DFB-Quartier bei der Fußball-WM "Gesundheitsfördernde Einrichtung Watutinki"

Bei der WM in Russland wird die deutsche Mannschaft im Südwesten Moskaus wohnen. Das Gelände eines ehemaligen Sowjet-Sanatoriums hat seinen ganz eigenen Charme. Und wird von der Öffentlichkeit abgeschottet.

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Aus Watutinki berichtet


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Wata...?, fragt die Kollegin. Wie heißt noch einmal der Ort in Russland, an dem die deutsche Mannschaft während der Fußball-WM Quartier beziehen wird, will sie wissen.

Watutinki, heißt er. Sie lacht, als sie den Namen hört, klingt er doch erst einmal etwas sonderbar, niedlich und irgendwie exotisch. Bald wird man ihn mit der deutschen Nationalmannschaft verbinden.

Das Team von Joachim Löw hat sich für den 12. Juni in dem Ort 40 Kilometer südwestlich von Moskau angekündigt. Neu-Moskau heißt das Gebiet an der Kaljuschskoje-Chaussee, einer sechsspurigen Straße, entlang derer unzählige Wohnblöcke und -anlagen aus dem Boden gestampft werden. Moskau braucht Platz für seine Menschen.

Das deutsche WM-Quartier

Quellen: Reuters, AFP, dpa


Eine Ruheoase soll Watutinki für das deutsche Team werden, ein Rückzugsort weit genug entfernt vom Trubel der Hauptstadt, so hat es der DFB erklärt. Was insofern zu der Legende passt, wie der Ort zu seinem Namen gekommen sein soll. "Wot tut w tjenke" - zu Deutsch: "hier im Schatten", soll Zarin Katharina die Große befohlen haben. Sie ließ, von einer langen Reise ermüdet, die Sonne brannte unerbittlich vom Himmel, zur Rast an einem Baum Halt machen. Später, so erzählt man sich, sei an dieser Stelle die Siedlung Watutinki gegründet worden.

Ruhe gibt es wenige Tage vor der WM am Spielerhotel noch nicht. Es wird noch am und um das Gebäude gewerkelt, das etwas erhöht zwischen Birken, Tannen und Kastanien am Fluss Desna liegt. Ein Bagger schiebt Erdreich zusammen, Arbeiter kratzen alte Farbe von der Umzäunung des Tennisplatzes, harken Unrat zusammen, erneuern den Asphalt.

Eine Säge kreischt, vier Männer schneiden Holzbalken zu, sie bauen Terrassen für die Zimmer im Erdgeschoss. Klar haben sie gehört, dass hier bald die Deutschen wohnen, sie grinsen. "Aber natürlich sind wir für unsere Mannschaft", sagt einer der Arbeiter. Die Frage, welche Chancen er sich ausrechne, lässt er lieber seinen Kollegen beantworten. "Keine", sagt der trocken. Alle lachen. Das russische Team genießt nach dem frühen Ausscheiden bei den vergangenen Turnieren nicht den besten Ruf im eigenen Land.

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WM-Quartier Watutinki: So wohnt die deutsche Mannschaft

Die ockergelb angestrichene Spielerherberge mit holzfarbiger Vertäfelung, vor der die Männer arbeiten, wirkt von außen etwas nüchtern, es könnte auch ein Schullandheim sein. Was daran erinnert, warum sich Löw nicht für Sotschi am Schwarzen Meer, dem beliebten Standort während des Confed Cup, entschieden hat, sondern für Watutinki. Das liegt strategisch gut gelegen, 30 Minuten vom Flughafen Wnukowo und 50 Minuten vom Stadion Luschniki in Moskau entfernt, wo die Mannschaft am 17.Juni gegen Mexiko ihr erstes Spiel bestreiten wird.

Nah an der Kleinstadt

Watutinki ist also mehr eine Vernunftentscheidung, aber das muss ja nicht schlecht sein. Zumal sich die Mannschaft zwar hinter einen Zaun, der stellenweise bis zu 4,50 Meter hoch ist, mit Wachmannschaften zurückziehen, aber anders als während der WM in Brasilien noch nah genug an einem Ort wohnen wird. Alexander, 46 Jahre, lebt in einem der 17-stöckigen Hochhäuser, an denen die Mannschaft vorbeifahren wird, wenn sie in ihr Quartier will. Er freut sich auf die Stars, "eine ganz große Sache" sei das für die Stadt, sein 13-jähriger Sohn hofft auf ein Selfie mit einem der Fußballer.

In dem Gebiet der Stadt, zu der auch der Teil Neues Watutinki mit seinen bunten mehrgeschossigen Hochhäusern gehört, leben rund 25.000 Menschen, darunter viele Militärs mit ihren Familien. Die Armee hat bis heute einen Stützpunkt in Watutinki, auch der Militärnachrichtendienst GRU ist vor Ort. Im Siegespark gedenkt man der Kriegshelden, die Allee mit deren Fotos ist die einzige Sehenswürdigkeit der Stadt. "Ruhm den Kriegssiegern 1941-1945!" steht dort geschrieben, Bilder von Stalin, der Schlacht in Stalingrad, dem Krieg in Afghanistan, Mitglieder verschiedener Einheiten reihen sich aneinander.

Modernisierungsschub dank Löw

So viel wie in Watutinki zuletzt gebaut wurde, das kennt man in dem Ort sonst nur aus Erzählungen aus Städten, die Wladimir Putin besucht. Dort, wo der Präsident auftaucht, erscheinen meist im Vorfeld Baubrigaden, die dafür sorgen, dass alles auf Vordermann gebracht wird. "Unsere Straßenlaternen waren älter als ich", sagt ein 21-Jähriger. Jetzt seien sie endlich erneuert worden. Die deutsche Mannschaft sorgt für einen Modernisierungsschub.

Auch der "Ozdorowitelnij Komplex Watutinki", auf Deutsch "gesundheitsfördernde Einrichtung Watutinki", hat davon profitiert. Auf dem rund 100 Hektar großen Gebiet steht das deutsche Spielerhotel. Der Name erinnert eher an die alten Zeiten, als Watutinki noch ein Sanatorium war, und nicht an ein Spa, wie der DFB das Ganze nennt. Für die deutsche Mannschaft hat die Kreml-Verwaltung, der das Objekt untersteht, die Entwicklung der Immobilie um Jahre beschleunigt - jedenfalls in dem Teil, in dem die Fußballer untergebracht sind.

Im Hauptgebäude, in dem deutsche Journalisten wohnen werden, vermischen sich immer noch sowjetischer Kitsch und Russlandschick, was seinen eigenen Charme hat. Zum Frühstück geht man gefühlt einen Kilometer vom Zimmer aus am Springbrunnen inklusive Plastikblumenbouquet vorbei, schreitet durch die pompöse Lobby, gelangt über die Marmortreppe zu einem breiten Flur im ersten Stock. Dort befindet sich eine Fotogalerie mit den Aufnahmen der Ehrengäste, ganz oben hängt das Bild von Putin. Im ausladenden Speisesaal mit goldfarbenen Säulen könnte man Tanzturniere veranstalten.

Ganz so üppig scheint der Teil der Anlage, in der sich das deutsche Quartier befindet, zwar nicht, aber Marmorboden gibt es auch hier in der Lobby, frisch gewienert von Putzkräften. Die zwei viergeschossigen Gebäude wurden kernsaniert und nach den Wünschen der Deutschen umgebaut. Es gibt ein Schwimmbad zum Entspannen, einen Konferenzsaal, 72 Komfortzimmer, darunter einige Suiten.

So wenig offizielle Angaben wie möglich

Informationen erfährt man zunächst nur vor Ort, denn alle offizielle Stellen blocken Anfragen erst einmal ab. Dem Direktor der Einrichtung untersagt die zuständige Leiterin der Kreml-Verwaltung, ein Interview zu geben. Sie will es selbst führen, sagt es dann ab, um mitzuteilen, dass der Direktor doch sprechen darf, aber nur wenn sie den Artikel vor Veröffentlichung redigieren dürfe. Da das nicht infrage kommt, beantwortet sie später zumindest kurz schriftlich einige Fragen.

Der Zugang zum einige Kilometer entfernten Gelände von ZSKA Moskau, auf dem die Deutschen trainieren werden, ist verboten. "Militärisches Objekt", sagt der Wachmann. Der Verein gehört zum Verteidigungsministerium. Am Eingang werden Drehkreuze installiert.

Als westlicher Journalist ist man in Russland einiges gewöhnt, wenn man mit offiziellen Stellen zu tun hat, Anfragen versickern gerne mal im Nirgendwo. Vor der WM scheint die Nervosität besonders groß zu sein, etwas Falsches zu sagen. Hinzu kommt der DFB: Der hatte bei der letzten WM noch stolz Journalisten durch das Quartier in Brasilien geführt. Über einen offiziellen Besuchstermin in Watutinki denke man nach, schreibt ein Sprecher, der sich irgendwann nicht mehr meldet.

Dreitägiges Probewohnen

So verschlossen die offiziellen Stellen sind, vor Ort zeigen sich die Mitarbeiter offener. Obwohl die Mitarbeiter an der Rezeption den Pass mit Korrespondenten-Visum der Gäste sehen, beantworten sie geduldig alle Fragen.

Swetlana, die erzählt, dass das Hauptgebäude mit seinen 113 Zimmern während der WM komplett ausgebucht ist; Olga, die sich freut, dass Sportler eines solchen Niveaus kommen. Sie schwärmt von "einem historischen Ereignis", das lange in der Seele der Mitarbeiter nachwirken werde, wie sie es ausdrückt; Alexander, der das Probewohnen im Spielerhotel überwacht. Ein dreitägiger Test, bei dem Familien von Mitarbeitern ausprobieren, ob alles funktioniert. "Wir sind sehr zufrieden", sagt der junge Mann. Ob er denn Deutsch spreche? Nein, aber Englisch, das klappe schon, sonst verständige man sich eben mit den Händen: "Wir sind bereit. Das deutsche Team kann kommen."


Zusammengefasst: Am 12. Juni bezieht die deutsche Mannschaft ihr WM-Quartier in Russland. Sie kommt in einem Hotel eines ehemaligen Sanatoriums im Südwesten Moskaus unter, das neben einem Militärstandort liegt. Die offiziellen Stellen wollen darüber lieber so wenige Worte wie möglich verlieren.

Mitarbeit: Katja Kuznetsova, Tatiana Chukhlomina



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
joseph_seppel 30.05.2018
1. So witzig ...
der Artikel auch verfasst ist. Irgendwie ist es aber dann doch traurig zu lesen, dass selbst ein Hotel unter der Fuchtel der russischen Behörden/ bzw. der Regierung Putin steht. Verstehe das wer will, schade dass das im Jahr 2018 noch nötig ist.
Lankoron 30.05.2018
2. Wenigstens baut man nicht
wieder ein Pompobjekt mitten in die Landschaft...was macht eigentlich das Hotel in Brasilien?
Stäffelesrutscher 30.05.2018
3.
Zitat von joseph_seppelder Artikel auch verfasst ist. Irgendwie ist es aber dann doch traurig zu lesen, dass selbst ein Hotel unter der Fuchtel der russischen Behörden/ bzw. der Regierung Putin steht. Verstehe das wer will, schade dass das im Jahr 2018 noch nötig ist.
Sie empören sich darüber, dass der Gastgeber der WM 2018 sich bemüht, seinen Gästen gute Bedingungen zu bieten? Ansonsten hoffe ich, dass der DFB seine Spieler auch dazu anregt, sich mal die beschriebene Allee anzuschauen und darüber nachzudenken, was in dieser Gegend vor etwa 75 Jahren los war.
wasweissich 30.05.2018
4.
Zitat von Lankoronwieder ein Pompobjekt mitten in die Landschaft...was macht eigentlich das Hotel in Brasilien?
Ist heute ein 5 Sterne Hotel und über die üblichen Portale buchbar. 4.8/5 Punkten in der Gästebewertung und ab ca. 250€ pro Nacht buchbar. Campo Bahia Hotel in Santa Cruz Cabralia BA
ulrich.schlagwein 31.05.2018
5. Name
Vielleicht umbenennen in "Wat tut Yogi"... angefangen bei dem vorveroeffentlichten Mannschaftsbild. Auf jeden Fall sind ja genuegend Zimmer fuer "Prominente/VIPS" im Hotel verfuegbar. Dann muessen die Medien auch nicht so lange nach ihnen suchen. Sind die Parlamentarier Liste und die Unterkuenfte der Vertreter diverser Interessenvertreter schon bekannt?
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