Fußballtalente in Russland "Russlands Messi arbeitet in Sibirien an einer Tankstelle"

Russland hat zum WM-Auftakt 5:0 gegen Saudi-Arabien gewonnen - gilt aber dennoch weiter als krasser Außenseiter. TV-Kommentator Sergej Krivokharchenko erklärt, warum die Talente des Landes den Durchbruch nicht schaffen.

Sergey Novikov/ Project Grassroots

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Krivokharchenko, wenn Sie eine Sache sofort im russischen Fußball sofort ändern dürften: Wo würden Sie ansetzen?

Sergej Krivokharchenko: Unsere Jugendtrainer müssen ein Gehalt bekommen, von dem sie gut leben können, und eine ordentliche Ausbildung. Ein Talent entdecken und entwickeln, das können bei uns nur die Jugendabteilungen von einigen Vereinen, Zenit Sankt Petersburg etwa, ZSKA Moskau, FK Krasnodar. Ich habe mal das Buch "Anpfiff" von Toni Schumacher gelesen. Er hat eine Situation in Deutschland in den Achtzigerjahren beschrieben, die unserer heutigen ähnlich war: Schumacher hat beklagt, dass Deutschland damals nur "Sportlehrer" als Trainer hatte. Die hätten nichts anderes gekonnt, als Jungs Runden um den Platz drehen und Liegestütze machen zu lassen. Deshalb hatte Deutschland damals physisch starke Mannschaften, die aber Probleme im Umgang mit dem Ball hatten.

Zur Person
  • Privat
    Sergej Krivokharchenko, 35, gehört zu den bekanntesten Fußball-Kommentatoren im russischen Fernsehen. Er arbeitet für den 2015 gegründeten Sportsender MatchTV. Er hat mehrere Jahre in Berlin gelebt und für den RBB gearbeitet. Sein Spezialgebiet ist der deutsche Fußball.

SPIEGEL ONLINE: Wieso gelingt es im 140-Millionen-Land Russland nicht, eine gute Nationalmannschaft auf den Rasen zu bringen?

Krivokharchenko: Die Konkurrenz durch andere beliebte und erfolgreiche Sportarten ist groß, Eishockey zum Beispiel. Beim Fußball ist die Talentförderung das Problem: Wenn in Deutschland ein Junge wie Thomas Müller in einem 3000-Einwohner-Dorf geboren wird, fällt er dank der DFB-Nachwuchsstützpunkte trotzdem nicht durchs Raster. Bei den großen Entfernungen in Russland ist das ungleich schwieriger. Es ist anzunehmen, dass einige unserer größten Talente auf den Innenhöfen spielen, nie entdeckt werden und sich dann irgendwann einen normalen Beruf suchen. Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß, dass der russische Messi irgendwo in Sibirien als Wachmann arbeitet oder an einer Tankstelle.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, die WM kann dem Fußball in Russland einen Entwicklungsschub geben?

Krivokharchenko: Der russische Fußball war lange eine Geisel der Sowjetzeit: Die Stadien waren unkomfortabel, das Publikum war auch deshalb immer ziemlich marginal. Das war ein in Osteuropa weit verbreitetes Phänomen. Aber wir sehen bereits jetzt, dass da eine Entwicklung in Gang gekommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Krivokharchenko: Die Fußballkultur verändert sich. Sie vollzieht jetzt die Transformation, die Deutschland und England in den Neunzigerjahren vollzogen haben: Mehr Familien gehen ins Stadion, gebildete Leute, die Mittelschicht. Die WM katapultiert den Fußball ins Herz der russischen Gesellschaft. Das Internet ist schon voll von Videos. Da steigen auf einmal diese Superstars wie Ronaldo oder Messi irgendwo in Russland aus dem Bus. Wir werden alle einen Monat nur über Fußball reden. Auch diejenigen, die sich bislang nicht sehr für das Spiel interessiert haben, sehen, dass viele Spiele spannender sind als jeder Hollywoodfilm.

SPIEGEL ONLINE: Russland steht - so wie zuvor auch Brasilien und Südafrika - auch wegen der hohen Ausgaben für Stadien und Infrastruktur in der Kritik. Lohnt sich das Turnier für Russland?

Krivokharchenko: Die positiven Auswirkungen sind meist größer, als sich das in Umsätzen und Hotelübernachtungen beziffern lässt. Ökonomen haben beispielsweise untersucht, wie sich große Turniere in den vergangenen Jahrzehnten auf die Gesellschaften ausgewirkt haben. Die Ergebnisse sind verblüffend: Im Ausrichterland einer EM steigt für zwei, drei Monate der sogenannte "Glücksindex" an. Bei Weltmeisterschaften hält dieser Effekt noch länger an, bis zu einem Jahr.

SPIEGEL ONLINE: "Glücksindex", das hört sich nach nicht sehr konkreten Ergebnissen an.

Krivokharchenko: Es ist nachgewiesen, dass während großer Sportereignisse in allen Teilnehmerländern die Selbstmordrate sinkt. Eine Ausnahme sind die Niederlande. Das ist natürlich eine Steilvorlage für deutsche Witze, aber das Thema ist ernst. Solche Turniere bieten Anlässe für Gemeinschaftserlebnisse. Der Fußball vereinigt die Leute, auch vor dem Fernseher, auch Außenseiter. Wenn Sie es noch konkreter wollen: Ich war vor einem Jahr bei den Spielen des Confed-Cups im Austragungsort Kasan. Ich habe noch nie zuvor in Russland so viele Leute lächeln sehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Experte für den deutschen Fußball und haben lange in Deutschland gelebt. Wie unterscheidet sich die Kommentatorarbeit in Russland?

Krivokharchenko: Der deutsche Trainer Michael Oenning hat hier mal einen Vortrag gehalten, da bin ich fast vom Stuhl gefallen: Er hat erzählt, dass es beim deutschen Fernsehen Standard sei, dass dem Kommentator ein eigener Assistent zur Seite steht. Oft ist das jemand, der selbst Erfahrung als Trainer hat und der ihm alle 15 Minuten eine kurze Zusammenfassung der letzten Spielphase liefert. Davon können wir nur träumen.

SPIEGEL ONLINE: Unterscheidet sich der Ton der Kommentierung in Deutschland von Russland?

Krivokharchenko: Mir gefällt in Deutschland die Zurückhaltung der Bewertung während des Spiels. Deutsche Kommentatoren vermeiden den Eindruck, sie würden das Spiel besser verstehen als die Trainer. Das hat auch damit zu tun, dass sich das deutsche Fernsehen hochklassige Experten wie Mehmet Scholl oder Günther Netzer leisten kann, die das Spiel danach genau analysieren. Unseren Sendern fehlen dafür die Mittel - und wir haben auch nicht das gleiche Niveau an Experten. Das versuchen unsere Kommentatoren während des Spiels zu kompensieren. Unser Sender MatchTV hat auch eine neue Digitalplattform entwickelt, das Hypemeter: Es erfasst in Echtzeit, über welche Mannschaft und welche Spieler gerade besonders viel auf sozialen Netzwerken gepostet wird. Darauf greifen auch wir Kommentatoren zurück.

SPIEGEL ONLINE: Wird im russischen TV emotionaler über die Spiele berichtet?

Krivokharchenko: Die deutschen Kommentatoren ähneln sich stark. Ich finde das eher gut: Es gibt einen festen Qualitätsstandard. Unsere Kommentierung ist vielfältiger. Das hat auch mit den unterschiedlichen Einflüssen zu tun. Es gibt welche, die brüllen langanhaltend bei jedem Tor wie die Südamerikaner, aber es gibt auch Vertreter der eher "deutschen" Linie.

SPIEGEL ONLINE: Gab es denn vor dem Zusammenbruch des Kommunismus keine eigene, sowjetische Schule?

Krivokharchenko: Sie taugt nicht so recht als Vorbild. Es gab damals zwar großartige Kommentatoren. Es gab aber auch viele andere, die waren ideologisiert und heuchlerisch. Es gibt sogar ein Spottlied des russischen Poeten Alexander Galitsch, das ist ziemlich bekannt bei uns: Der Kommentator startet erst mit Lobeshymnen für den französischen Schiedsrichter, betont seine Verdienste - aber nachdem er auf Elfmeter für England entschieden hat, fällt dem Kommentator auf einmal ein, der Franzose habe im Zweiten Weltkrieg mit den deutschen Besatzern gemeinsame Sache gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die sportlichen Erwartungen an die russische Mannschaft? Das erste Spiel hat die "Sbornaja" ja 5:0 gegen Saudi-Arabien gewonnen. Davor waren die Testspielergebnisse aber ziemlich katastrophal.

Krivokharchenko: Ich erinnere mich auch noch gut an die Anfangsphase von Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Ich habe damals in Deutschland gelebt. Nach der 4:1-Niederlage Anfang 2006 gegen Italien erwarteten viele in Deutschland eine Katastrophe. Die Mannschaft hat dann das Halbfinale erreicht. Für Russland wäre das natürlich märchenhaft.

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