Kolumbiens Überraschungsspieler Mina Schulter vor, Schulter zurück, Arme schlackern

In Barcelona konnte sich der fast zwei Meter große Abwehrmann nicht durchsetzen. Bei der WM ist Yerry Mina aber Kolumbiens bester Schütze. Kann er seinen speziellen Torjubel auch gegen England zelebrieren?

Yerry Mina
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Yerry Mina

Von , Mexiko-Stadt


Wenn sich Yerry Mina mit seinen 1,95 Metern zum Kopfball in die Luft schraubt, wirkt es einen Moment so, als bliebe er wie ein Helikopter stehen, bevor er den Ball mit Wucht ins Tor schmettert.

Genau so traf der kolumbianische Innenverteidiger gegen Polen im zweiten Gruppenspiel bei dieser WM zum Führungstreffer. Und so erzielte er auch gegen Senegal in der entscheidenden Partie um den Einzug ins Achtelfinale ein Tor. Damit wurde der 23-Jährige überraschend zum Schlüsselspieler der Südamerikaner, die gegen England um den Einzug ins Viertelfinale spielen (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; ARD: TV).

"Air Mina" hat Kolumbien verzückt und bringt das Land und vor allem sein kleines Heimatdorf im Süden zum Tanzen. So wie Mina jedes seiner Tore mit ein paar Schritten "Salsa Choke" feiert, so tanzen die Kolumbianer jetzt nach seinem Rhythmus - Schulter vor, Schulter zurück, Arme schlackern.

Yerry Mina
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Aber bei all der Freude: Wer ist der baumlange Spieler, der eher wie ein Basketballer wirkt als ein Fußballer? Und warum hat der Millionen-Wintertransfer des FC Barcelona in einem halben Jahr nur 370 Minuten in der spanischen Liga bestritten? Selbst Kolumbiens Coach José Pékerman setzte in Russland erst im zweiten Spiel auf Mina, nachdem Carlos Sánchez gegen Japan früh des Feldes verwiesen wurde. Aber es war, so kann man jetzt schon sagen, eine glückliche Fügung.

"Wer Weihnachten freiwillig trainiert, der meint es ernst"

Mina stammt aus Guachené, einem 20.000-Seelen-Dorf im Departement Cauca im Süden Kolumbiens, gezeichnet von Armut, Bürgerkrieg und Drogenanbau. Im Cauca sei die Versuchung des schnellen und einfachen Geldes sehr groß, sagt sein erster Jugendtrainer Seifar Aponzá: "Der Hunger lässt dir oft keine andere Chance." Mina hatte insofern Glück, als er ein anderes Vorbild hatte. Sein Vater José Eulises Mina war ein passabler Torhüter, der es zum Ersatzkeeper beim Erstligisten Deportivo Cali brachte.

Trainer Aponzá erinnert sich, wie der Schlaks Yerry mit fünf Jahren an der Hand seiner Mutter in Torwartklamotten auf dem Dorffußballplatz auftauchte. Daheim hatte er schon mit Socken an den Händen auf dem Bett das Hinwerfen trainiert. Torwart wollte er werden, wie sein Vater. Aber beim ersten Spiel hauten sie dem langen Yerry sechs Buden rein. "Er war ungelenk, aber schnell und kräftig", erinnert sich Aponzá. Also stellte er ihn als Verteidiger auf. Als Yerry zwölf Jahre war, bat er seinen Trainer darum, auch am 25. Dezember zu trainieren. "Wer Weihnachten freiwillig trainiert, der meint es ernst", sagt Aponzá.

Auf den jungen Yerry wurden auch Basketballtrainer aufmerksam, aber er lehnte immer dankend ab. Im Fußball wollte er sich durchsetzen. Er ging in die Jugendmannschaft von Deportivo Pasto, einem Provinzverein im äußersten Süden Kolumbiens, dort debütierte er mit 18 in der Profimannschaft, ging ein Jahr später zu Independiente Santa Fé in die Hauptstadt Bogotá, wo er 2015 die Copa Sudamericana gewann und als bester Nachwuchsspieler ausgezeichnet wurde. Mitte 2016 wechselte er nach São Paulo zu Palmeiras, wo dann auch der große FC Barcelona auf ihn aufmerksam wurde.

Vorstellung beim FC Barcelona
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Vorstellung beim FC Barcelona

Im Januar holten ihn die Katalanen, um ihre Innenverteidigung zu stärken. Mina, stolz, der erste Kolumbianer bei Barcelona zu sein, hoffte, es mit Samuel Umtiti und Gerard Piqué aufnehmen zu können. Aber Trainer Ernesto Valverde brachte ihn lediglich in fünf Ligaspielen, achtmal saß er sogar nur auf der Tribüne.

Mina war frustriert, und auch Barcelona will ihn offenbar wieder loswerden. Denn er besetzt gemeinsam mit den Brasilianern Paulinho und Coutinho einen der drei Nicht-EU-Ausländer-Plätze. Da der Spanische Meister noch in diesem Sommer den brasilianischen Mittelfeldspieler Arthur von Grêmio holen will, bliebe für Mina wohl nur die Tribüne.

Offenbar kein Platz mehr bei Barça - wechselt Mina in die Bundesliga?

Passend dazu tauchen mittlerweile täglich neue Gerüchte angeblich interessierter Klubs auf: Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund, Fenerbahce Istanbul. Die spanische Sportzeitung "Mundo deportivo" titelte nach dem Senegal-Spiel doppeldeutig: "Mina de Oro". Auf Deutsch: "Goldmine". Yerry werde seine Vertragssituation aber erst nach der WM klären, sagte sein Vater einem kolumbianischen Radiosender.

Noch ist Zeit. Die Reise der Kolumbianer durch Russland soll noch ein bisschen dauern. Sollten die Engländer geschlagen werden, warten auf dem Weg ins Halbfinale Schweden oder die Schweiz. Man wird ja noch mal träumen dürfen - zu Hause in Guachené und in ganz Kolumbien tun das die Menschen pausenlos.

Auch am Dienstag versammelt sich das halbe Dorf wieder bei Familie Mina zum Public Viewing, so wie auch bei den anderen Partien der Kolumbianer. Und selbstverständlich wird wieder getanzt. Schulter vor, Schulter zurück, Arme schlackern - so wie Yerry bei seinen Toren. Nebenbei wirbt er damit für seine Stiftung, mit der er 2000 Kinder und Erwachsene aus seinem Dorf unterstützt und ihre Talente fördert, eine Sportanlage sowie einen Freizeitpark baut.

"In meiner kleinen Stadt ist die soziale Not groß. Die Menschen leben von hundert Dollar im Monat, und daher wollen wir meinen Leuten mit Projekten helfen, damit sie ihre Situation verbessern", sagt Mina.



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