DFB-Team vor nächstem Endspiel ... und raus bist du

Joachim Löw ist ein Freund von Konstanz. Doch bei der WM in Russland will sich einfach keine Stammelf finden lassen. Gegen Südkorea wird der Bundestrainer erneut zum Tüftler.

Joachim Löw (2.v.r.)
AFP

Joachim Löw (2.v.r.)

Aus Sotschi berichtet


Sami Khedira wollte nach dem aufregenden 2:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden eigentlich nichts sagen.

Dann blieb der Führungsspieler doch stehen, plauderte kurz und verabschiedete sich mit erhobenem Zeigefinger: "Das Turnier ist noch richtig lang." Dank des Freistoßtors von Toni Kroos in der Nachspielzeit hat die DFB-Elf wirklich die Chance auf einen ausgedehnten Aufenthalt in Russland - doch Khedira wollte etwas ganz anderes sagen. Schreibt mich bloß nicht ab.

Der Mittelfeldspieler von Juventus war als unumstrittener Stammspieler in diese Weltmeisterschaft gegangen. Dann kam die historische Auftaktpleite gegen Mexiko, und Khedira sah sich plötzlich in der Rolle als Hauptverantwortlicher. Zu langsam, zu risikoreich, zu behäbig. Die Vorwürfe waren vielschichtig, Khedira musste wegen der vielen in Unterzahl verteidigten mexikanischen Konter um seinen Status bangen. Und so verwunderte es nicht, als der 31-Jährige gegen Schweden auf der Ersatzbank saß.

95 aufregende Minuten später ist der Platz neben Kroos wieder vakant. Der für Khedira in die Startelf gerückte Sebastian Rudy erfüllte die an ihn gestellten Aufgaben gut, doch ob der Münchner mit seinem Nasenbeinbruch bis kommenden Mittwoch gegen Südkorea (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD und Sky) wieder spielfähig ist, muss abgewartet werden. Es gibt die Möglichkeit, mit Schutzmaske zu spielen, aber die Zeit wird knapp. Der für Rudy eingewechselte Ilkay Gündogan, Sechser Nummer vier in Löws Kader, wirkte nicht frei in seinem Spiel, riskierte wenig und spielte einige unsaubere Pässe.

Boateng muss gegen Südkorea ersetzt werden

Löw hat mit dem wegen seiner Vielseitigkeit nominierten Matthias Ginter, Leon Goretzka und Niklas Süle drei weitere Optionen für das zentrale Mittelfeld in seinem Kader. Diese Überlegungen sind bei dem um Konstanz bemühten Bundestrainer aber schwer vorstellbar. Wie sagte er schon nach der Pleite gegen Mexiko: "Wir werden ganz sicher nicht alles über den Haufen werfen." Das gilt umso mehr nach einem emotionalen Sieg, der eine Initialzündung für den weiteren Turnierverlauf sein soll. Sollte Rudy ausfallen, wird sich Löw zwischen Khedira und Gündogan entscheiden.

Doch damit sind die personellen Rätsel im Vorfeld des Südkorea-Spiels längst nicht alle gelöst. In der Abwehr wird Jérôme Boateng nach seinem Platzverweis fehlen, dafür könnte womöglich Mats Hummels zurückkehren. "Es geht mir gut", sagte der Innenverteidiger, der sich nach seiner im Training erneut aufgebrochenen Nackenverletzung schon für Schweden bereit sah, jedoch von der medizinischen Abteilung gebremst wurde: "Ich hatte intensive Gespräche mit dem Doktor."

Bleibt es bei der Löwschen Konstanz, wird Antonio Rüdiger gegen Südkorea an der Seite von Hummels verteidigen. Überzeugen konnte der Spieler des FC Chelsea jedoch nicht. Seine Schnelligkeit ist wichtig, aber Stellungs- und Aufbauspiel wirkten gegen Schweden oftmals tapsig. Da Boateng in einem möglichen Achtelfinale ohnehin zurückkehren würde, könnte Löw auch den in München oft an der Seite von Hummels verteidigenden Süle sein WM-Startelfdebüt verschaffen.

Welche Rolle spielt Mesut Özil?

Nicht minder spannend ist die Besetzung der vier offensiven Plätze im weiterhin bevorzugten 4-2-3-1. Gegen Schweden verzichtete der Bundestrainer erstmals seit 2010 in einem Turnierspiel freiwillig auf Mesut Özil. Das darf jedoch nicht als Wink für das restliche Turnier gesehen werden. Özil wird zurückkehren, vermutlich schon gegen Südkorea. Nur für wen?

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Deutschland in der Einzelkritik: Müller ist weiter auf der Suche

•"Marco Reus hatte die letzten zehn Minuten Krämpfe", sagte Löw über den als Spieler des Spiels ausgezeichneten Dortmunder: "Wir werden jetzt erst einmal Regeneration brauchen." Beim verletzungsanfälligen Reus ist immer Vorsicht geboten.

•Julian Draxler wurde gegen Schweden zur Pause ausgewechselt. Das hatte taktische Gründe, Löw wollte mit Mario Gomez mehr körperliche Präsenz im Zentrum und Timo Werners ("Mir sind nach dem 2:1 fast die Tränen gekommen, weil es so geil war.") gleichzeitige Versetzung auf Draxlers linke Seite war letztlich die siegbringende Maßnahme.

•Und dann ist da noch Thomas Müller, der einfach nicht in diese WM findet. Müllers Stärke ist die Torgefahr, dieses Zur-richtigen-Zeit-am-richtigen-Ort-sein. Geht ihm das ab, kann er schnell zur Belastung werden.

Anders als 2014, als Löw früh eine Stammelf hatte und nur punktuell wechseln musste, ist der Bundestrainer in Russland als taktischer und personeller Tüftler gefragt. Erst recht, wenn es im Achtelfinale gegen Brasilien gehen sollte. Doch darüber wollte er nicht sprechen: "Wir nehmen es, wie es kommt."

insgesamt 52 Beiträge
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Absorber 24.06.2018
1. Guter Hinweis: da ist ja noch Müller
aber viel zu sehen war von ihm nicht. Keine Torvorlage, keine Chance, nichts. In ähnlich schlechter Verfassung wie bei der EM 2016. Bitte, Herr Löw, lassen Sie Julian Brandt anstatt Müller spielen, der hat deutlich mehr in 10 Minuten für das deutsche Spiel gegen Schweden getan als Herr Müller die 85 Minuten davor. Nicht schon wieder bis zum Halbfinale durchschleppen und warten, dass er das nächste Spiel in Form kommt!
skeptikerjörg 24.06.2018
2. Trotzdem
Auch wenn die deutschnationale Fraktion in den SPON Foren jetzt zu rotieren beginnt: An Özil geht kein Weg vorbei, wenn man erfolgreich spielen will. Und ich würde ihn für Müller bringen. Werner UND Gomez lassen, ob Khedira oder Gündogan macht keinen Unterschied und Süle passt besser zu Hummels. Aber ich bin nicht der Bundestrainer - zum Glück.
cmann 24.06.2018
3. Ein erster Schritt,
in die richtige Richtung. Ich hoffe das Glück der NM ist nicht aufgebraucht. Ob Gündogan eine echte Alternative als Pendant für Kroos ist, halte ich für genauso fraglich wie Sami Khedira. Özil ist in seiner derzeitigen Form genauso wenig ein "Gewinn" wie Thomas Müller der zur Zeit eigentlich nicht in die Mannschaft gehört. Löw hat also alle Hände voll zu tun um gegen Süd Korea eine Mannschaft aufzustellen die gewinnt und auch die nötigen Tore schießt.
chillervonnatur 24.06.2018
4. @skeptikerjörg
Sie haben die letzten Spiele wohl nicht gesehen. Kroos ist der Fixpunkt, der, trotz ähnlich schwacher Leistung gegrn Mexiko nicht ersetzbar ist, ohne Özil geht es sehr wohl.
pythagoräische Bohne 24.06.2018
5. Kann das jemand bestätigen oder widerlegen?
Deutschland ist Gruppenerster, wenn - Schweden gegen Mexiko gewinnt UND Deutschland mit mind. der gleichen Tordifferenz gegen Südkorea gewinnt, wie Schweden gegen Mexiko, sofern Deutschland mehr Tore schießt als Schweden ODER Deutschland und Schweden jeweils 1:0 spielen.
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