Gesichter Russlands Lana, die Bernsteinkünstlerin

Mit Fußball hat Lana Jegorowa aus Kaliningrad nicht so viel am Hut, auch wenn sie auf der Fanzone sein wird. Ihre Leidenschaft ist etwas anderes: Bernstein, den sie schleift, poliert und einfasst.
Ekaterina Anokhina

Mit Fußball hat Lana Jegorowa aus Kaliningrad nicht so viel am Hut, auch wenn sie auf der Fanzone sein wird. Ihre Leidenschaft ist etwas anderes: Bernstein, den sie schleift, poliert und einfasst.

Von und Ekaterina Anokhina (Fotos)


[STECKBRIEF]
Lana Jegorowa
Eine Tochter, Taljana, 31 Jahre,
Eine Enkeltochter
Kaliningrad
Juwelierin und Designerin, Leiterin der Vereinigung Kaliningrader Künstler und Handwerker "Preußischer Honig"

Ekaterina Anokhina

Ekaterina Anokhina

Ein Geschenk der Natur, ein Geschenk Gottes" nennt Lana Jegorowa die Harzstücke, die sie auf den Tisch legt. Ein Stück glänzt sonnengelb, ein anderes rotbräunlich, ein drittes schwarz-grünlich: Bernstein, ausgebuddelt aus der Erde des Gebiets Kaliningrad.

30 Kilometer nordwestlich von Kaliningrad werden jedes Jahr im einzigen Bernstein-Tagebau der Welt rund 300 Tonnen abgebaut. Fast 90 Prozent des weltweiten Bernsteinvorkommens sollen dort lagern.

Was viele nicht wissen, Bernstein gibt es praktisch in allen Farbschattierungen: von weiß bis schwarz, mit silbrig glänzenden Einschlüssen, mit Luft, die im Harz verblieben ist, mit Sand oder sogar Insekten. Am teuersten ist der weiße, davon gebe es nur wenige Stücke, etwa zehn Prozent des geförderten Harzes, sagt Lana. Sie ersteigert den Bernstein auf einer Börse.

Bernstein mit eingeschlossener Pflanze
Ekaterina Anokhina

Bernstein mit eingeschlossener Pflanze

Ekaterina Anokhina

Schon als Kind sammelte Lana Bernstein am Strand, machte daraus Ketten. Sie stammt aus einer kleinen Siedlung von der Kurischen Nehrung, einer ehemaligen Kolchose, "heute ist da viel zerfallen, nur noch drei Kinder sind in einer Schulklasse." Inzwischen wohnt Lana in Kaliningrad. Dort hat sie auf einem ehemaligen Fabrikgelände eine Werkstatt, wo die Juwelierin und Designerin mit Kollegen den Bernsteinschmuck entwirft: Ohrringe, Armbänder, Anhänger, Ketten in verschiedenen Größen, eingefasst in Messing, "was es am Ende wird, das hängt vom Bernstein ab, jeder ist anders, das macht es ja so interessant".

Ekaterina Anokhina

Ekaterina Anokhina

Vorsichtig schleift die 55-Jährige die Kanten eines hellgelben Stückes rund, das an einen Tropfen erinnert. Ein feiner Staubfilm bildet es sich, es riecht süßlich, als ob Mandeln gebrannt werden. Dann poliert sie den durch die Reibung erwärmten Bernstein mit einer Paste, bis er schön glänzt.

Ekaterina Anokhina

Die Teile des Anhängers werden zusammengelötet
Ekaterina Anokhina

Die Teile des Anhängers werden zusammengelötet

Als nächstes nimmt Lana ein Messingplättchen, erhitzt es, um es mit einem Holzhammer in Form zu bringen, denn das Messing soll den Tropfen-Bernstein umschließen. Später wird sie daran weitere Verzierungen anbringen. Alle Teile sind Handarbeit, werden selbst entworfen und gegossen.

Ekaterina Anokhina

Beim Zusammenfügen der Einzelteile
Ekaterina Anokhina

Beim Zusammenfügen der Einzelteile

Das sei keine "damskaja rabota", auf Deutsch: Damenarbeit, sagt Lana. Eine schwere Arbeit - körperlich, für die Augen anstrengend. Aber eben ihre Leidenschaft. Sie lernte als junges Mädchen Juwelierin, fertigte Schmuck im Akkord, das sei nichts für sie gewesen. Ihr liege das freie, künstlerische Arbeiten mehr.

Das fertige Schmuckstück auf dem Skizzenpapier
Ekaterina Anokhina

Das fertige Schmuckstück auf dem Skizzenpapier

"Wir geben den Menschen Dinge in die Hand, ein Stück dieses Fleckchen Erde."

Lana versteht sich als Botschafterin ihrer Heimat. Sie leitet die Vereinigung "Preußischer Honig", einen Zusammenschluss aus 15 Künstlern und Handwerkern mit 40 Mitarbeitern. "Ihr Baby", wie sie das nennt.

Ekaterina Anokhina

Ekaterina Anokhina

Wieso der Name? Honig, weil viele Bernsteine diese Farbe habe. Preußisch als Erinnerung an die Geschichte. Oft müsse sie sich anhören: Wollt ihr etwa Deutsche sein? Dann antworte sie: "Das ist doch der historische Name dieser Erde." Dass sie das erklären müsse, wundere sie heutzutage in dieser multikulturellen Welt schon, sagt sie. "Aber viele kennen leider die Geschichte ihrer Heimat nicht."

Mit ihrer Katze Fanja
Ekaterina Anokhina

Mit ihrer Katze Fanja

Hat sich durch die WM ihr Leben verändert?

Klar sehe sie, wie sich ihre Stadt im Vorfeld der WM entwickelt habe, dass viel Geld investiert wurde, um historische Bauten zu sanieren. Das sei eine gute Sache für Kaliningrad und die Menschen. "Aber ein Fußball-Fan bin ich wirklich nicht."

Also Urlaub während des Turniers?

"Urlaub, den hatte ich vor fünf Jahren", sagt Lana. "Nein, wir werden viel arbeiten. Die Stadt hat uns auf die Fanzone eingeladen."

Was heißt eingeladen?

"Wir wurden gebeten, einen Stand auf der Fanzone aufzumachen und unseren Schmuck zu verkaufen." Ganz so einfach sei das alles nicht, sie dürfen ihr Logo nicht zeigen, müssen fünf Prozent des Umsatzes an die Organisatoren abgeben, erzählt Lana. "Aber es ist eine Chance für uns, uns zu zeigen und Geld zu verdienen."

SPIEGEL ONLINE

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.