Englands Mittelfeldspieler Lingard Der Instagram-König

Jesse Lingard witzelt, tanzt, twittert. Englands Offensivmann stellt sein Leben gern zur Schau. Die Anhänger seines Klubs Manchester United mögen das nicht immer - die Fans der Three Lions lieben ihn gerade deshalb.

Jesse Lingard posiert mit Fans
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Jesse Lingard posiert mit Fans


Er hat ein Tor geschossen, beim 6:1-Sieg gegen Panama, es war schön wie kein anderes Tor der Engländer bei dieser WM. Von dem kraftvollen Schlenzer abgesehen fiel Jesse Lingard in den WM-Partien bisher eigentlich nur als unermüdlicher Querfeldein-Läufer hinter Harry Kane auf. Aber für den zweiten, kaum unwesentlicheren Part der Mission von Gareth Southgates Mannschaft - die Rückeroberung der Fan-Herzen - ist der 25-Jährige der wichtigste Mann im Kader. Seine Internet-Witzchen und Streiche haben Englands Eliteauswahl schon vor dem Viertelfinale zum größten Popstar seit der Boygroup Take That auf der Insel gemacht.

Lingards Twitter-Foto mit Handy am Ohr und der Zeile "Nein Mutti, ich komme nicht nach Hause. Aber der Fußball…" im Anschluss an das gewonnene Elfmeterschießen gegen Kolumbien spielte liebevoll auf das Motto "Football's coming home" aus dem EM-Lied von 1996 an. Im Spartak-Stadion filmte er sich und die wenigen mitgereisten Anhänger mit rührend-wackliger Hand, er konnte sein Glück buchstäblich nicht fassen. Das "JL"-Handzeichen, mit dem er aktuell seine Tore feiert, wirkt nicht affektiert, sondern cool und ironisch-gebrochen, genau wie jene "Wakanda Forever"-Geste aus dem "Black Panther"-Film, die er im Dress von Manchester United zeigte, oder seine neuesten, von Computerspielen und YouTubern inspirierten Tänzchen. Die Posen wissen bei ihm um ihrer selbst. Sie sind gerade deshalb echt. It's all a laugh. Warum auch nicht?

Sogar die verlässlich humorbefreite "Daily Mail", Fachblatt für geistiges Spießbürgertum und Hundepfeifen-Rassismus kommt in diesen Jubeltagen nicht umhin, Lingard als "König von Social Media" zu preisen. Er hat England nicht nur auf dem Platz einen "ruhmreichen Weg" bereitet, sondern "mit seinen ehrlichen, persönlichen und stylischen Einträgen auf Twitter und Instagram Wunder bewirkt, was das öffentliche Image Englands angeht."

Im Vereinigten Königreich sind die Trainingsplätze schon seit Jahrzehnten hermetisch abgeriegelt, die Vereine lassen so gut wie keine Berührungspunkte mit den Profis zu. Umso wichtiger sind junge Spieler, die mit Hilfe ihrer Smartphones die Anhänger ganz nah an sich heranziehen, bis in die Kabine oder auf das heimische Sofa. "Profis wie Jesse Lingard stehen im Zentrum dieser Entwicklung", sagte Scoial-Media-Experte Lewis Wiltshire zu Eurosport: "Sie kontrollieren ihre Message, antworten auf Nachfragen, sie wissen viel mehr als jeder Public-Relations-Manager." Vier Millionen folgen Lingards Instagram-Einträgen.

Tanzeinlage mit Paul Pogba sorgte für Ärger

Es macht allerdings schon einen Unterschied, welches Trikot Lingard gerade nicht trägt, wenn er oben ohne vor der Handykamera hüpft. Als er im Dezember 2016 Tanzszenen mit Kumpel und United-Mitspieler Paul Pogba ins Netz stellte, stand die Elf von José Mourinho auf Platz sechs. United-Fans waren nicht erfreut, alle anderen Beobachter attestierten ein Missverhältnis zwischen sportlichem Ertrag und Markenpflege. Ex-Profi Rio Ferdinand rümpfte stellvertretend für alle Traditionalisten die Nase. "Sowas kann man erst machen, wenn man Pokale gewonnen hat", sagte der frühere Nationalverteidiger.

Lingard galt vielen als Inbegriff des früh überbezahlten Eigengewächses. Er war zufrieden, in einem Spitzenklub mitzuschwimmen, aber wirkliche Akzente setzte er nur abseits des Rasens. Sein Durchbruch kam spät, in der Hinrunde der abgelaufenen Saison. Trainer José Mourinho beförderte den spindeldürren Flügelspieler in die Stammelf, er schoss bis Anfang Januar sieben Tore und bereitete vier Treffer vor. In der Rückrunde aber musste Lingard oft dem Neueinkauf Alexis Sanchez Platz machen. Uniteds Spiel verlor prompt einiges an Dynamik und taktischer Disziplin.

Nun, da Lingard im Auftrag Ihrer Majestät über den Platz rennt und im Hintergrund die gute Stimmung am Laufen hält, lieben ihn nicht mehr nur United-Sympathisanten unter 25, sondern das ganze Land.

Jesse Lingard bejubelt seinen Treffer gegen Panama
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Jesse Lingard bejubelt seinen Treffer gegen Panama

Er hat das von traumatischen Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit schwer gezeichnete England daran erinnert, dass Fußball viel mehr Spaß macht, wenn man sich und das Spiel nicht so furchtbar ernst nimmt. "Ich lache viel, ich quatsche viel", hat er dem Magazin "Short List" vor der Fahrt nach Russland erzählt: "Ich verstehe nicht, wenn die Leute sagen: 'Warum tanzt du immer?' Was meinst du damit? So bin ich einfach. Wer hat das Recht mir zu sagen, dass ich nicht tanzen darf?" Das würde sich zur Zeit wohl nicht einmal Königin Elizabeth II. trauen.

Lingard, Kampfname "J Lingz" hat sie, die Lizenz zum Blödeln, und die "Short List"-Überschrift von Anfang Juni erscheint nahezu prophetisch. "Der Fußballer, den dein Vater am wenigsten mag, wird Englands WM retten", hatte das Blatt vorausgesagt. Der nächste Schritt zur Rettung heißt: Schweden (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD). Mit einem Sieg stünden die Three Lions erstmals seit 1990 wieder in einem WM-Halbfinale. Lingard war damals noch gar nicht auf der Welt.

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insgesamt 4 Beiträge
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Nonvaio01 07.07.2018
1. typische neue spieler generation
wie sagte Uli, dem muss man mal den zucker aus dem hintern blasen. Ein spieler mit super potencial, leider sind ihm andere sachen wichtiger. England wird es schwer haben gegen Schweden.
Ultras 07.07.2018
2. Himmel
Ähnlich verläßlich humorbefreit wie die Daily Mail sind leider auch die meisten SPON-Foristen, wenn es um sowas geht. Laßt den Jungen doch! Einen in der Mannschaft zu haben, der die Truppe bei Laune hält (Grüße gehen raus an Poldi 2014) UND dabei dann auch noch guten Fußball spielt, so wie JL das grade macht, ist unbezahlbar. Allein, um zu sehen wie Lingard auf Insta mit Pokal feiert, würde ich den Engländern, die die mit Abstand sympathischste Truppe der WM stellen, den Titelgewinn gönnen. It's coming home!
mwroer 07.07.2018
3.
Zitat von Nonvaio01wie sagte Uli, dem muss man mal den zucker aus dem hintern blasen. Ein spieler mit super potencial, leider sind ihm andere sachen wichtiger. England wird es schwer haben gegen Schweden.
Um sein Potential zu entfalten muss man spielen, spielen, spielen. Wenn man dann für irgendwelche Neueinkäufe zurückgestellt wird - obwohl man eine exzellente Leistung bringt - ja dann ist schade aber sicher die Schuld von Lingard. Man darf Spaß haben, auch als Fußballer. Ich habe noch Breitner und Sepp Maier spielen und den Titel holen sehen. Auch keine Kinder von Traurigkeit - die hätten Instagram genau so benutzt. England wird es schwer haben gegen Schweden weil wir im Viertelfinale einer WM stehen. Da gibt es keine schlechten Mannschaften mehr und das ist genau so wenig Lingards Schuld wie Euer Ausscheiden das von Özil ist.
e.pudles 07.07.2018
4. Da ist endlich mal ein Spieler
mit etwas Humor und zudem noch ein guter Spieler. Er hält mit seinen Sprüchen und Gesten sein Team zusammen. Jedenfalls besser als die schlechten theatralischen Einlagen von gewissen Spielern aus Brasilien. Und Deutschlands Medien könnten jetzt endlich aufhören mit der Staatstrauer, dass es halt nicht geklappt hat und sich dafür mit anderen Mannschaften über ihre Erfolge freuen. Es ist genug gejammert
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