Harry Kane im Spiel um Platz drei Der Müdeste unter Müden

Englands Angreifer Harry Kane spielte im Duell um Platz drei erneut schwach. Trotzdem wird er wohl WM-Torschützenkönig - und genau das zeigt, wie wenig diese Auszeichnung aussagt.

Harry Kane
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Harry Kane

Aus Sankt Petersburg berichtet


Etwas mehr als 20 Minuten waren gespielt, als die 64.400 Zuschauer in der imposanten WM-Arena von Sankt Petersburg eine Szene mit Symbolwert zu sehen bekamen.

Nach einer Ablage von Raheem Sterling erhielt Englands Kapitän Harry Kane an der Strafraumkante den Ball, es war eine günstige Gelegenheit, um das 1:1 zu besorgen im undankbaren Spiel um den dritten Platz gegen Belgien. Doch Kane rutschte beim Abschluss weg, der Ball verfehlte das Ziel. Am Ende sollte die Partie 0:2 verloren gehen.

Kane, der 24 Jahre alte Angreifer von Tottenham Hotspur, hat bei der WM sechs Treffer erzielt. Er dürfte Torschützenkönig des Turniers werden, wenn im Finale zwischen Frankreich und Kroatien am Sonntag (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nichts Übernatürliches passiert.

Die Franzosen Antoine Griezmann und Kylian Mbappé haben jeweils drei Tore in der Turnierbilanz stehen, die Kroaten Luka Modric, Ivan Perisic und Mario Mandzukic trafen jeweils zwei Mal. Jetzt noch eine Wette auf Kane abzuschließen, würde keinen nennenswerten Gewinn einbringen.

Mit seinen Toren hat sich der Engländer in Russland auf der Weltbühne etabliert. Trotzdem war sein Turnier wechselhaft. Sein voraussichtlicher Titel als bester WM-Schütze hat gleich einen dreifachen Makel. Denn erstens gelangen ihm drei seiner sechs Tore beim 6:1 in der Vorrunde gegen Panama, die wohl schwächste Mannschaft im Teilnehmerfeld. Zweitens schoss er drei seiner Tore per Elfmeter. Und drittens war von Kane in den wirklich wichtigen Spielen wenig zu sehen.

Kane scheiterte in entscheidenden Situationen

Sein letztes WM-Tor datiert aus dem Achtelfinale gegen Kolumbien. Beim 2:0 im Viertelfinale gegen Schweden blieb er unauffällig, im Halbfinale gegen Kroatien leistete er sich eine Szene, wie man sie nicht kennt von dem Mann, der in den vergangenen drei Jahren zwei Mal Torschützenkönig der Premier League war und in der abgelaufenen Saison nur von Mohamed Salah vom FC Liverpool überboten werden konnte. Beim Stand von 1:0 für seine Mannschaft scheiterte er aus spitzem Winkel doppelt an Kroatiens Schlussmann Danijel Subasic. Es war ein Rätsel, wie der Ball nicht im Tor landen konnte.

Zwar hatte der Linienrichter Abseits angezeigt, doch eventuell wäre der Videobeweis konsultiert worden, wenn Kane getroffen hätte. Und dann hätten die Engländer vermutlich nicht das Spiel um Platz drei bestreiten müssen, sondern würden sich jetzt auf das Finale vorbereiten. Hätte, wäre, wenn.

Am Ende bleibt, dass Kane zwar als bester Schütze der WM ausgezeichnet werden dürfte, er in den entscheidenden Situationen allerdings scheiterte. Bei der Niederlage gegen Belgien machte er einen erschöpften Eindruck. Er schien der müdeste unter vielen müden Engländern zu sein.

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In der Heimat werden schon seit Tagen die möglichen Hintergründe für den Abfall von Kanes Leistung diskutiert. Dass er nach der wilden Partie gegen Kolumbien Rückenprobleme hatte, dient dabei als fruchtbarer Boden. Der ehemalige Nationalspieler Gary Neville zum Beispiel sagte nach dem Halbfinal-Aus gegen Kroatien in seiner Rolle als TV-Experte für den Sender ITV: "Ich wäre erstaunt, wenn wir nicht in den kommenden Tagen erfahren würden, dass er seit dem Kolumbien-Spiel eine Verletzung mit sich herumschleppt. Er sieht einfach nicht richtig gut aus."

Trainer Gareth Southgate verteidigte Kane nach der Niederlage gegen Belgien, ohne allerdings konkret auf seine Vorstellungen in der K.-o.-Phase einzugehen: "Er war ein außergewöhnlich guter Kapitän. Es wäre falsch, einzelne Spieler aufgrund der Leistung von heute zu bewerten", sagte er und wies darauf hin, dass seine Mannschaft "sieben Spiele in einem kurzen Zeitraum" absolviert habe und "unglaublichen körperlichen und emotionalen Anforderungen" ausgesetzt gewesen sei.

Noch kein großer Spieler

Kane ist ein Beispiel dafür, dass es bei einer WM nicht unbedingt darauf ankommt, wie viele Tore man schießt - sondern welche. Mario Götze wird in Deutschland immer einen gewissen Heldenstatus besitzen wegen seines 1:0-Siegtreffers im WM-Finale gegen Argentinien vor vier Jahren. Für ihn war es das zweite und letzte Tor im Turnier. Auch Andrés Iniesta waren 2010 nur zwei Treffer gelungen, eines davon war Spaniens Siegtreffer im Finale gegen die Niederlande.

Der Titel des WM-Torschützenkönigs hatte schon in der Vergangenheit begrenzte Aussagekraft. 1994 wurde der Russe Oleg Salenko (zusammen mit dem Bulgaren Christo Stoitschkow) bester Schütze. Fünf seiner sechs Treffer erzielte er allerdings in einem einzigen Spiel, beim 6:1 gegen Kamerun. Russland schied trotzdem nach der Vorrunde aus.

Der bislang letzte alleinige WM-Torschützenkönig, der auch Weltmeister wurde, war übrigens der Brasilianer Ronaldo 2002. Unter anderem gelangen ihm beim 2:0 im Finale gegen Deutschland beide Treffer. Große Spieler werden eben in großen Spielen gemacht.

Für Kane ist es noch ein weiter Weg dahin.

insgesamt 13 Beiträge
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andromeda793624 14.07.2018
1. Nach Oleg Salenko....
Der wohl schlechteste WM-Torschützenkönig seit über 50 Jahren. Wie im Text schon geschrieben 3 Tore gegen Panama. Einer Auswahl die aus Spielern besteht,die in den Niederungen der belgischen Ligen(Gent II) spielen,zudem in Guatemala,Honduras,Costa Rica,MLS und Panama ihr Geld verdienen. Also ein völlig unterklassiger Kader. Zudem 3 Elfmeter! In den großen Spielen von Kane nichts zu sehen. Gegen die starken Gegner wie Belgien und Kroatien Wirkungslos.
Newspeak 15.07.2018
2. ....
Alle diese Titel sind sinnlos. Statistik für Leute, die kein Leben haben, aber Sportereignisse in solchen Zahlen herunterbeten können. Für Sportreporter, die Zeit schinden müssen. Für Medien, die Zeilen füllen müssen. Numerische Fakten wirken besser, als qualitative Analysen, für die man ausführlicher Bescheid wissen muss. Am Ende werden die Zeitungen von KI geschrieben, und sie werden eine Ansammlung solcher Zahlen sein, die am Ende nichts bedeuten.
hileute 15.07.2018
3. Richtig, Torschützenkönig sagt im fall kane nichts aus,
6 Tore in 7 spielen klingt gut. Wenn man aber bedenkt daß es 3 Elfmeter, 2 Kopfbälle aus ungefähr 50 cm Entfernung wo jeder Kreisklassestürmer getroffen hätte waren und er einmal abgeschossen wurde und das auch noch gegen unterklassige Gegner sagt aus das die WM für Kane zum vergessen war, er hat sein Potential kein einziges Mal beweisen können und das weiß er auch und wird bei den nächsten Turnieren eine Schippe drauflegen
murksdoc 15.07.2018
4. Sie haben die Regeln des Männersports nicht kapiert
Deshalb gibt es "Stolperkönige" bei Tanzturnieren, "Fahrkartenkönige" im Schießsport und "Krohnkorkenkönige" überall anders. Damit auch Verlierer etwas haben, über das sie sich freuen können.
gdg 15.07.2018
5. Überschätzt
In England ist er Weltspitze. Außerhalb Durchschnitt. In Deutschland sind Kimmich, Hummels, Boateng, und wie sie alle heißen, auch Weltspitze. Außerhalb: s. Kane.
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