Belgiens Superstar Kevin De Bruyne Der Schattenmann

Belgien hat jede Menge Klassespieler. Eden Hazard scheint der Lenker des Teams zu sein, doch ein anderer Star wird immer wichtiger: Kevin De Bruyne. Das hat auch mit einer Umstellung von Trainer Martínez zu tun.

Kevin De Bruyne jubelt über sein Viertelfinal-Tor gegen Brasilien
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Kevin De Bruyne jubelt über sein Viertelfinal-Tor gegen Brasilien

Aus Moskau berichtet


Wer Kevin De Bruyne noch aus seiner Bundesliga-Zeit bei Werder Bremen und beim VfL Wolfsburg kennt, weiß, dass er sich nicht gern in der Öffentlichkeit äußert. Deshalb war es bis zum Viertelfinale dieser Weltmeisterschaft das perfekte Turnier für De Bruyne: Er durfte Fußball spielen, war mit der belgischen Mannschaft sehr erfolgreich und wurde in neuer taktischer Rolle nicht so beachtet, wie beispielsweise Romelu Lukaku oder Eden Hazard.

Seine Rolle im Schatten musste De Bruyne nach der spektakulären ersten Hälfte gegen Brasilien aufgeben. De Bruyne wurde nach seinem Tor beim 2:1-Sieg zum Spieler des Spiels gewählt, die Reporter konnte er im Anschluss nicht wie seine Gegenspieler stehen lassen, und drei Tage später saß er vor dem Halbfinale gegen Frankreich (20 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) schon wieder auf dem Pressepodium. "Die Unterschiede sind minimal. Wir werden alles tun, um zu gewinnen", sagte er. Das sind zwei typische De-Bruyne-Sätze.

Dass er nun in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist, hat einer der besten Premier-League-Spieler der vergangenen Saison seinem Trainer Roberto Martínez zu verdanken. Gegen Brasilien spielte De Bruyne als sogenannte Falsche Neun und war in dieser Rolle Belgiens Schlüsselspieler - und für die Seleção eine solche Überrumpelung, dass ihnen bis zur Pause keine Antwort auf diese Taktik einfiel.

Eden Hazard (links) und Kevin De Bruyne
imago/ ITAR-TASS

Eden Hazard (links) und Kevin De Bruyne

Martínez, der als Nachfolger von Marc Wilmots und mit Swansea, Wigan sowie Everton in seiner Trainer-Vita einen schwierigen Start in Belgien hatte, musste für den Erfolg gegen Brasilien das bisherige Erfolgssystem umstellen. "Dieses Team will sich entwickeln", sagte der Spanier danach. "Deshalb konnte ich die Spieler von meiner Taktik überzeugen." Er ließ mit Viererkette spielen, hatte so einen Mann mehr im Mittelfeld, griff überdurchschnittlich viel über Brasiliens schwächere rechte Seite an und stellte De Bruyne ins Angriffszentrum.

Diese Formation zog Lukaku aus dem Zentrum, womit Brasiliens Innenverteidiger nur schwer umgehen konnten. Hazard gegen Rechtsverteidiger Fagner war wie ein Formel-1-Bolide gegen einen VW Käfer, und De Bruyne bekam als Falsche Neun alle Freiheiten. Mal tauchte der 27-Jährige ganz vorne auf, mal ließ er sich fallen und leitete so die siegbringenden Angriffe ein. In Belgien ist mittlerweile jedem klar, dass es solche taktischen Kniffe unter Disziplinfanatiker Wilmots vermutlich nicht gegeben hätte.

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"Wir haben so viel Talent im belgischen Fußball", sagt De Bruyne vor dem Spiel gegen Frankreich, nach 1986 erst das zweite Halbfinale in der WM-Historie der Roten Teufel. "Sicher braucht man auch etwas Glück, aber am Ende geht es um deine Leidenschaft, dein Talent und um harte Arbeit."

Auf welcher Position De Bruyne gegen die Franzosen spielen wird, ist noch ungewiss. Vor Brasilien hatte Martínez seinen Taktgeber dreimal im defensiven Mittelfeld aufgeboten, beim 3:2-Erfolg gegen Japan im Achtelfinale rückte er mit der Einwechslung von Marouane Fellaini erstmals davon ab. De Bruyne bekam mehr offensiven Einfluss und initiierte mit seinem Antritt und dem Pass auf Thomas Meunier einen der besten Konter der WM-Geschichte.

Martínez auf Schaafs Spuren

Von De Bruyne hört man keine euphorischen Erzählungen über seine Trainer, das passt nicht zu seinem bescheidenen und schüchternen Auftreten. Als es in Bremen mal Gerüchte über Missstimmungen mit Thomas Schaaf gab, dementierte De Bruyne eilig und dankte dem Werder-Trainer am Ende seines einjährigen Leihgeschäfts für die Weiterentwicklung. Schaaf war es auch, der den damals 21-Jährigen wie Martínez sowohl als Sechser als auch als Falsche Neun aufstellte.

Kevin De Bruyne bei Werder Bremen (Saison: 2012/2013)
DPA

Kevin De Bruyne bei Werder Bremen (Saison: 2012/2013)

Jahre später, in Manchester, traf De Bruyne dann auf Pep Guardiola. "Er hat mir als Spieler sehr geholfen", sagte er einmal über den Spanier. "Er vermittelt eine komplett andere Spielweise. Das ist anfangs schwer, aber wenn du es verstanden hast, macht es Fußball einfacher."

Bei den Citizens hatte er als Mittelfeldspieler im 4-3-3 alle Freiheiten, schlug beeindruckende Standards, bereitete 16 Liga-Treffer vor und war nach Mesut Özil der Spieler mit den meisten Schlüsselpässen in der Premier League.

Für Martínez ist De Bruyne ein "moderner Spielmacher". Besonders wichtig sei aber seine Flexibilität. "Er kann verschiedene Rollen spielen, er kann auf höchstem Level jede Position spielen, außer vielleicht die des Torhüters", sagte der 44-Jährige. "Es ist essenziell, einen Spieler wie Kevin zu haben." Das gilt natürlich auch für Eden Hazard, den viele Experten für den entscheidenden Offensivmann im belgischen Kader halten.

So sieht es auch De Bruyne: "Nicht ich bin der wichtigste Spieler, Eden ist es." Im Schatten fühlt er sich am wohlsten.

insgesamt 3 Beiträge
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golfstrom1 10.07.2018
1. De Bruyne
KdB hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Schon beim VFL Wolfsburg war er vor 4 Jahren der entscheidende Spieler bei deren Vizemeisterschaft und Pokalsieg. Aktuell gehört er zu den 5 stärksten Mittelfeldspielern der Welt und zeigt dies bei der WM eindrucksvoll. Wenn Belgien gegen Frankreich gewinnen sollte, werden de Bruyne und Hazard die entscheidenden Spieler sein. Für mich ist er bislang der stärkste Spieler des Turniers. Was er tut hat Hand und Fuss, er ändert das Tempo der Mannschaft, bezeichnend seine Kontereinleitung beim 3:2 Siegtreffer gegen Japan, der lange schnelle Weg durch das Mittelfeld, der genau getimte Pass nach Rechtsaußen - das war ein Zeichen seiner Klasse. Er hat die Spiele gegen Japan und Brasilien quasi entschieden, ich kann mich auch noch gut an seine Weltklassevorlage gegen Tunesien glaube in der Vorrunde erinnern, mit dem Außenriß - sensationell.
spadoni 10.07.2018
2. golftrom1
Ihre Euphorie für de Bruyne klingt als ob er alle Siege Belgiens bei der WM im Alleingang eingefahren hätte. Dabei war auch er nicht fehlerfrei, er hat sich doch so einige Fehlpässe geleistet. Man mag ja Fan sein, aber das ist dann doch ein bisschen zuviel des guten !! Hazard wird nur so nebenbei, und Lukaku mit keinem Wort erwähnt, obwohl auch er nicht unerheblich zum Erfolg Belgiens beigetragen hat.
Global88 10.07.2018
3. Alles Gute,
dem wunderbar spielenden und sympathischen Team der Belgier! Dieses Team spielt auch wie eines...ich drücke die Daumen und hoffe, sie vielleicht im Finale noch einmal spielen zu sehen...
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