Kroatien-Stürmer Ivan Perisic Der Alleskönner

Von allen Stars in Kroatiens Mannschaft ist Ivan Perisic der unauffälligste. Der 29-Jährige ist in allem gut - ohne der Beste zu sein. Gegen Argentinien könnte er zum Schlüsselspieler werden.

Ivan Perisic
Getty Images

Ivan Perisic

Aus Nischni Nowgorod berichtet


Mit Fußballmannschaften ist das oft so: Sie bestehen aus Spezialisten, deren Stärken und Schwächen ihr Trainer zusammenführen muss. Kroatien zum Beispiel hat in seinem ersten WM-Spiel gegen Nigeria (2:0) in der Offensive mit Mittelstürmer Mario Mandzukic (Spezialität: Kopfbälle), Ante Rebic (Tiefensprints) und Andrej Kramaric (Dribblings) gespielt. Und dann war da noch Ivan Perisic. Mit dessen Spezialität ist das so eine Sache.

Das Duell mit Nigeria, die 64. Minute. Perisic spielte gerade im linken Mittelfeld. Das "gerade" ist kein Füllwort, das muss man schreiben, denn der 29-Jährige wechselte während der 90 Minuten mehrfach die Position. Mit der Innenseite seines linken Fußes brachte Perisic in dieser Szene einen Pass unter Kontrolle, mit dem Außenrist seines rechten Fußes versuchte er dann, seinen Gegenspieler zu tunneln, und als das im ersten Anlauf nicht gelang, probierte er es mit dem linken Fuß nochmal, nun mit Erfolg. Den anschließenden Pass spielte Perisic dann mit rechts.

Es gibt bei dieser WM nicht viele Profis, die wirklich das sind, was man als beidfüßig bezeichnet. Die den Ball mit rechts wie links beherrschen. Belgiens Kevin de Bruyne ist einer, Frankreichs Ousmane Dembélé, und eben auch Perisic.

Überall eine Zwei im Zeugnis

Diese Beidfüßigkeit beschreibt Perisic als Ganzes ziemlich gut. Der Offensivspieler von Inter ist ein Alleskönner. Wie ein Schüler, der im Zeugnis überall eine Zwei stehen hat: nirgends Weltklasse, aber in allem gut.

Perisic kann auf engem Raum dribbeln und den Ball mit Tempo über größere Distanzen führen; seine Ballannahmen und -mitnahmen sind technisch sauber, er ist kopfballstark, sein Abschluss variantenreich. In der Serie A schoss er in der abgelaufenen Saison elf Tore, gab aber auch elf Vorlagen. In der Spielzeit davor: elf Tore, elf Vorlagen. In der kroatischen Nationalmannschaft: 18 Tore, 16 Vorlagen.

Verteidigen kann Perisic auch. Ziemlich clever sogar: Im Pressing schaut er kurz über die eigene Schulter - wo steht mein Gegenspieler? - und rennt dann den Spieleröffner an - so, dass jener erste Gegenspieler nicht anspielbar ist.

Was wollen die denn mit dem?

Diese Mischung macht Perisic zu einem außergewöhnlichen Spieler, einem, der heraussticht, weil er nirgends heraussticht. Was ein bisschen tragisch für ihn ist, denn dadurch wirkt er unscheinbarer, als ein Profi seiner Klasse es verdient hätte.

Der sportliche Niedergang des VfL Wolfsburg, vom Vizemeister und Pokalsieger zum Abstiegskandidaten, wird oft verbunden mit dem Abgang von De Bruyne nach England. Perisic verließ den Klub zum gleichen Zeitpunkt. Und als im vergangenen Sommer José Mourinho und Manchester United an ihm interessiert gewesen sein sollen, wunderte sich der englische Boulevard. Was wollen die denn mit dem? Dabei wäre Perisic mit seiner Vielseitigkeit und seinem defensiven Geschick ein idealer Mourinho-Profi. Stattdessen aber verlängerte er seinen Vertrag bei Inter.

Kroatien im Video: Einfache spiele gegen Messi und ein Rauswurf

Selbst nach seinen starken Auftritten bei der EM 2016, unter anderem mit einem Tor und einer Vorlage beim 2:1-Sieg gegen Spanien, wurde es nichts mit einem Wechsel zu einem Spitzenverein. Vielleicht fehlt Perisic schlicht der Glamour für die ganz großen Klubs. Aber dass er nur elf Champions-League-Spiele in seiner Vita stehen hat, alle für Borussia Dortmund, wirkt trist. Den Klub verließ er vor fünfeinhalb Jahren.

Gegen Nigeria hatte Perisic noch nicht die großen Szenen. Das lag jedoch auch an der Taktik der Kroaten. Die grundsätzliche Spielidee der Mannschaft lautet: Ball auf die Flügel bringen, flanken. Dafür ist Perisic der ideale Spieler, seine Flanken mit der Innenseite kommen mit viel Schnitt und punktgenau, perfekt für Mandzukic und dessen gutes Kopfballspiel, und für die einlaufenden Rebic und Kramaric. Umgekehrt ist Perisic mit seiner eigenen Kopfballstärke und seinen raumschaffenden Bewegungen im Strafraum eine zweite Bedrohung fürs gegnerische Tor, wenn ein Teamkollege flankt.

Maximal unangenehm

Allerdings fehlte im Ballbesitz oft die Verbindung zwischen den tiefer positionierten Aufbauspielern (Luka Modric und Ivan Rakitic) und den vier Angreifern vorne. Am ehesten füllte Perisic selbst diese Lücke, indem er von der Seite ins Zentrum rückte, um dort Pässe zu empfangen. Nur fehlte er dann als Vorbereiter und Verwerter.

Am Abend gegen Argentinien (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) dürften die Kroaten aber ohnehin weniger Ballbesitz haben als gegen Nigeria. Im Fokus stehen dann Pressing, Ballgewinn und Konteraktion. Perisic wird in solchen Umschaltmomenten eine Schlüsselrolle zukommen.

Es kommt vor, dass er sogar während eines Dribblings den Fuß wechselt; erst führt er den Ball mit rechts, dann mit links. Für einen Abwehrspieler ist das maximal unangenehm, insbesondere während der Rückwärtsbewegung, er kann sich kaum darauf einstellen, wohin Perisic ziehen wird. Da ist nichts, was ihn verrät. Unscheinbarkeit kann ein Segen sein.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.