vorher in Krasnodar gearbeitet
Ekaterina Anokhina

Ilja beim Lidstrich malen, er hat vorher in Krasnodar gearbeitet

Ekaterina Anokhina

Ilja lacht, als er das hört. Er habe seine Mutter zum Geburtstag geschminkt, die sei sehr zufrieden gewesen.

Ilja ist 27 Jahre alt, sehr schlank, hat raspelkurze Haare und große braun-grüne Augen. Er steht in Shorts und T-Shirt vor dem hell erleuchteten Spiegel in der kleinen gerade eineinhalb Meter breiten Garderobe im Majak. Der Nachtclub für Schwule und Lesben in Sotschi ist eine Institution, hält er sich doch schon seit Jahren. Es ist heiß, Ilja macht den Ventilator an.

Iljas Kollektion an Pinseln und Lidschatten
Ekaterina Anokhina

Iljas Kollektion an Pinseln und Lidschatten

Ekaterina Anokhina

Seit mehr als sechs Jahren verwandelt sich der junge Mann nachts: Er wird zu Gerda. Je mehr er sich schminkt, umso fließender werden seine Bewegungen, Ilja-Gerda macht einen Kussmund, reißt die Augen auf.

Während er sich nach und nach zurechtmacht, erzählt er, wie er Travestiekünstler wurde. Auch wenn er offen über sein Leben erzählt, seinen Nachnamen will er lieber für sich behalten:

"Ich habe in einem Nachtclub als Empfangschef in Krasnodar gearbeitet, da gab es Partys, da musste ich mich auch verkleiden. Der Chef sah, dass ich Talent habe, er bot mir an, auf der Bühne aufzutreten."

Ilja geht einen Schritt zurück, um zu überprüfen, wie er aussieht
Ekaterina Anokhina

Ilja geht einen Schritt zurück, um zu überprüfen, wie er aussieht

Was macht das mit ihm, als Frau aufzutreten?

"Das ist für mich Kunst, eine Art, mich auszudrücken. Ich bekomme einen Kick, wenn ich auf die Bühne gehe, Applaus vom Publikum erhalte."

Was haben seine Eltern zu ihren Auftritten gesagt?

"Ich habe eine gute Beziehung zu ihnen. Sie wussten früh, dass ich homosexuell bin. Die wichtigste Frage für meine Eltern war: Macht dir die Travestiekunst Spaß? Und ich sage: Ja, ich habe sehr viel Freude daran, und sie bringt mir ein gutes Einkommen. Meine Mutter hat sich sogar meine Show angesehen, ihr hat es gefallen."

Möchte er eine Frau werden?

"Nein, ich bin mit meinem Körper zufrieden. Ich mag mich auch ohne Makeup, mag es, mich tagelang nicht zu rasieren. Mir gefällt es, ein Mann zu sein."

Der Kollege, Künstlername Penelope Ganugen, kommt vorbei, um den Auftritt abzusprechen
Ekaterina Anokhina

Der Kollege, Künstlername Penelope Ganugen, kommt vorbei, um den Auftritt abzusprechen

Ekaterina Anokhina

Man muss in der Garderobe inzwischen lauter sprechen, um sich verständigen zu können. Hinter der Holzwand wummert die Musik. Ein DJ legt Partyhits für die Gäste des Clubs auf.

Discokugeln an der Decke
Ekaterina Anokhina

Discokugeln an der Decke

Perücken und Schuhe
Ekaterina Anokhina

Perücken und Schuhe

Ekaterina Anokhina

Die Location kommt recht unaufgeregt daher, dunkles Holz, Ledersofas. Man könnte denken, in einer normalen Bar zu sein. Das Publikum ist gemischt: Anfang Zwanzigjährige, die tanzen; eine Gruppe um die 30 Jahre, die Geburtstag feiert; einige ältere schick zurechtgemachte Damen; eine kleine Männergruppe, die kein Russisch spricht, die vermutlich zur Fußballweltmeisterschaft angereist ist.

Fans aus Mexiko, Brasilien und Peru seien schon in seiner Show gewesen, sagt Ilja. Dort wird sie später nicht nur die dreimal so teuren Taxipreise während der WM thematisieren. Es geht im Dialog mit dem Publikum auch recht derb zu: Gerda und Penelope machen einige schlüpfrige Bemerkungen, wünschen dem Geburtstagskind, einem Mann, viel Manneskraft und Reichtum, das Publikum johlt.

Ekaterina Anokhina

Ekaterina Anokhina

Einzig das Bild neben der Bar mit einem Regenbogen und ein Bild mit Kerlen in hautenger Lederkluft und eindeutigen Posen an der gegenüberliegenden Wand macht klar, wo die Besucher hier sind.

Seit dreieinhalb Jahren arbeitet Ilja im Majak. Er sagt, er sei zufrieden in Sotschi.

Sieht er sich als Botschafter der LGBT-Community?

Ilja denkt eine Weile nach, bevor er antwortet. "Es macht mir Spaß, wenn im Saal Leute sind, die noch nie solch einen Ort besucht haben, die denken, dass alles im Club schmutzig ist, kräftige Männer in Latex und mit Gürteln dir an den Hintern fassen. Und dann sehen, dass hier normale Menschen sind, mit denen man sich unterhalten kann."

Ilja trägt ein Kreuz an einer Kette
Ekaterina Anokhina

Ilja trägt ein Kreuz an einer Kette

Ekaterina Anokhina

Er trägt ein Kreuz an seiner Kette. Wie steht er zur orthodoxen Kirche, die in Russland sehr konservativ ist und immer wieder gegen Homosexuelle Stimmung macht?

"Dass ich schwul bin, widerspricht ja nicht der Tatsache, dass ich gläubig bin. Ich nehme Gott an, und ich hoffe, zumindest denke ich das, dass er mich auch annimmt. Klar, die Kirche nimmt mich nicht auf, aber sie ist nur ein Mittler."

Ilja setzt sich eine blonde Perücke auf
Ekaterina Anokhina

Ilja setzt sich eine blonde Perücke auf

Noch die Krone - die Verwandlung ist vollendet: Gerda ist fertig
Ekaterina Anokhina

Noch die Krone - die Verwandlung ist vollendet: Gerda ist fertig

Ekaterina Anokhina

In Russland wurde 2013 die sogenannte Propaganda für Homosexualität in der Öffentlichkeit landesweit unter Strafe gestellt. Wurde er schon einmal wegen seiner Homosexualität angefeindet?

"Nein, nie. Ich halte aber auch nicht die Hand meines Partners auf der Straße oder küsse ihn. Wissen sie, meine Eltern haben nie in der Öffentlichkeit expressiv ihre Liebe zueinander bekundet. Das war in der Sowjetunion nicht so üblich. Das habe ich so durch die Erziehung übernommen. Und es ist bis heute im konservativen Russland oft nicht üblich. Es ist sehr schade, dass Homosexuelle Gewalt erleben müssen, wie zum Beispiel in Tschetschenien, es gibt solche Menschen, die es einfach nicht verstehen wollen."

Glaubt er, dass homosexuelle Besucher Russlands vorsichtig sein müssen?

"So offen wie Schwule in Westeuropa leben, ist es bei uns in Russland nicht möglich. Russland ist dafür nicht bereit."

Ist eine Christopher Street Parade in Sotschi denkbar?

"Nein, das wäre zu früh. Damit würde man die Gesellschaft zu sehr konfrontieren. Für mich sind solche Paraden eine harte Konfrontation: Seht her, hier sind wir. Ich denke, das ist nicht richtig. Die russische Gesellschaft muss die Homosexualität erst annehmen. Und das ist ein langer Weg, der erst begonnen hat."

Gerda auf der Bühne, sie tanzt zu "I am, who I am" von Lara Fabian
Ekaterina Anokhina

Gerda auf der Bühne, sie tanzt zu "I am, who I am" von Lara Fabian

Ekaterina Anokhina

SPIEGEL ONLINE

Mitarbeit: Katharina Lindt



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