Gesichter Russlands Marianna, die Souvenirverkäuferin

Für Marianna Menschekowa ist die WM die Möglichkeit, sich ein bisschen was dazuzuverdienen. Die Kunstlehrerin verkauft im Zentrum von Sankt Petersburg Souvenirs - und macht das auf ihre ganz eigene Art.
Ekaterina Anokhina

Für Marianna Menschekowa ist die WM die Möglichkeit, sich ein bisschen was dazuzuverdienen. Die Kunstlehrerin verkauft im Zentrum von Sankt Petersburg Souvenirs - und macht das auf ihre ganz eigene Art.

Von und Ekaterina Anochina (Fotos)


[STECKBRIEF]
Marianna Menschekowa
46 Jahre
In Sankt Petersburg geboren, lebt 25 Kilometer südlich in Zarskoje Selo
ein Sohn, 21 Jahre
Kunstlehrerin und Souvenirverkäuferin

Marianna Menschekowa an ihrem Verkaufsstand im Zentrum von Sankt Petersburg in der Nähe des Palastplatzes am Bogen des Generalstabs
Ekaterina Anokhina

Marianna Menschekowa an ihrem Verkaufsstand im Zentrum von Sankt Petersburg in der Nähe des Palastplatzes am Bogen des Generalstabs

Marianna Menschekowa fällt auf. Die Frau in Jeans und blauem WM-T-Shirt lacht viel. Das sieht man selten bei den Verkäuferinnen, die in der Nähe des Palastplatzes im Zentrum von Sankt Petersburg vor ihren Ständen mit Tassen, Tüchern, Anhängern und Matroschki und anderen Souvenirs stehen. Sie schauen eher missmutig drein.

Marianna lebt 25 Kilometer südlich von Sankt Petersburg in Zarskoje Selo, wo sich der Katharinen-Palast mit Bernsteinzimmer befindet
Ekaterina Anokhina

Marianna lebt 25 Kilometer südlich von Sankt Petersburg in Zarskoje Selo, wo sich der Katharinen-Palast mit Bernsteinzimmer befindet

Das mag vielleicht auch daran liegen, dass sie schon länger im Geschäft sind als Marianna. Die ist erst seit zwei Wochen dabei, wie sich herausstellt, schiebt jeden Tag gegen acht, neun Uhr in der Früh den Rollladen ihres Stands hoch und abends um neun Uhr wieder runter. Fährt nach Hause in das 25 Kilometer südlich gelegene Zarskoje Selo, ein Städtchen, das unter anderem für seinen Katharinenpalast mit Bernsteinzimmer berühmt ist. Dort wartet ihr alter, grauer Kater Bruce auf sie. Aber viel mache sie dann nicht mehr: "Ich falle nur ins Bett."

Marianna bei der Arbeit an ihrem Stand. Beim Gespräch mit SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Christina Hebel und Mitarbeiterin Katharina Lindt
Ekaterina Anokhina

Marianna bei der Arbeit an ihrem Stand. Beim Gespräch mit SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Christina Hebel und Mitarbeiterin Katharina Lindt

"Ich bin halt ein freundlicher Mensch", sagt die 46-Jährige. Sie könne nur noch in kurzen Sätzen antworten, wenn überhaupt, sie sei sehr müde, die vielen Kunden, der Trubel um den Stand. In der Nähe spielen Musiker, immer wieder ziehen Gruppen von Touristen vorbei. Mariannas dunkelhaarige Kollegin am Stand nebenan mit den Zinnfiguren schaut skeptisch, sie will nichts sagen und auch nicht mit aufs Foto.

Doch mit Marianna wird es ein sehr nettes Gespräch, während sie zwischendurch ihre Kunden bedient. Zwei Mexikaner würden gern Fußball spielen, einen Ball hat Marianna. Aber was wollen sie noch? Sie schaut die beiden jungen Männer fragend an, die ihr versuchen zu erklären, dass sie eine Luftpumpe brauchen, erst mit Worten, dann mit Händen. Sie zuckt bedauernd mit den Achseln, die hat sie nicht. Vielleicht drüben im offiziellen Fifa-Verkaufszelt? Die Mexikaner kommen wieder. Leider nicht, sagen sie und ziehen von dannen.

Ein Ball gibt es, aber keine Luftpumpe - Marianna mit zwei Mexikanern
Ekaterina Anokhina

Ein Ball gibt es, aber keine Luftpumpe - Marianna mit zwei Mexikanern

Ekaterina Anokhina

Marianna, die kein Wort Englisch kann, freut sich über die WM-Besucher. "Die sind so fröhlich, das hat sich auf unsere Stadt übertragen. Ich schaue noch einmal ganz anders auf meine wunderschöne Stadt."

Sankt Petersburg ist mit seinen Prachtbauten, der Ermitage und seinen Weißen Nächten, ohnehin ein Besuchermagnet. Allein für das vergangene Jahr vermeldete die Stadt 7,5 Millionen Touristen. Marianna wundert sich selbst etwas, dass sich die Atmosphäre so verändert hat.

Marianna mit einer Kundin. Das viele Stehen mache ihr nicht so viel aus, anders als erwartet, sagt sie. Gegen den Regen habe sie eine Markise am Stand, der Job mache ihr Spaß
Ekaterina Anokhina

Marianna mit einer Kundin. Das viele Stehen mache ihr nicht so viel aus, anders als erwartet, sagt sie. Gegen den Regen habe sie eine Markise am Stand, der Job mache ihr Spaß

Sie erzählt, dass sie sich ein bisschen was dazuverdienen will. Sie ist eigentlich Kunstlehrerin an einer Schule für Kinder ab fünf Jahre. Bringt ihnen unter anderem bei, wie man Keramik herstellt, was sie auch beruflich eine Zeitlang gemacht hat. Seit fünf Jahren unterrichtet Marianna, die Arbeit mit den Kindern mache ihr so viel Freude, sagt sie. Nun im Sommer hat sie Ferien.

Während ihres Studiums, sie hat unter anderem nach einer Ausbildung zur Restauratorin am Puschkin-Institut Kunst studiert, bemalte sie selbst Matrjoschkas, die schachtelbaren Puppen. Jetzt verkauft sie sie ab 200 Rubel, knapp drei Euro.

Matrjoschki und Mützen
Ekaterina Anokhina

Matrjoschki und Mützen

Ekaterina Anokhina

Handarbeit zählt in Russland nichts, sagt Marianna. Sie schaut das erste Mal ernst. Die Menschen seien nicht bereit, dafür anständig zu bezahlen. Sie kenne Keramikmalerinnen, die gerade einmal 20.000 Rubel, etwa 280 Euro, verdienten. Als Lehrerin sei es etwas besser, das Einstiegsgehalt liege bei 25.000 Rubel, etwa 350 Euro. Was sie in ihrem Monat als Souvenirverkäuferin verdient, will sie nicht sagen. "Ich bin zufrieden. Es ist ein gutes Geschäft", sagt sie.

Ein Tourist kommt vorbei. "Wie viel kostet die Schirmmütze?", will er wissen: 1100 Rubel, 15 Euro, ist der Preis. Der Mann, vermutlich aus Indien, will nur 500 Rubel zahlen. Marianna schüttelt mit dem Kopf. Die Preise sind fix, vorgegeben von der Firma, die sie angestellt hat. "Ich darf die Preise nicht ändern, auch wenn es mir manchmal schwerfällt."

Ekaterina Anokhina

Einer Frau verkauft sie schließlich eines der mit Blumenornamenten verzierten Tücher, einer anderen eine Tasse mit einer Katze. Es ist ein ganz schönes Sammelsurium, was Marianna da an Waren anbietet. Verkaufsschlager sind die Schneekugeln mit Petersburger Motiven, sagt sie.

Ekaterina Anokhina

Marianna mit einer Schneekugel für 300 Rubel
Ekaterina Anokhina

Marianna mit einer Schneekugel für 300 Rubel

Ekaterina Anokhina

Sonntag hat Marianna nun das erste Mal nach zwei Wochen Arbeiten frei. Es ist der Tag des WM-Finales, das sie wohl schauen wird. Bisher hat sie nur ein Spiel geguckt: Russland gegen Kroatien. Eigentlich ist Sport nicht so ihres, "aber das war toll, die Jungs haben sehr gut gespielt".

Zwei Wochen verkauft sie noch Souvenirs. Anfang August geht es auf die Datscha zu ihrer Mutter in den Norden von Sankt Petersburg nach Karelien. Mariannas Augen leuchten: Schlafen und Pilze sammeln werde sie dann, vier Wochen lang. Am 1. September geht es dann wieder zurück in die Schule zu den Kindern.

SPIEGEL ONLINE

Mitarbeit: Katharina Lindt



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.