WM 2018 Der Sommer, als Russland lächelte

Wer jetzt durch Russland reist, erlebt ein verändertes Land. Die Menschen in diesem Überwachungsstaat sind durch den WM-Trubel lockerer geworden und trauen sich, ein wenig loszulassen.

Russische Fans in Moskau
REUTERS

Russische Fans in Moskau

Aus Sotschi berichtet


Einen Monat sind wir nun unterwegs, auf Tour durch die elf Städte der Fußballweltmeisterschaft. Tausende Kilometer haben die Fotografin Katja Anochina und ich gemeinsam zurückgelegt, wir wollten sehen, was die Menschen in Russland aus der WM machen - und was dieses Spektakel mit ihnen macht (Hier lesen Sie die Geschichten der Menschen).

Gerade sind wir am Ort Nummer zehn: Sotschi am Schwarzen Meer, wo Russland im Viertelfinale gegen Kroatien im Elfmeterschießen schließlich das Glück verließ. Es wurde trotzdem wieder ausgelassen gefeiert. Dass es die russische Mannschaft in ihrem Zustand soweit gebracht hat, ist schon ein Sommermärchen für sich, niemand hatte damit gerechnet.

Auch Katja nicht. Sie hatte eigentlich bisher nichts mit Fußball am Hut, aber auf unserer Reise wandelte sie sich angesichts der kollektiven Freude mehr und mehr zum Fan. Sie stand in der Fanzone, starrte angespannt auf den Bildschirm, wie so viele Hunderttausende Russen in den Städten.

Russen feiern ihre Mannschaft in Moskau
YURI KOCHETKOV/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Russen feiern ihre Mannschaft in Moskau

Katja ist Russin, in Moskau geboren, wo sie auch heute lebt. Sie werde diesen WM-Sommer nie vergessen, sagt sie. Es sei anders als vor vier Jahren, als Staatschef Wladimir Putin in Sotschi die Olympischen Spiele ausrichten ließ, die für sie vor allem eines waren: "ponty" - Angeberei. In diesem WM-Sommer aber hat sich Russland verwandelt.

Das fühlt sich schön und zugleich seltsam an in einem Land, in dem der öffentliche Raum so reglementiert ist und durch den Sicherheitsapparat überwacht wird. Das Feiern wird den Menschen hier verordnet, etwa patriotische Konzerte zur Krim-Annexion, offiziell "Wiedereingliederung der Krim" genannt. Mitarbeiter der Staatsbetriebe und Behörden werden dann in Bussen herangefahren und abgeladen, dann sollen sie jubeln.

Mit Musiker Anton (3.v.l., rote Haare) und seinen Gästen aus Hongkong in Saransk - mit dem SPIEGEL-ONLINE-Team Wladimir Schirokow (2. v.l.), Christina Hebel (r.) und Fotografin Katja Anochina (vorne)
SPIEGEL ONLINE

Mit Musiker Anton (3.v.l., rote Haare) und seinen Gästen aus Hongkong in Saransk - mit dem SPIEGEL-ONLINE-Team Wladimir Schirokow (2. v.l.), Christina Hebel (r.) und Fotografin Katja Anochina (vorne)

Doch der WM-Wandel geschah nicht auf eine Order hin, auch wenn Putin dieses Großereignis in seinem Land so unbedingt wollte. Und das macht diese Veränderung so besonders.

Warum ist Russland nun plötzlich "anders"? Sicher nicht wegen der modernisierten Flughäfen, neuen Stadien oder tadellos asphaltierten Straßen, nicht wegen der meist reibungslos funktionierenden Organisation des Turniers. Es sind die Menschen, die sich verändert haben.

Umarmungen, gemeinsame Tanzeinlagen

Anfangs noch staunend, Abstand wahrend, öffneten sich die Russen schnell, etwa als sie in Wolgograd sahen, wie sich die Tunesier in ihren roten Trikots und mit Trommeln schon mittags zum Feiern versammelten, ihre Transparente ausrollten und Stimmung machten. Sich in Gruppen zusammenzustellen mit Plakaten, das ist in Russland sonst nicht erlaubt. Zumal mit einem Bier in der Hand. Einige Stunden später tanzten die ersten Russen schon mit. Irgendwann schmunzelten selbst die sonst grimmig dreinschauenden Polizisten.

Wasserdisco im Springbrunnen in Saransk
SPIEGEL ONLINE

Wasserdisco im Springbrunnen in Saransk

In Saransk bildeten Babuschki in ihren mordowischen Trachten mit Fans einen Kreis und umtanzten Gäste aus China und Afrika. Nachts nahmen junge Männer Panamaer nach der Niederlage gegen Tunesien in den Arm, tauschten mit ihnen Flaggen. Russinnen und Tunesier tanzten gemeinsam am meterhohen Springbrunnen bis ein Uhr morgens, all den erbosten Kommentaren in Sozialen Medien und Zeitungen zum Trotz, die erklärten, wie schlimm es sei, dass sich russische Frauen auf Ausländer einlassen. Manch einer stieg in der Nacht sogar in die Fontäne, bejubelt von den anderen.

In Rostow am Don baten Polizisten und Kosaken mexikanische Fans um Erinnerungsfotos. Nationalgardisten, die sonst bei Demonstrationen gegen Oppositionelle durchgreifen, versuchten mangels Englischkenntnissen mit vielem Fuchteln und sogar einem Lächeln, den Fans zu zeigen, wo es lang geht.

Kosaken mit Mexikaner in Rostow
Ekaterina Anokhina

Kosaken mit Mexikaner in Rostow

Alles ist irgendwie so leicht

Das schönste Erlebnis hatte ich in Samara. Dort lächelte mich schon in der Straßenbahn der Fahrer an - was sonst so selten passiert. In der Öffentlichkeit machen die Menschen in Russland meist einen verschlossenen Eindruck, ein sowjetisches Gesicht nenne ich das.

Im Zentrum traf ich nachts Aleksandr, Lisa und Lew. Die drei hatten sich mit einem Lautsprecher einfach auf eine Kreuzung gestellt und tanzten zu Popsongs. Stundenlang. Und wann immer brasilianische, mexikanische und russische Fans von der Fanmeile auf ihrem Weg zu den Hotels oder nach Hause vorbeikamen, begrüßten sich alle mit Jubel-Rufen und bewegten sich einige Minuten gemeinsam zur Musik, gaben sich die Hand zum Abschied, bis die nächsten Fans vorbeikamen.

Für ihn bedeute das alles, einfach mal durchzuatmen, sagte Lew. Wann könne man schon einmal auf der Straße tanzen, einfach so? Der 21-jährige Student war noch nie im Ausland. Gerade einmal 28 Prozent der Russen besitzen einen Auslandspass. So viele Ausländer habe er noch nie gesehen, sagte Lew. Es sei so gut, dass alle so offen, alles irgendwie so leicht sei.

Trubel überdeckt Müdigkeit und schlechte Nachrichten

Leichtigkeit findet man in Russland oftmals nur noch im Privaten, in der Küche, wie es so schön heißt, oder auf der Datscha mit Freunden. Viele Russen wirken nach 18 Jahren mit Putin an der Spitze des Landes müde.

Fertig machen für das Spiel: Fans in Saransk mit den Fahnen von Panama und Tunesien auf den Wangen - und der russischen Fahne
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Fertig machen für das Spiel: Fans in Saransk mit den Fahnen von Panama und Tunesien auf den Wangen - und der russischen Fahne

Der Staat, auch die Medien, wurden fast vollständig unterworfen, der Sicherheitsapparat ist mächtiger denn je. Widersacher Putins wurden größtenteils zum Schweigen gebracht, wer sich noch in der Opposition engagiert, steht ständig unter Druck. Wirtschaftlich und im sozialen Bereich geht es vor allem in den Regionen nur langsam voran.

Die WM kommt also für Putin zur rechten Zeit, verdeckt der Trubel doch weitestgehend die schlechten Nachrichten, die es ja immer noch gibt - und über die in Russland auch zu berichten ist. Nur fünf Beispiele der vergangenen Wochen:

  • die geplante Erhöhung des Renteneintrittsalters, bei Männern auf 65 Jahre, bei Frauen auf 63 Jahre, obwohl der russische Mann immer noch früh mit durchschnittlich 66,5 Jahren stirbt (Frauen mit 77 Jahren); die geplante Anhebung der Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent;
  • die Ausweitung der Anti-Terrorgesetze, die zur Folge haben, dass Telefonate, Chats und Videos mitgeschnitten und ein halbes Jahr gespeichert werden müssen;
  • die Verschärfung der Registrierungsregeln für Millionen von Ausländern, die sich immer an ihrem Aufenthaltsort anmelden müssen, was bisher über ihre Firmen möglich war, nun aber nicht mehr;
  • die geplante Ausweitung des Gesetzes, das ausländische Medien als "Agenten" einstuft und gerade in der Duma behandelt wird; nicht nur Organisationen sollen künftig als Agenten bezeichnet werden können, sondern auch einzelne Journalisten;
  • das neue Verfahren gegen Jurij Dmitriew, der Stalins Verbrechen in Karelien aufarbeitet. Ein Gericht hatte den 62-Jährigen vor wenigen Monaten überraschend von dem - offenbar fingierten - Vorwurf der Kinderpornografie freigesprochen.

Es ist der Zwiespalt zwischen den Bildern feiernder Fans und diesen Nachrichten, den wir während der WM aushalten müssen, nur wirken letztere nun irgendwie so weit weg.

In wenigen Tagen wird der Trubel der WM enden. Was geschieht also, wenn die letzten Fans abgereist sind? Was wird der Kreml mit der Stimmung der vergangenen Wochen anfangen?

Vieles spricht dafür, dass der Kreml so weitermachen wird wie bisher. Zu den Moskauer Bürgermeisterwahlen Anfang September wurde zum Beispiel kein einziger Kandidat der Opposition zugelassen.

Russische Fußballfans auf der Fanzone in Wolgograd
SPIEGEL ONLINE

Russische Fußballfans auf der Fanzone in Wolgograd

Die Staatsmacht aber wird nach der WM auf veränderte Menschen treffen, voller Eindrücke von dem, was sie erlebt haben, Erwartungen, die damit verbunden sind. Sie sind die eigentlichen Gewinner dieses Turniers.

Die Russen wirken verjüngt. Wenn man sie auf die WM anspricht, leuchten die Augen, sie sind stolz auf ihre Mannschaft, das Turnier, vor allem aber erzählen sie von ihren schönen Begegnungen mit Ausländern.

Vielleicht werden sie nun Fragen stellen, warum eigentlich Ausländer so vieles in ihrem Land dürfen, sie aber nicht. Vielleicht reisen sie nun vermehrt ins Ausland. Von der Russophobie im Westen, die Politiker und Staatsmedien immer wieder angesichts der Kriege in der Ostukraine, Syrien und der Konflikte um Hacker, Wahlbeeinflussung und vergiftete Ex-Agenten beschwören, ist jedenfalls nicht die Rede.

Es ist, als ob die Russen und die Welt in diesem WM-Monat zusammengerückt sind. Ein Gefühl, das viel wert ist in diesen Zeiten.


Lesen Sie hier die Geschichten der Menschen aus den WM-Städten:

insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
micromiller 09.07.2018
1. Sehr sympathischer Artikel
gut das die Russophobie keine Nahrung findet und die vielen Besucher des Landes mit positiven Gefühlen für das schöne, große Land uns seinen sympathischen Menschen nach Hause kommen. Hoffentlich wird diese Immunisierung gegen den Aufbau des Feindbilds Russland lange anhalten.
Rhinkiekerrees@gmail.com 09.07.2018
2. prima
Ist das nicht toll Menschen in Russland können lachen und zeigen sich weltoffen.
zeisig 09.07.2018
3. Überwachungsstaat?
Warum muß man Russland immer mit negativen Attributen versehen? Vielleicht waren die Menschen ja vor der WM auch schon locker, nur haben wir es nicht gemerkt?
acitapple 09.07.2018
4.
Zitat von micromillergut das die Russophobie keine Nahrung findet und die vielen Besucher des Landes mit positiven Gefühlen für das schöne, große Land uns seinen sympathischen Menschen nach Hause kommen. Hoffentlich wird diese Immunisierung gegen den Aufbau des Feindbilds Russland lange anhalten.
Das schöne Land und die tollen Leute sind eine Sache. Die Politik ist wiederum eine ganz andere Geschichte. Da sollte/muss man leider unterscheiden. Im übrigen kann ich nur jedem dringend empfehlen einfach mal mit Russen zu feiern, wenn sich die Gelegenheit ergibt.
zeisig 09.07.2018
5. Was haben Sie für ein Bild von Russland??
Zitat von Rhinkiekerrees@gmail.comIst das nicht toll Menschen in Russland können lachen und zeigen sich weltoffen.
Daß Russen auch lachen können wundert mich jetzt nicht wirklich. Und daß sie weltoffen sind, genau so wenig. Sie sollten das Bild, das Sie von Russland und seinen Menschen haben, dringend überdenken.
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