DFB-Außenverteidiger Kimmich Ein Musterschüler

Tatsächlich, gegen Mexiko feiert Joshua Kimmich seine WM-Premiere. Obwohl der Bayern-Profi erst 23 Jahre alt ist, wirkt es so, als sei er schon ewig dabei.

Joshua Kimmich
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Joshua Kimmich

Aus Moskau berichtet


Man könnte es Joshua Kimmich nicht verdenken, wenn er den Namen nicht mehr hören kann. "Wir haben heute keinen Philipp Lahm mehr", fiel Joachim Löw als Erstes ein, als er gefragt wurde, ob das WM-Team von 2018 stärker oder schwächer sei als die Weltmeister-Elf von 2014.

Es stimmt, das DFB-Team hat keinen Lahm mehr. Der sitzt im Vollbesitz seiner Kräfte am Tegernsee in der bayerischen Mittagssonne und plauscht mit ARD-Moderatorin Jessy Wellmer. Die Nationalmannschaft hat jetzt Joshua Kimmich, und wenn einer in die Nähe kommt, Lahm einigermaßen zu ersetzen, dann ist es der Bayern-Spieler.

Vor vier Jahren saß Kimmich noch vorm Fernsehen. Rio war sehr weit weg für das Talent. Seitdem ist es eigentlich nur bergauf gegangen. Aufgestiegen in den Profikader von RB Leipzig, vor drei Jahren dann vom FC Bayern weggekauft, Stammspieler unter Pep Guardiola im Mittelfeld, Berufung in die Nationalmannschaft, in der Startelf bei Joachim Löw seit der EM 2016 auf der rechten Seite. Kimmich ist erst 23 Jahre alt, aber man hat das Gefühl, man kennt den jungen Mann schon ewig.

Kimmich hat nicht die beispiellose Selbstverständlichkeit, mit der Lahm seine Aufgabe auf der rechten Abwehrseite erledigt hat. Aber er hat eine Qualität, die dann doch sehr an seinen Vorgänger erinnert. Kimmich denkt Fußball auf die möglichst pragmatischste Weise. "Ich spiele immer da, wo ich am meisten Einsatzzeiten bekommen kann", hat er im Trainingslager in Südtirol gesagt: "Ich wäre doch dumm, wenn ich das nicht täte."

Im Mittelfeld der Nationalelf waren die begehrten Plätze auf der Sechserposition bereits vergeben, als Kimmich dazustieß. Also suchte er sich die zweitbeste Lösung, hinten rechts, die vakante Position nach dem Rücktritt von Philipp Lahm.

"Am Anfang habe ich da einfach so drauflos gespielt, wie ich mir einen Rechtsverteidiger vorgestellt habe", sagt er. Und das hieß bei Kimmich vor allem: Sturm und Drang nach vorne auf dem rechten Flügel - und hinten blieb so manches Loch. "Die Trainer haben mir dann mit Videoanalysen gezeigt, was ich noch lernen musste." Mittlerweile ist er nicht nur beim DFB-Team hinten rechts gesetzt, auch bei den Bayern spielt er auf dieser Position, wenn auch etwas zurückgenommener, um dem offensiven Flügelmann Arjen Robben mehr Freiheit zu gönnen.

Beschrieben, als wäre es Lahm

Kimmich ist der Musterschüler bei der Nationalmannschaft, er kann in der Öffentlichkeit unfallfrei geradeaus reden, er tritt freundlich auf, ein bisschen angepasst, aber das sind sie ja irgendwie alle im Löw-Team. Wenn man Kimmich charakterisiert, dann greift man zu den gleichen Attributen, die über Lahm geschrieben wurden. Schnelllerner, Klassenprimus, die Etiketten, auf denen Lahm sein Copyright hatte. Er kann sich nicht dagegen wehren.

Kimmich ist darüber hinaus so gut wie nie verletzt, er spielt immer: Der DFB hat seit Kimmichs erster Berufung in den Kader 32 Länderspiele bestritten, in 29 von ihnen stand Kimmich auf dem Feld und meistens von der ersten bis zur letzten Minute. Keiner hat so viel gespielt wie er. Die WM ist sein fünftes Turnier in Folge im Sommer: Von der U21-EM über die Europameisterschaft und den Confed Cup jetzt zur WM.

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In den Testspielen zuletzt war ihm das durchaus anzumerken. Gegen die Österreicher in Klagenfurt zeigte er seine schwächste Leitung, seit er Nationalspieler ist. Er verlor fast jedes Laufduell und spielte Pässe vor der Abwehr, die jeden Trainer grauhaarig werden lassen. Platt sei er gewesen, sagte er anschließend. Das ist jetzt zwei Wochen her, er habe sich seitdem gut erholt, sagt er von sich. Die schnellen Flügelstürmer der Mexikaner werden heute (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) zeigen, ob Kimmich sich richtig einschätzt.

Zum Führungsspieler ist er in diesen Tagen schon ernannt worden, Teamkollege Toni Kroos hält ihn dafür. Kimmich nimmt das durchaus wohlwollend zur Kenntnis, sein Ziel ist es, "möglichst keine Minute der WM auf dem Platz zu verpassen".

Wie man so ein Ziel erreicht, dafür hätte Lahm ihm sicher ein paar Tipps geben können. Aber der Weltmeister hat sich damit zurückgehalten, hat sich bei Kimmich nicht gemeldet. Irgendwann reicht es ja auch mit den Vergleichen. Vielleicht hat Lahm auch gespürt, dass sein Nachfolger viele Ratschläge gar nicht mehr nötig hat.



insgesamt 3 Beiträge
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Sinea 17.06.2018
1. Gelungenes Portrait
Danke, für das gelungene Portrait. Ich gestehe, ich bin ein Fan von Joshua Kimmich. Mir ist ein Fußballer, der einigermaßen gebildet ist, eine schnelle Auffassungsgabe, gute Manieren hat und seine Leistung realistisch einschätzen kann, viel lieber als irgendwelche Dumpfbacken, die sich für Gott halten. Nur weil Herr Kimmich darauf verzichtet, ständig zu provozieren, bedeutet das nicht dass er angepasst ist. Wobei ich sowieso nicht nachvollziehen kann, dass dies vielen Nationalspielern immer vorgeworfen wird. Eine gewisse Anpassungsfähigkeit ist bei einem Mannschaftssport unverzichtbar. Insofern, viel Glück Herr Kimmich für die WM und die weitere Zukunft.
Papazaca 17.06.2018
2. Kein Weichei, macht Spass, ihn zu sehen
Ist fast alles gesagt, sehr guter Spieler, wird noch besser werden, hat ein paar Mankos nach hinten raus. Und hat keine Angst vor NIX und Niemand. Der Vergleich mit Lahm passt nicht so ganz, Kimmich ist kein gelernter Verteidiger. Aber auch da wird er sicher noch besser. Und er wird sicher ein Führungsspieler, ist nur eine Zeitfrage. Und ein Durchhänger, wie beim Österreich-Spiel, hat jeder mal, selbst Lahm. Ich wünsche ihm viel Glück.
lachkrampf 17.06.2018
3. Kein Weichei, macht Spass, ihn zu sehen
Hat besonders Spaß gemacht den heute in der Abwehr zu sehen. Wo war er eigentlich wenn Mexiko über links gestürmt hat? Seine Flanken waren größtenteils auch unter aller Sau. Die Mannschaftskameraden, die ja so heiß gewesen sind auf das Spiel, lt. eigenen Angaben, waren aber auch nicht besser. Verdiente Niederlage, die noch viel höher hätte ausfallen können. Habe fertig.
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