Polnischer Verbandschef "WM in Russland ist ein katastrophaler Fehler"

Erstmals kritisiert ein europäischer Fußballfunktionär offen die Weltmeisterschaft in Russland 2018: Angesichts des Krieges in der Ukraine müsse das Turnier neu vergeben werden, fordert der Chef des polnischen Verbands.

Von Thomas Dudek

Boniek: "Soll ich etwa so tun, als ob nichts wäre?"
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Boniek: "Soll ich etwa so tun, als ob nichts wäre?"


Seit Oktober 2012 ist Zbigniew Boniek Präsident des polnischen Fußballverbands. Doch diplomatisch ist der ehemalige Weltklassespieler durch sein Amt nicht geworden. Bei Twitter streitet sich Boniek gern mit Journalisten, Politikern, Vereinsfunktionären oder Fußballmanagern wie dem Lewandowski-Berater Cezary Kucharski.

Doch was Boniek nun zwei Journalisten der Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" zu sagen hatte, überrascht. In einem langen Interview kritisiert er die Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland und Katar, wie es bisher kein anderer europäischer Verbandsfunktionär getan hat.

Die brisantesten Aussagen betreffen die Weltmeisterschaft 2018 in Russland: "Als Russland 2010 die WM zugesprochen wurde, war dies eine akzeptable Entscheidung. Aber aus heutiger Sicht ist die Ausrichtung der WM in einem Land wie Russland, das offen einen Krieg führt und einen anderen Staat überfallen hat, ein katastrophaler Fehler", sagte Boniek.

Er ist damit der erste Verbandsfunktionär, der fordert, Russland die WM 2018 zu entziehen. Bisher taten dies lediglich Politiker wie der britische Premierminister David Cameron und 13 US-Senatoren. In Deutschland hatte sich Frank Steffel, CDU-Obmann im Sportausschuss des Bundestags, entsprechend geäußert.

"Soll ich so tun, als ob nichts wäre?"

Bei der Fifa verhallten die Appelle: "Einige Leute wollten, dass wir Russland die WM entziehen. Darauf kann ich nur eine Antwort geben: Wir kümmern uns um den Fußball und lassen es nicht zu, dass sich die Politik einmischt", sagte Fifa-Präsident Joseph Blatter, als er sich im vergangenen Monat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin traf.

Boniek will aber nicht locker lassen: "Mein Standpunkt zu der WM in Russland ist anderen Verbandspräsidenten bekannt. Und ich werde es noch mal in zwei Wochen bei dem Fifa-Kongress in Zürich zum Thema machen", sagte er und schlug vor: "Im Vertrag zwischen der Fifa und Russland sollte eine Klausel stehen, mit der geregelt wird, dass die Fifa einem Land, das einen Krieg führt oder gegen das Völkerrecht verstößt, die WM wieder aberkennen kann", so der polnische Verbandspräsident.

Er möchte ein Zeichen setzen - und kündigt an, die Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen am 25. Juli in Sankt Petersburg zu boykottieren. "Soll ich etwa so tun, als ob nichts wäre? Soll ich ganz locker zu der Eröffnung fahren, mir die Musikauftritte anhören und Showeinlagen anschauen? Da fühle ich ein großes Unbehagen. Ich plane für die Zeit eher meinen Urlaub und überlege, ob ich am 24. Juli nicht lieber in die Ferien nach Sardinien fliege", sagte Boniek.

Auch die Vergabe der WM 2022 nach Katar hält Boniek für bedenklich: "Mir fällt es schwer zu glauben, dass dahinter nur rein sportliche Aspekte stecken", sagte Boniek und fügte hinzu: "Der Fußball wird sich in Katar nie entwickeln. Die Scheichs werden sich nicht in den Sport verlieben. Das ist alles nur ein politisches Unterfangen." Über die unwürdigen und ausbeuterischen Bedingungen, unter denen ausländische Gastarbeiter auf den WM-Baustellen in Katar arbeiten müssen, verliert Boniek jedoch kein Wort.

Briefumschlag mit 8000 Euro

An eine Ablösung Blatters als Fifa-Präsident beim anstehenden Kongress in Zürich und damit mögliche Veränderungen innerhalb des Weltverbandes glaubt Boniek nicht. Das Wahlsystem, nach dem jeder Verband, so klein er auch sein mag, eine Stimme hat, hält er zwar für demokratisch, aber gleichzeitig behindere es Reformen.

"Durch die Zuwendungen an die kleinen und armen Verbände sichert sich Blatter seine Stimmen", sagte Boniek und erzählte eine Anekdote, die zeigt, wie Blatter sich die Gunst der Verbandsfunktionäre sichert: "Während der WM in Brasilien fand ein Fifa-Kongress statt. Ich habe ein Flugticket für die Business Class bekommen und die Unterkunft in einem wunderbaren Hotel. Ich kam zur Rezeption, und als ich die Akkreditierung entgegennahm, bekam ich auch Souvenirs des Fifa-Präsidenten. Darunter ein mit 8000 Euro gefüllter Briefumschlag für die Zeit des Aufenthaltes. Ich musste lachen, doch für andere ist es viel Geld."

Boniek ist ein enger Freund von Platini

Die Frage ist, welches Ziel Boniek eigentlich verfolgt. Einige seiner Aussagen gelten jedenfalls seinen innerpolnischen Widersachern wie dem ehemaligen polnischen Nationaltrainer Jerzy Engel, der seit Jahren Mitglied der Uefa-Technikkommission ist.

Doch die Angriffe gegen Blatter und die Fifa? Boniek ist bisher nicht als großer Blatter-Gegner aufgefallen. Zudem ist er auch in keinem Gremium der Fifa vertreten. Zu den Gegenspielern von Blatter gehört jedoch Uefa-Präsident Michel Platini, und der ist wiederum ein enger Freund von Boniek - seit ihrer gemeinsamen Zeit bei Juventus Turin, in der sie 1985 den Pokal der Landesmeister gewannen.

Es ist also durchaus möglich, dass Boniek seinen Kumpel schon für den Fifa-Kongress 2020 als Kandidaten in Stellung bringt. Denn Boniek hegt nicht nur keine Zweifel an der Wiederwahl Blatters, sondern ist auch von Blatters Widersachern, allen voran dem portugiesischen Ex-Nationalspieler Figo, wenig überzeugt. "Es könnte durchaus sein, dass ich beim Kongress eine ungültige Stimme abgeben werde."

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marthaimschnee 20.05.2015
1.
Wo wir schon bei haltlosen Anschuldigungen sind: Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, daß der Weltmeister wirklich ausgespielt wird!
ackergold 20.05.2015
2.
Ich denke, Boniek hat absolut Recht. Es war ein Fehler - jeder außer Blatter weiß das.
teddybear1965 20.05.2015
3.
Das sage ich schon lange, dass eine Sportveranstaltung nichts in einem Land zu suchen haben, in denen Diktatoren herrschen. Dazu gehört nun mal auch Russland. Putin verurteilt die Ukraine, weil sie die Minsker vereinbarung angeblich bricht. Warum erwähnt Putin nicht den Bruch der OSZE-Schlussakte oder des Budapester Memorandums? Was waren ebenso schriftliche Verträge, die durch Russland gebrochen wurden. Ich bin fur einen Boykott oder eine Neuvergabe der WM 18 und 22. Man sollte bei Putin die Daumenschrauben weiter anziehen!
warum-du-so? 20.05.2015
4. ...
Der Mann sagt, was sich die meisten nicht trauen, weil die Fifa gut schmiert - Mafiamethoden, nichts anderes...
laffleur 20.05.2015
5.
Eine Neuvergabe wird es mit der aktuellen FIFA-Führung nicht geben, Russland & Katar würden sofort alle Bestechungsaktivitäten öffentlich machen, wäre natürlich für Blatter und co. der Todesstoß. Ich empfehle die kürzlich ausgestrahlte Reportage der ARD zu diesem Thema.
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