Euphorie beim Gastgeber Das "Wunder von Moskau" - Russlands Chance

Die Russen hatten bei der WM nichts von ihrer Mannschaft erwartet. Nun steht die Sbornaja im Viertelfinale, und das ganze Land feiert. Die Euphorie wäre der perfekte Anlass, um die Probleme im russischen Fußball anzugehen.

Jubelnde russische Spieler
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Jubelnde russische Spieler

Aus Samara berichten und


Das "Wunder von Moskau", wie der Sieg der russischen Nationalmannschaft über Spanien im WM-Achtelfinale womöglich in Zukunft heißen wird, hat in Russland Begeisterungsstürme ausgelöst. Doch es brauchte einige Zeit, bis die Menschen ihren Erfolg fassen konnten. In Samara, der Wolga-Stadt 1000 Kilometer östlich von Moskau, bauten sich Stimmung und Spannung auf dem Fanfest, anders als in dem in Grundfesten bebenden Luschniki-Stadion in der Hauptstadt, langsam auf.

In der ersten Hälfte fühlten sich die skeptischen Rossija-Anhänger durch das frühe Gegentor bestätigt. Noch bis weit in die Verlängerung wirkten die knapp 20.000 Zuschauer ungläubig, abwartend und nur zu kurzen Anfeuerungsrufen fähig.

Russische Fans in Moskau
DPA

Russische Fans in Moskau

Doch das Elfmeterschießen entschädigte für all das Zittern und Nägelkauen. Nach dem Freudentaumel zogen die Menschen los, eroberten ihre Stadt und feierten - wie im ganzen Land - bis in den Morgen. Vom Fußballgott, der Russland gnädig war, ist nun in den sozialen Medien die Rede. Auch russische Sprichwörter wurden bemüht: "Zu Hause helfen die Wände", heißt eines, was so viel besagen will, wie: zu Hause ist vieles einfacher.

Doch was bedeutet dieser Sieg für die Zukunft des russischen Fußballs?

"Wir haben immer gehofft und gehofft", sagt Rustam Ibantulin, 37 Jahre, im Zentrum von Samara. Er hatte seiner Mannschaft eine Gewinnchance von gerade einmal zehn Prozent gegeben.

Die Sbornaja spielte einfach zu schlecht. Bei den Europameisterschaften 2016 und 2012 und der WM 2014 kam sie über die Vorrunde nicht hinaus, 2010 schaffte sie die WM-Qualifikation erst gar nicht und noch vor der Heim-WM reihte sich ein schlechtes Testspiel an das nächste.

Was wurden nicht alles für Witze über die Mannschaft gemacht, die nun am Montag im Staatsfernsehen als der Stolz der Nation präsentiert wird. Witalij Mutko, der wegen des staatlich organisierten Dopingsystems als Sportminister zurücktreten musste, sagte angesichts der Dopingvorwürfe im russischen Fußball mit dem ihm eigenen Humor: "Wenn wir schon mit Doping so schlecht spielen, wie spielen wir ohne?"

Das Thema Doping wird die russische Mannschaft auch in den kommenden Tagen nicht loslassen. Durch die Dominanz der Spanier war der Außenseiter zu mehr Laufarbeit gezwungen. Im Nachhinein fällt jedoch auf, wie die russischen Spieler sogar in der Verlängerung zulegen konnten und letztlich neun Kilometer mehr liefen als der Gegner. Von einer positiven Probe ist zwar im selbst organisierten Doping-Kontrollsystem der Fifa nicht auszugehen, aber diese Leistung hat angesichts der Vergangenheit einen Beigeschmack.

In Samara ist man trotzdem stolz. "Es ist ein Wunder", sagt der sichtlich erschöpfte Familienvater Ibantulin. "Die Emotionen." Das letzte Wunder liegt schon einige Jahre zurück (Lesen Sie hier vom Glück und Leid der Sbornaja). 2008 hatte sich die russische Mannschaft gegen die favorisierten Holländer durchgesetzt und war ins EM-Halbfinale eingezogen.

Internationale Erfolge sind rar

Ibantulin hofft nun angesichts des Erfolgs bei der WM im eigenen Land auf einen Schub für den russischen Fußball. Eishockey ist zwar der beliebteste Sport. Fußball hat aber eine stolze Geschichte seit der Zarenzeit, in der Sowjetunion waren Spiele das Ereignis, auch wenn die Erfolge meist Ukrainern oder Georgiern zu verdanken waren. Viele erinnern sich an die in ihrer Kindheit bis auf den letzten Platz gefüllten Stadien. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieben die Plätze jedoch leer, zu groß waren die wirtschaftlichen Probleme, zudem herrschte auch im Fußball Korruption, Bezahlung regelte vieles, auch Spielergebnisse.

Inzwischen haben sich viele Vereine wieder erholt und professionalisiert. Doch die durchschnittlichen Zuschauerzahlen der Premier Liga sind mäßig, internationale Erfolge sind rar. Vor zehn Jahren gewann Zenit Sankt Petersburg den Uefa-Pokal. Zahlreiche Russen feuern lieber internationale Klubs wie Real Madrid oder FC Arsenal an.

Konstantere Leistungen wünschen sich viele Russen auch von ihrer Nationalmannschaft. Dafür müsste einiges im russischen Fußball getan werden:

  • Problem Nachwuchsförderung

Acht Jahre hatten die Russen Zeit, sich auf die WM vorzubereiten. Sie bauten für Milliarden von Euro Stadien, Flughäfen und Straßen, für die Erneuerung ihrer Mannschaft taten sie in dieser Zeit wenig - von Trainerwechseln einmal abgesehen. Auch bei dieser WM stellt die russische Mannschaft mit einem Durchschnitt von 28,9 Jahren einen der ältesten Kader.

Erik Stoffelshaus, Sportdirektor von Lok Moskau
Lokomotiv Moskau

Erik Stoffelshaus, Sportdirektor von Lok Moskau

"Je näher die WM kam, desto größer wurden die Klagen, dass es keine guten jungen Spieler gibt. Es gab Panik", sagt Erik Stoffelshaus, einst Teammanager beim FC Schalke, nun Sportdirektor beim amtierenden russischen Meister Lokomotive Moskau. Der 47-Jährige kam im vergangenen Jahr nach Russland. "Dem russischen Fußball fehlt ein Nachwuchskonzept, die Geduld, Spieler aufzubauen ", sagt er. Es gebe nur wenige gute jüngere Talente, sagt der Deutsche. Dabei seien die entscheidend, um mittelfristig Erfolge zu haben und konkurrenzfähig zu bleiben.

"Es gibt viele gute Spieler, Russland ist groß, man muss sie nur finden und fördern", sagt Jewgenij Aldonin, ehemaliger Nationalspieler beim Moskauer Klub ZSKA. Dem 38-Jährigen fehlt ein System: "Wir brauchen ein einheitliches nationales Programm." Jeder Verein trainiere Kinder und Jugendliche, wie er es für gut befindet. Aldonin hat zwei Fußballschulen im Umland von Moskau, die an den ZSKA angeschlossen sind. Im Alter von vier Jahren können die Kinder bei ihm anfangen. Wer Talent habe und sich die 100 Euro Kursentgelt im Monat - für russische Verhältnisse keine kleine Summe, in Russland liegt das Durchschnittsgehalt bei etwa 36.000 Rubel, 500 Euro - nicht leisten könne, bekomme Rabatt. "Wir wollen den Trainern ein anständiges Gehalt zahlen, damit sie gut und zeitgemäß mit den Kindern arbeiten können", begründet Aldonin die Kosten.

  • Problem Trainer

"Um gute Spieler zu bekommen, muss ich gute Trainer haben", sagt auch Stoffelshaus, der talentierte Kinder kostenlos trainieren lässt. Die Ausbildung der Coaches sei in Russland nach wie vor "ein Riesenproblem". "Die Ansprache ist desaströs. Kinder werden angeschrien, wenn sie Fehler machen", sagt der Sportdirektor. Wenn Kinder Angst haben, etwas falsch zu machen, spielten sie nicht selbstständig, sagt Stoffelshaus. "Sie hören nur auf das, was der Trainer ruft." Die Kinder müssten sich aber ausprobieren können, Fehler machen, nur so könnten sie lernen.

  • Problem Risikobereitschaft

Es brauche Vertrauen der Trainer, das sei entscheidend, sagt Aldonin, der als junger Spieler bei Rotor Wolgograd wachsen konnte, bevor er nach Moskau wechselte.

Jewgeni Aldonin
privat

Jewgeni Aldonin

Viele Trainer aber scheuen sich in den oberen Ligen junge Spieler einzusetzen: "Sie sind ein Risiko, können Fehler machen", sagt Stoffelshaus. Die Trainer müssten stets schnelle Erfolge vorweisen. "Da setzen sie lieber auf Altbewährtes, da kann man nicht viel falsch machen", erklärt der deutsche Fußballmanager die Einstellung. Es komme schon mal vor, dass dann ein 38-jähriger Innenverteidiger auf dem Platz stehe - wie Sergej Ignaschewitsch im Nationalteam.

  • Problem Fußball als Geschäft

Noch immer werden in Russland hohe Ablösesummen bezahlt - zum einen für ausländische Spieler, nach dem Motto: je teurer, desto besser. Zum anderen aber auch für nationale Spieler. Sie profitieren von der sogenannten Legionärsregelung 5+6, die den russischen Fußball eigentlich stärken sollte. Mindestens fünf russische Spieler müssen immer auf dem Platz stehen. "Dadurch, dass sie wissen, dass immer fünf von ihnen spielen, können sie sich ihrer sehr sicher sein, auch wenn sie vielleicht nur Durchschnitt sind", sagt Stoffelshaus. Es fehle dadurch an Konkurrenz. Sinnvoller fände er eine Regelung, die eine bestimmte Zahl an U23-Spielern in den Mannschaften vorsieht.

Ob Russland die Euphorie der WM nun nutzen wird, um seinen Fußball grundsätzlicher und nachhaltiger zu entwickeln, hängt vor allem an den Entscheidungen der staatlichen Vertreter. Sie finanzieren wesentliche Bereiche des russischen Fußballs: Regionalverwaltungen unterstützten in der vergangenen Saison sechs von 16 Klubs der Ersten Liga, fünf Vereine erhielten größtenteils Zuwendungen staatlicher Unternehmen oder von Konzerne, die mehrheitlich in der Hand des Staates sind.

Auf sie kommt es nun an: Setzen sie auf Veränderungen? Oder bleibt alles beim Alten? Im Erfolg werden ja bekanntlich die größten Fehler gemacht.

Die russischen Fans hoffen aber schon auf das nächste Wunder. In Sotschi gegen Kroatien.



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ach 02.07.2018
1.
Und die Probleme kann man in der Euphorie bis zum Viertelfinale lösen? Oder war der Text sowieso schon geschrieben - und wurde nach dem Überraschungssieg ein wenig angepaßt?
leidernein 02.07.2018
2. Typisch deutsch.
Da gewinnt Russland einmal und feiert eine Sensation, und am Tag darauf listet ein deutscher Journalist auf, was alles schlecht läuft und was alles besser laufen würde, wenn man ihn nur machen ließe. Was er übersieht: Auch in Russland sind die Probleme bekannt, aber Veränderung kommt nicht über Nacht. Und erst recht nicht durch madig machen eines verdienten Sieges und altkluges Geschreibsel.
ach nee 02.07.2018
3. Doping mal wieder...
Zitat Artikel: "Von einer positiven Probe ist zwar im selbst organisierten Doping-Kontrollsystem der Fifa nicht auszugehen, aber diese Leistung hat angesichts der Vergangenheit einen Beigeschmack." Jaja, is ja mal ein Glück für Russlands Mannschaft dass der Herr Seppelt sich nicht getraut hat einzureisen. Dann wäre Russland doch schon in der Vorrunde ausgeschieden. Ich kann es nicht leiden wenn man/SPON bei jeder, also wirklich JEDER sich bietenden Gelegenheit auf dieses Thema eindrischt. Und dann noch so substanzlos und bar jeder Beweise. Immer nur Vermutungen. Schön dass alle Mannschaften ausser Russland so ein Problem nicht haben. Und die guten Deutschen hätten vielleicht mal eine Pille mehr essen sollen.
uffta 02.07.2018
4. Russlands 118 km in 90 Minuten gegen Saudi-Arabien waren unverdächtig?
Russland hat 9 km mehr Laufleistung geliefert als Spanien - wenn das kein Beleg für Doping ist! 146 km vs. 137 km - diese Werte hat die deutsche Mannschaft nicht annähernd erreicht, da war der Spitzenwert 115 km gegen Südkorea (Werte laut fifa.com). Oops, die hatten ja auch nur 90 Minuten Zeit, und die Russen 120... Salisbury lässt grüssen!
hileute 02.07.2018
5. Ob mit oder ohne Doping hat Russland gg spanien und auch Kroatien jetzt eigentlich keine chance
aber sie haben clever gespielt und sind, im Gegensatz zu einer Mannschaft die ich hier nicht nennen will, bereit alles zu geben und daher sind sie auch verdient im Viertelfinale jetzt
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