Iran gegen Spanien Tausendundeine Abwehraktion

Mit einer Defensivtaktik wollte Iran sich gegen Spaniens "stylischen Fußball" wehren. Der Plan von Trainer Carlos Queiroz ging fast auf - auch dank der ohrenbetäubend lauten Fans.

Irans Milad Mohammadi (r.), Marco Asensio aus Spanien
DPA

Irans Milad Mohammadi (r.), Marco Asensio aus Spanien

Aus Kasan berichtet


Auf den Fanfesten der Weltmeisterschaft 2018 in Russland wird mehrmals täglich ein Lautstärke-Wettbewerb ausgerufen. Ein Animateur leitet das Partyvolk an, doch selbst beim 3:0-Sieg des Gastgebers gegen Ägypten stieg das Messgerät in Kasan nicht über 102 Dezibel. Darüber können iranische Fans nur lachen, mit ihren Vuvuzelas und der Hysterie bei jeder gelungenen Aktion ihrer Mannschaft sorgten sie in der Arena für eine Geräuschkulisse, die eher im Bereich eines Flugzeugstarts (120 Dezibel) lag.

Iran ist somit im doppelten Sinn eine Bereicherung für diese WM. Die Begeisterung der Fans war, nicht nur beim Spiel, sondern auch im Vorfeld in der Stadt, ansteckend, auch wenn in Deutschland die Vuvuzela als Stadionutensil seit der WM 2010 in Südafrika verpönt ist. Und die Mannschaft trotzte bei der 0:1-Niederlage gegen Spanien der individuellen Unterlegenheit und leistete dem Favoriten mit taktischer Diszipliniertheit und leidenschaftlichem Kampf erstaunlich großen Widerstand.

Somit verpasste Iran nach dem Sieg gegen Marokko am ersten Spieltag zwar einen weiteren Punktgewinn, doch an diesem Tag gab es Wichtigeres. Erstmals seit fast 40 Jahren durften Frauen in Teheran ins Azadi-Stadion, wo die Nationalmannschaft ihre Heimspiele austrägt, und die Partie gegen Spanien auf Leinwänden mitverfolgen. Passend dazu waren auch in der Kasan-Arena viele weibliche iranische Fans - es war ein kleiner Schritt für die Frauenrechte in dem erzkonservativen Land.

"Stylischer Fußball" von Spanien

Vor der WM waren die Rollen in der Gruppe B klar verteilt. Die europäischen Goliaths Spanien und Portugal würden den ersten Platz unter sich ausmachen, die Davids Marokko und Iran dürften halt mitspielen. Doch vor dem dritten Spieltag am kommenden Montag (20 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF und Sky) hat das iranische Team weiterhin die Chance, das Achtelfinale zu erreichen. Dazu ist allerdings ein Sieg gegen Portugal nötig.

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"Wir haben immer noch einen Matchball", sagte Trainer Carlos Queiroz, der nicht müde wurde, die Leistung seiner Mannschaft zu loben. "Wir spielen mit großer Mentalität und sind immer bereit, bis zum Abpfiff alles zu geben." Iran habe ein besseres Ergebnis verdient gehabt, aber Spanien spiele einen "sehr stylischen Fußball. Vielen Dank, dass wir so viel von den Spaniern lernen durften."

In der ersten Hälfte hatte sich Iran ausschließlich auf die Defensive konzentriert. Bei spanischem Ballbesitz, also eigentlich immer, rückte ein sechster Spieler in die Abwehrreihe, die anderen vier Iraner liefen mit großem Aufwand die Mittelfeldspieler an und machten die Passwege zu. So blieb es vor der Pause bei einem spanischen Schuss auf das Tor. Doch als Diego Costa vor dem 1:0 angeschossen wurde, lockerte Queiroz die taktischen Fesseln und das Team Melli kam zu zwei sehr guten Torchancen und einem Abseitstor von Saeid Ezatolahi.

Zur Defensivtaktik gezwungen

In Deutschland wird nach so einem Spiel häufig eine alte Berti-Vogts-Floskel bemüht: "Es gibt keine kleinen Gegner mehr." Der SPIEGEL wiederum kam in einer WM-Analyse vor wenigen Tagen zum umgekehrten Schluss. Für Queiroz der falsche Ansatz. Die deutliche Unterlegenheit seiner Spieler zwinge ihn dazu, solchen Fußball spielen zu lassen.

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"Europa ist weit weg von den Teams der anderen Kontinente, zumindest von Afrika und Asien. Alle Mannschaften, die viele Profis in Europa haben, sind klar im Vorteil", sagte der Portugiese - und nannte Senegal als Beispiel. Es müsse wieder mehr Chancengleichheit hergestellt werden, sonst werde der Abstand zwischen Europa und dem Rest immer größer. Was genau sich Queiroz vorstellt, ließ er unmittelbar nach dem Spiel aber offen.

Wie auch immer das Märchen aus Tausendundeiner Abwehraktion ausgehen wird: "Wir sind Gewinner", sagte Queiroz.

insgesamt 11 Beiträge
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manyasli 21.06.2018
1. Bis zur letzten Minute?
Ja, aber außer den letzten 20 Sekunden, wo der iranische Spieler unnötig Sekunden verstreichen ließ, um eine vermeintliche fußballerische Show abzuziehen. Diese Sekunden fehlten zum Schluss als die Iraner den Ball in aufschlussreicher Situation unter Kontrolle hatten aber der Schlusspfiff die Partie abrupt beendete.
Affenhauptmann 21.06.2018
2. Vuvuzela
Nach dem 1:0 für Spanien habe ich abgeschaltet, weil mir diese nervige eintönige Dauerbetrötung einfach nur noch auf die Nerven ging.
gnarze 21.06.2018
3. Furchtbar
Die Spiele der Vorrunde sind einfach nur ganz schlimm anzusehen. Sicher ist es legitim für "kleine" Mannschaften, den Mannschaftsbus im Tor zu parken, nur für mich als neutraler Zuschauer ist es einfach nur öde und langweilig, sodass ich nach der Pause das Spiel gar nicht mehr verfolgte.
Klangstof 21.06.2018
4. Vorrunde zum Vergessen...
...also im wahrsten Sinne, denn wer erinnert sich noch an die Gruppenspiele bei der WM 2014? Ich jedenfalls nicht. Ich weiß aber noch, als ich 9 oder 10 Jahre alt war und Paolo Rossi mein Star war, im TV und auf dem Bolzplatz...und der Kiosk um die Ecke hatte immer ausreichend "Ed von Schleck" in der Kühltruhe. Ja, früher war halt alles besser. Die Iraner jedenfalls haben nach dem Duseltor von Costa gezeigt, dass sie mit dem Spielgerät auch etwas anfangen können, allerdings fehlte es auch hier vorne an Effizienz und Qualität insgesamt. Die Gruppenspiele sind überwiegend zäh und ganz bestimmt nicht sexy, aber das ist ja gefühlt bei jeder WM so. Manchmal spielt da quasi Heidenheim gegen Aue, das muss man einfach so sagen! Das ist eben der entscheidende Unterschied zu einer EM, bei der es von Anfang an zur Sache gehen muss, da bei 16 Teams und 4 Gruppen direkt mal 2 Topteams in jeder Gruppe sind, wenn man mal davon ausgeht, dass sich Deutschland, Frankreich, Spanien, Portugal, England, Niederlande, Belgien, Italien für eine EM qualifizieren. Wenn übernächste Woche erst einmal die K.O. Runde beginnt, sind wir alle froh und 2022 erinnert sich niemand mehr an Uruguay-Saudi Arabien oder Iran-Marokko. Da werden wir uns dann nämlich mit Glühwein und Keksen zuhause einkuscheln und die Ballkünste von Katar vs. Lampukistan bewundern...äh.
braindead0815 21.06.2018
5. eine
sehr spannende 2HZ. das abseitstor - durch videobeweis bestätigt abseits - hätte die Spanier in Zugzwang gebracht. das war eine ganz schwache Vorstellung der Spanier. langweiliges ballgeschiebe ohne plan. Standfußball - Iran mit herz und Leidenschaft hätte man den punkt gegönnt.
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