Gesichter Russlands Olga, die Sternenguckerin

Olga Kolesnikowa schickt ihre Besucher in den Himmel. Seit 30 Jahren arbeitet sie als Führerin im Wolgograder Planetarium - schaut mit ihnen in den Weltraum. Zu Hause läuft nun öfters der Fernseher: Mit ihren Söhnen guckt sie alle wichtigen Spiele und die des russischen Teams sowieso.
Ekaterina Anokhina

Olga Kolesnikowa schickt ihre Besucher in den Himmel. Seit 30 Jahren arbeitet sie als Führerin im Wolgograder Planetarium - schaut mit ihnen in den Weltraum. Zu Hause läuft nun öfters der Fernseher: Mit ihren Söhnen guckt sie alle wichtigen Spiele und die des russischen Teams sowieso.

Von  und Ekaterina Anokhina (Fotos)


[STECKBRIEF]
Olga Kolesnikowa
58 Jahre, in Wolgograd geboren, geschieden
Zwei Söhne, Boris, 25 Jahre, und Nikolaj, 22 Jahre
Führerin im Planetarium
Lehrerin für Mathematik, Physik und Astronomie

Ekaterina Anokhina

Wie eine Prinzessin möge man doch die Treppe emporsteigen, sagt Olga Kolesnikowa. "Prinzessinnengleich, bitte", fordert sie ihre Besucherinnen auf und lacht.

Die kleine, energische Frau geht voran. Stufe und Stufe schreitet sie die Treppe hinauf, hoch zur Plattform der Sternenwarte. Sie hebt ihren Rock dabei etwas an, um sich nicht zu verheddern.

Olga Kolesnikowa an der Tür des Observatoriums
Ekaterina Anokhina

Olga Kolesnikowa an der Tür des Observatoriums

Ekaterina Anokhina

Dort oben unter der holzvertäfelten Kuppel steht ihr Prinz: Er trägt Blau. Das große Teleskop der Marke Carl Zeiss ist das Herzstück des Planetariums in Wolgograd.

Grell fällt das Licht der heißen Mittagssonne durch den Spalt des Daches, doch sie scheint Olga nicht viel anzuhaben.

Olga stellt das Okular am Teleskop ein, seit 30 Jahren entdeckt sie so das Weltall
Ekaterina Anokhina

Olga stellt das Okular am Teleskop ein, seit 30 Jahren entdeckt sie so das Weltall

Ekaterina Anokhina

Blick in Richtung Sonne
Ekaterina Anokhina

Blick in Richtung Sonne

Sie richtet das Teleskop aus, fährt die Holzbühne per Knopf etwas höher, damit sie besser sitzen und durch das Okular gucken kann. Ein goldgelber Ball erscheint auf dem weißen Schirm neben ihr: "Da ist sie, die kräftige Sonne!"

Olga bei einer Führung mit Kindern in der Eingangshalle vor der Büste von Jurij Gagarin, dem ersten Menschen im Weltraum
Ekaterina Anokhina

Olga bei einer Führung mit Kindern in der Eingangshalle vor der Büste von Jurij Gagarin, dem ersten Menschen im Weltraum

Ekaterina Anokhina

Seit 30 Jahren arbeitet Olga im Planetarium - einem Geschenk der Führung der ehemaligen DDR an Josef Stalin anlässlich seines 70. Geburtstags. Der schaut nun seit 1954 mit seinem Schnauzbart und in weißer Prachtuniform in der Eingangshalle mit den prunkvollen Marmorsäulen in die Weite.

Olgas Vater (l.) arbeitete auch schon im Planetarium, sein Foto hängt im Eingangsbereich des Planetariums
Ekaterina Anokhina

Olgas Vater (l.) arbeitete auch schon im Planetarium, sein Foto hängt im Eingangsbereich des Planetariums

Das Planetarium ist Olgas Leben. Sie kann nicht ohne. Denkt sich immer wieder neue Vorträge aus, wie sie den Kindern den Mond, Saturn und Mars nahebringen kann. Und das, obwohl sie bereits in Pension ist.

Olga im Saal des Planetariums, hier wird fast noch alles per Hand bedient - durch Knopfdruck leuchten die Planeten auf
Ekaterina Anokhina

Olga im Saal des Planetariums, hier wird fast noch alles per Hand bedient - durch Knopfdruck leuchten die Planeten auf

Ekaterina Anokhina

Sie arbeitet, und das nicht nur, da sie es wie so viele Rentner in Russland muss, weil das Geld sonst nicht ausreicht. Ihr macht es Freude, am Pult des großen Saales des Planetariums zu stehen und die Sonne über Wolgograd untergehen zu lassen - und die Planeten am Nachthimmel erscheinen zu lassen. 200 Rubel, etwa 2,70 Euro, kostet ein Ticket für Erwachsene.

Schattenriss der Rodina Mat, der Mutter Heimat. die Statue ist das Wahrzeichen Wolgograds. Das Monument erinnert an den Sieg der Roten Armee über Hitlers Truppen.
Ekaterina Anokhina

Schattenriss der Rodina Mat, der Mutter Heimat. die Statue ist das Wahrzeichen Wolgograds. Das Monument erinnert an den Sieg der Roten Armee über Hitlers Truppen.

Ekaterina Anokhina

"Ich kann einfach nicht in Rente gehen", sagt sie. Sie fühle in sich die Jugend, wie sie es ausdrückt. "Alter ist eine Frage der Seele." Und ihre sei jung. Schließlich sei das Leben, wie auch das Universum, einzigartig. "Wir müssen jeden Moment genießen."

Olga mit Besuchern beim Vortrag
Ekaterina Anokhina

Olga mit Besuchern beim Vortrag

Ekaterina Anokhina

Und die WM bietet ihr dafür viele Gelegenheiten, sie nennt die vielen Besuche "inspirierend". Olga, die kein Wort Englisch spricht, hatte bereits Fußballfans aus Tunesien, China und Ägypten in ihren Vorstellungen. "Wir haben leider keine Übersetzungen, manchmal kommen Übersetzer mit", sagt sie. "Aber die Sprache der Sterne ist für alle gleich", ist sie sich sicher.

Zu Hause schaut Olga nun viel fern. Alle wichtigen Spiele der WM verfolgt sie, die der russischen Mannschaft natürlich alle, die es nun - wider Erwarten - ins Viertelfinale geschafft hat.

Zu Hause bei Olga - die Wohnung erinnert ein bisschen an ein Museum, überall in der Wohnung finden sich Mitbringsel ihrer Söhne von ihren Reisen in Asien, Israel oder Russland
Ekaterina Anokhina

Zu Hause bei Olga - die Wohnung erinnert ein bisschen an ein Museum, überall in der Wohnung finden sich Mitbringsel ihrer Söhne von ihren Reisen in Asien, Israel oder Russland

Ekaterina Anokhina

Dann sitzt sie mit ihren beiden Jungs, Boris, 25 Jahre, und Nikolaj, 22 Jahre, auf dem Sofa, in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung, ganz oben in einem der typischen Plattenbauten.

Olga mit ihrem Sohn Boris - der jüngere Sohn Nikolaj spielt Gitarre
Ekaterina Anokhina

Olga mit ihrem Sohn Boris - der jüngere Sohn Nikolaj spielt Gitarre

Ekaterina Anokhina

Olga hat nun abends Zeit. Zu Anfang der WM im Juni hatte ihr Planetarium noch Führungen angeboten - mit Blick in den Sternenhimmel oben von der Plattform im Observatorium aus. Aber keiner kam.

SPIEGEL ONLINE

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja



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