Gesichter Russlands Sergej, Mann der Wolga

Sergej Jakowlew wurde an der Wolga geboren. Der Fluss ist sein Leben – und er tut alles dafür, dass die Wasserqualität steigt. Die WM in Wolgograd hat ihm dabei geholfen.
Ekaterina Anokhina

Sergej Jakowlew wurde an der Wolga geboren. Der Fluss ist sein Leben – und er tut alles dafür, dass die Wasserqualität steigt. Die WM in Wolgograd hat ihm dabei geholfen.

Von  und Ekaterina Anokhina (Fotos)


[STECKBRIEF]
Sergej Jakowlew
56 Jahre, verheiratet mit einer Biologin
zwei Töchter, 22 und 11 Jahre
Leitender Fischkundler,
in der Außenstelle Gebiet Untere Wolga,
in der staatlichen Behörde für Fischereiwesen und Bewahrung der Wasserressourcen

SPIEGEL ONLINE

Sergej Jakowlew ist so was wie ein Geburtshelfer. Er sorgt dafür, dass in der Wolga wieder mehr Fische laichen.

In Sowjetzeiten Anfang der Sechzigerjahre wurde der Fluss im Norden von Wolgograd aufgestaut. Die zahlreichen Werften, Metall- und Industriebetriebe brauchten Energie, erzeugt durch die Kraft der Wolga. Die Folge: Der Wasserpegel des Flusses stieg an.

Für Sergejs Fische ist das schlecht. Die Brachse oder Brasse, wie der karpfenartige Fisch auch genannt wird, braucht flaches Wasser mit Grünpflanzen, um laichen zu können. An den Ufern aber hat sich nun Schilf breitgemacht. Der ist scharf und wenig geeignet zum Schlüpfen der Brachsen, da sie sich an den Blättern leicht verletzen.

Sergej überprüft eines der Gitter mit Kaviar der Brachse. In den Algen ist nur noch wenig der kleinen ockerfarbenen Fischereier enthalten. Das heißt, die Larven sind bereits geschlüpft.
Ekaterina Anokhina

Sergej überprüft eines der Gitter mit Kaviar der Brachse. In den Algen ist nur noch wenig der kleinen ockerfarbenen Fischereier enthalten. Das heißt, die Larven sind bereits geschlüpft.

Ekaterina Anokhina

Also baut Sergej kleine Nester aus Algen, in die die Brachse ihre ockerfarbenen Fischeier, den Kaviar, ablegen kann. Die Algennester hängt der 56-Jährige an ein halbrundes Gitter, das er ins Wasser lässt. Drei bis fünf Tage brauchen die Brachsen-Larven, um zu schlüpfen. Sie werden bis zu fünf Kilogramm schwer und 50 Zentimeter lang.

Sergej auf einem Wolgaarm etwa 120 Kilometer nördlich von Wolgograd bei dem Ort Gornij Balyklej
Ekaterina Anokhina

Sergej auf einem Wolgaarm etwa 120 Kilometer nördlich von Wolgograd bei dem Ort Gornij Balyklej

Ekaterina Anokhina

Sergej, ein freundlicher Mann mit Bart, ist leitender Fischkundler in der Außenstelle Gebiet Untere Wolga. Die gehört zur Behörde für Fischereiwesen und Bewahrung der Wasserressourcen, wie sich Sergejs Amt etwas sperrig nennt. Seit sieben Jahren lassen Sergej und seine Mitarbeiter nun schon solche Geburtsgitter ins Wasser. "Es gibt wieder mehr Brachsen. Es kommen mehr Angler, das ist schön", sagt er und zeigt auf ein Ehepaar am Ufer. Vor ihnen im Netz im Wasser zappeln mehrere große Exemplare.

Sein Vater nahm ihn einst mit zum Angeln - "da war für mich klar, ich will Fischkundler werden"
Ekaterina Anokhina

Sein Vater nahm ihn einst mit zum Angeln - "da war für mich klar, ich will Fischkundler werden"

Die Wolga ist Sergejs Leben. Er kann zu jeder Fischart minutenlang Vorträge halten, über den Zander, den Hecht und den Stör, der einmal vom Aussterben bedroht war und den seine Behörde mit einem ähnlichen Zuchtprogramm wie bei der Brachse unterstützt. Nur dass die Larven des Störs direkt in die Wolga gesetzt werden.

Sergej ist an der Wolga geboren, weiter oben im Norden in Nischnij Nowgorod. Er hat seine Kindheit an "Mütterchen Wolga" verbracht, wie die Russen zärtlich den mit 3500 Kilometer längsten Fluss Europas nennen, der nordwestlich von Moskau in der Region Twer entspringt und ins Kaspischen Meer mündet.

Sergejs Vater, ein Schweißer, nahm seinen Sohn immer mit zum Angeln. "Dieses Adrenalin, wenn man einen Fisch am Harken hat, das hat mich immer begeistert, dieses Ausharren in der Natur."

Sergej beim Tragen seiner Ausrüstung auf das Schiff seiner Behörde nahe Gornij Balyklej
Ekaterina Anokhina

Sergej beim Tragen seiner Ausrüstung auf das Schiff seiner Behörde nahe Gornij Balyklej

Der Wissenschaftler ist im Norden von Wolgograd unterwegs, wo er nun seit 30 Jahren lebt. 120 Kilometer nördlich der Millionenstadt hat seine Behörde auf einem Außenarm der Wolga im Sommer ein Schiff liegen, das man über einen holprigen Sandweg erreicht. Dort warten seine Mitarbeiter Igor und Andrej. Sie fahren mit Sergej raus, um Proben zu entnehmen:

1. Probe des Wolgawassers

Hält man das Wasser gegen das Licht, sieht man das Plankton, die Organismen, die im Wasser leben - "das sieht aus wie Staub", sagt Sergej, der mit Formalin die Probe konserviert
Ekaterina Anokhina

Hält man das Wasser gegen das Licht, sieht man das Plankton, die Organismen, die im Wasser leben - "das sieht aus wie Staub", sagt Sergej, der mit Formalin die Probe konserviert

Ekaterina Anokhina

Ekaterina Anokhina

2. Probe vom Grund der Wolga

Sergej holt mit einem bestimmten Apparat vom Grund Schlick aus dem Wasser, Igor (m.) hilft ihm, hinten rechts Andrej
Ekaterina Anokhina

Sergej holt mit einem bestimmten Apparat vom Grund Schlick aus dem Wasser, Igor (m.) hilft ihm, hinten rechts Andrej

Ekaterina Anokhina

Muscheln vom Grund im Uferbereich
Ekaterina Anokhina

Muscheln vom Grund im Uferbereich

Sergej nennt die Wasserqualität in dem Wolga-Arm gut. "Hier gibt es keine Fabriken, Industrie oder landwirtschaftliche Großbetriebe". Würde er das Wasser trinken? "Nein", sagt er. "Aber, wenn es mal passiert beim Baden, würde nichts passieren."

Sergej und Igor werten Fotos aus
Ekaterina Anokhina

Sergej und Igor werten Fotos aus

Ekaterina Anokhina

Der Wissenschaftler sagt, dass die Wolga sauberer sei als noch vor 20, 25 Jahren. Damals gab es viel mehr Industriebetriebe, sehr viel Dünger und Pestizide wurden eingesetzt, "heute werden sie in kleineren Mengen und Dosen verwendet". Natürlich ist das Wasser im Bereich der Stadt noch immer schmutziger, sagt Sergej. Aber es habe sich einiges getan.

Sergej auf der Fanmeile in Wolgograd mit Blick auf den Fluss
Ekaterina Anokhina

Sergej auf der Fanmeile in Wolgograd mit Blick auf den Fluss

Ekaterina Anokhina

Wolgograd hat eine der schönsten Fanmeilen während der Fußball-WM, am Ufer der Wolga gelegen, schauen die Fans nicht nur auf den großen Bildschirm, sondern auch auf den mächtigen Fluss. Auch Sergej kommt hierher zum Fußball schauen.

"Das Wasser wird nun besser gereinigt, bevor es in die Wolga fließt." Die Kanalisation sei vor der Fußball-WM ausgebaut und neue Kläranlagen in Betrieb genommen worden. Außerdem wurde das Ufer der Wolga befestigt, der Fluss kann nun nicht mehr so viel Erde und Schmutz abtragen, sagt Sergej.

"Auf die Wolga" - Sergej mit Andrej und SPIEGEL-ONLINE Mitarbeiterin Katharina Lindt
Ekaterina Anokhina

"Auf die Wolga" - Sergej mit Andrej und SPIEGEL-ONLINE Mitarbeiterin Katharina Lindt

Viel wichtiger sei, dass sich das Bewusstsein der Menschen ändere: "Die Mehrheit liebt die Wolga, will so wie ich, dass unsere Kinder, Enkel und Urenkel noch Freude an dem Fluss haben", ist sich Sergej sicher. Er gibt sich unerschütterlich optimistisch, und das, obwohl an den kleinen Stränden am Wolga-Arm Plastikflaschen und Tüten liegen. Es ist ein langer Prozess, sagt er dazu.

Zurück auf dem Schiff gibt es erst einmal Mittagessen. Igor hat gekocht: Es gibt gebratenen Wels aus der Wolga, der weiße Fisch zergeht auf der Zunge. Später gibt es selbst gemachte Fischfrikadellen und einen Schluck Wodka, ein Geschenk von Kollegen aus Finnland. "Ich trinke auf die Wolga", ruft Sergej.

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Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja; Katharina Lindt



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