Kroatien bei der WM 2018 Reicher Onkel gegen armen Neffen

Kroatien ist Vizeweltmeister geworden. Das ist mehr, als die Bevölkerung des kleinen Balkanstaates je für möglich gehalten hat. Ob nun erster oder zweiter Sieger - der Erfolg tut dem Land gut.

WM-Party in Split
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WM-Party in Split

Aus Split berichtet


Am Ende wird Matjia politisch. Sein Held, sagt er, könnte jetzt Deutscher sein. Dann hätte er womöglich Deutschland gegen England ins Finale geschossen und nicht Kroatien. Und am Sonntag im großen Endspiel auch das zweite Tor gegen Frankreich, nach dem alle hofften, es könnte doch noch den Ausgleich zum 4:4 geben.

Matjia ist Psychologiestudent in Zagreb, er kommt eigentlich aus Split, der zweitgrößten Stadt Kroatiens, wo er an diesem Abend zusammen mit vielleicht 3000, vielleicht 5000 anderen Fans das Finale seiner Mannschaft auf der Riva schaut, der prächtigen Promenade direkt am Hafen. Noch ist er voller Hoffnung, dass es zum Weltmeister reicht, "sie müssen es nur in die Nachspielzeit schaffen."

Matjias Held ist Mario Mandzukic. Der Stürmer war sechs Jahre alt, als er 1992 als Flüchtlingskind während des serbisch-kroatischen Krieges aus Slavonski Brod nach Ditzingen bei Stuttgart kam, wo er beim Verein TSF seine ersten Bälle kickte. "Hätte Deutschland ein vernünftiges Einwanderungsgesetz", so Matjia, "würde Mandzukic vielleicht heute für Deutschland spielen."

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Kroatien in der Einzelkritik: Gelaufen

So aber freut sich Matjia, dass Mandzukic Kroate geblieben ist, auch wenn er zusehen muss, wie seine Mannschaft gegen die Franzosen unterliegt. "Unglücklich", wie er sagt. Und Mandzukic ist mit seinem Eigentor auch nicht ganz unschuldig daran.

"Mich macht das wahnsinnig stolz"

Dass die Fans überhaupt in die Innenstadt von Split gelangen konnten, verdankten sie vor allem großem organisatorischen Geschick. Öffentliche Busse fuhren zwar, doch waren die alle so überfüllt, dass die Busfahrer nur wild gestikulierend hinter der Frontscheibe saßen und beschieden: Voll, nächster Bus bitte. Doch auch der war voll, und der nächste auch. Uber-Fahrer und Taxiunternehmen machten das Geschäft ihres Lebens, sofern sie es vermochten, sich an den hupenden Autos und röhrenden Motorrädern vorbeizuschlängeln.

In der Innenstadt feierten die Fans, dass es die kroatische Fußballnationalmannschaft überhaupt bis ins Finale geschafft hat. Erst vier Mal war sie bei einem WM-Turnier dabei, der größte Erfolg, der dritte Platz gleich bei der ersten WM-Teilnahme, liegt 20 Jahre zurück. Diesmal hatten die Kroaten Top- Mannschaften wie Argentinien mit Superstar Messi, Gastgeber Russland oder Favoriten wie England besiegt. Für viele ist das schon Erfolg genug, der Titel wäre da nur noch das Sahnehäubchen gewesen.

"Mich macht das wahnsinnig stolz", sagt Monika über den Finaleinzug. Die 27-Jährige ist zwar Kroatin, wurde aber in Mostar, heute Bosnien-Herzegowina, geboren. Vor zwei Monaten war sie in Amerika, erzählt sie, "da konnte mit Kroatien kein Mensch etwas anfangen". Nach diesem Finale, so ihre Hoffnung, würde das anders sein. "Unser Land kennt jetzt jeder auf der Welt." Freudig zeigt sie Fotos ihres Bruders, der zur WM nach Russland geflogen ist, am Sonntagmorgen noch Selfies mit kroatischen Spielern machen konnte und sie kurz vor Anpfiff seiner Schwester schickte.

Es scheint den meisten kroatischen Fans fast einerlei, so der Eindruck, ob der WM-Titel in das kleine Land kommt, das mit etwas mehr als vier Millionen kaum mehr Einwohner hat als Berlin. Allein die Aufmerksamkeit, die dem Balkanstaat mit dem Durchmarsch ins Finale zuteil wurde, gibt den Menschen einen enormen Schub an Selbstbewusstsein.

'Reicher Onkel' gegen 'armen Neffen'

Es hat etwas von 1954, als Deutschland neun Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, Fußballweltmeister wurde und so etwas wie eine neue Identität bekam. Der Krieg in Kroatien liegt zwar schon mehr als 20 Jahre zurück, war aber bislang immer noch Bürde und Last. Auch wenn die meisten Regionen an der Küste inzwischen proper herausgeputzt sind und die EU, deren Mitglied Kroatien seit 2013 ist, viel Geld in das Land investiert hat, sind die Wunden des Krieges noch überall sichtbar.

Man muss nur 30 Kilometer von der Küstenstraße ins Hinterland fahren - in Orten wie Gospic oder Perusšic stehen noch immer von Einschusslöchern gezeichnete Häuser, noch immer warnen Schilder vor Minen, die noch nicht geräumt sind.

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Das Spiel Frankreich gegen Kroatien war auch ein Spiel 'reicher Onkel' gegen 'armen Neffen', so sehen das viele an der Adriaküste. Mag Frankreich noch so viele wirtschaftliche Probleme haben; sie sind nichts gegen die kroatischen. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet etwas mehr als 13.000 Dollar liegt Kroatien auf Platz 60 in der Welt. Trinidad und Tobago liegt noch davor oder auch das notorisch klamme Griechenland. Die Arbeitslosenquote erreicht fast 20 Prozent, die Quote der Jugendarbeitslosigkeit ist mehr als doppelt so hoch. Wie zum Trotz war die Public-Viewing-Leinwand in Split direkt vor dem französischen Konsulat aufgestellt.

"Auch der zweite Platz wird das Land wieder aufrichten"

Die Lage im Land sei "beschissen", sagt auch Ivan, der als Kellner in der Bar "Romana" in Split arbeitet. Wirtschaftlich, gesellschaftlich und auch politisch liege viel im Argen, so der 27-Jährige. Rund 20 Prozent des Bruttoinlandprodukts erzielt Kroatien mit Tourismus. Die beiden Kreuzfahrtschiffe, die am Sonntagabend im Hafen lagen, tröteten bei jedem der insgesamt sechs Tore, bei den kroatischen besonders lang. "Wo ist das ganze Geld, dass unser Land damit verdient", fragt er. Es läuft nicht rund, da kam der WM-Erfolg der Nationalmannschaft gerade richtig, glaubt er. "Auch der zweite Platz wird das Land wieder aufrichten."

Als der Schiedsrichter kurz vor sieben Uhr das Spiel abpfiff, zündeten einige Fans bengalische Feuer, der DJ auf der Haupttribüne legte Musik auf, als gäbe es den Sieg zu feiern, die Menge sang, tanzte und klatschte.

Aus den Lautsprechern tönte "Neopisivo" von den Zapresic Boys, das heißt "Unbeschreiblich" und ist das kroatische Pendant zum deutschen WM-Song "Zusammen" der "Fantastischen Vier". Am Montagabend wird das Lied wohl wieder gespielt, wenn die Fans die kroatische Mannschaft nach einem Zwischenstopp in der Hauptstadt Zagreb in Split erwarten. Besonders einen werden sie als besonders unbeschreiblich preisen: der andere Torschütze neben Mandzukic, Ivan Perisic, wurde 1989 in Split geboren.

Die hupenden Kreuzfahrtschiffe werden dann abgelegt haben. Aber neue werden da sein. Und sicher wieder hupen.



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brathbrandt 16.07.2018
1. Glückwunsch!
Eine echte Mannschaft!
penie 16.07.2018
2. Wieso denn "phantastic"?
Auf kroatisch heißt das "fantastican", auf französisch "fantastique", auf deutsch "fantastisch". Die Amerikaner verstehen nichts von Fussball. Was soll also dieser idiotische Angizismus? - - - - Dies soll kein Anglizismus sein, sondern ist in Anlehnung an Endsilben kroatischer Namen zu verstehen... MfG Redaktion Forum
rösti 16.07.2018
3. ja
Zitat von brathbrandtEine echte Mannschaft!
Eine echte Mannschaft bedankt sich aber auch für ein faires Verhalten des Gegners für das geschenkte Tor. Diese Geste fand ich die sportlichste vom ganzen Tunier! Da schenkt der Kapitän der Franzosen den Croaten ein Tor und niemand bedankt sich! Unmöglich....
Regensburger 16.07.2018
4.
Zitat von penieAuf kroatisch heißt das "fantastican", auf französisch "fantastique", auf deutsch "fantastisch". Die Amerikaner verstehen nichts von Fussball. Was soll also dieser idiotische Angizismus? - - - - Dies soll kein Anglizismus sein, sondern ist in Anlehnung an Endsilben kroatischer Namen zu verstehen... MfG Redaktion Forum
@Redaktion: dann schreibt doch einfach "phantastić". Damit wirds sicher klarer.
Mardor 16.07.2018
5.
Zitat von penieAuf kroatisch heißt das "fantastican", auf französisch "fantastique", auf deutsch "fantastisch". Die Amerikaner verstehen nichts von Fussball. Was soll also dieser idiotische Angizismus? - - - - Dies soll kein Anglizismus sein, sondern ist in Anlehnung an Endsilben kroatischer Namen zu verstehen... MfG Redaktion Forum
Tja, Forirst penie, das nennt man dann Eigentor. ;-) Liebe SPON-Reaktion, Vorsicht mit Wortspielen, die setzen halt immer eine gewisse Mindestfantasie beim Leser voraus...
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