Englands WM-Aus gegen Kroatien Stecker gezogen

England träumte schon vom Finale - und verspielte die historische Chance innerhalb weniger Sekunden. Sicherheit und Selbstvertrauen gingen verloren, als beim Gegner Kroatien von Müdigkeit nichts zu sehen war.

John Stones
AFP

John Stones

Aus Moskau berichtet


Manchmal sind es unerklärliche Kleinigkeiten, die ein Fußballspiel ins Gegenteil verkehren. Im zweiten WM-Halbfinale waren es wenige Sekunden in der 68. Minute. Ivan Rakitic, bis dahin kraftloser Spielmacher der Kroaten, verlagerte das Spiel auf die rechte Seite. Sime Vrsaljko, bis dahin einfallsloser Flankengeber, löffelte den Ball in den Strafraum. Und Ivan Perisic, bis dahin glückloser Angreifer, war in der viel schlechteren Position als sein Gegenspieler Kyle Walker. Trotzdem fiel der Treffer zum Ausgleich gegen bis dahin souveräne Engländer.

Das Tor konnte fallen, weil Perisic mit Entschlossenheit in den Zweikampf ging, Walker überraschte und Schiedsrichter Cuneyt Cakir nicht auf gefährliches Spiel entschied. Der Fuß des Kroaten war etwas zu hoch, der Kopf von Walker aber auch eine Spur zu tief, und so war selbst das eine glückliche Fügung für Kroatien. Es gibt Schiedsrichter, die diesen Zweikampf abgepfiffen hätten.

Aber Konjunktive verhindern keine Tore. Auf der Anzeigetafel des Luschniki-Stadions stand das 1:1. Und so, wie Kroatien in den folgenden Minuten wie frisch der Eistonne entsprungen aufspielte, verlor England das Vertrauen in die eigene Stärke. "Wir hätten ein zweites Tor gebraucht", bilanzierte der englische Trainer Gareth Southgate nach dem Spiel. "Ich war auch nicht überrascht, wie Kroatien nach der Pause gespielt hat. Sie sind einfach erfahrener als wir."

Große Mannschaften reagieren anders

Die mangelnde Erfahrung war schon vor dem Turnier als größter Faktor genannt worden, wenn die fehlende Titelreife dieser englischen Mannschaft thematisiert wurde. Und dabei geht es weniger um ein zweites eigenes Tor und auch nicht um diese vermaledeite 68. Minute. Es geht vielmehr um das, was mit den jungen Three Lions danach passierte. Bei Kroatien war Müdigkeit nur noch ein Märchen. Bei England gingen Souveränität, Sicherheit und Selbstvertrauen verloren.

Große Mannschaften - und das kann dieses talentierte Team noch gar nicht sein - brauchen vielleicht wenige Minuten, um wieder zur bewährten Linie zurückzukehren, wenn überhaupt. Doch der englische Stecker war gezogen. Das Team ließ sich in die Defensive drängen und schaffte es bis zum Ende der regulären Spielzeit nicht, eigene Akzente im Angriff zu setzen. "In der Verlängerung waren wir wieder besser und haben die Kontrolle zurückbekommen", sagte Southgate, "aber Kroatien ist immer gefährlich." So wie in der 109. Minute, als die Innenverteidiger John Stones und Harry Maguire beim Kopfball von Perisic nicht aufmerksam waren und in ihrem Rücken Mario Mandzukic frei zum Schuss kam.

"Es war eine wundervolle Gelegenheit, und niemand weiß, ob wir noch mal eine solche Chance bekommen", blickte Southgate trotz aller Enttäuschung gleich wieder nach vorne: "Aber wir wissen, dass es möglich ist." England stellte eins der jüngsten Teams bei dieser Weltmeisterschaft und die Leistungsträger können noch auf Jahre zusammenbleiben. "Das ist ein großer Schritt nach vorne und sie können nur noch besser werden", sagte auch Ex-Nationalspieler und TV-Moderator Gary Lineker.

Das Märchen von der Müdigkeit

Das trifft in dieser Form auf Kroatien nicht zu. Für die Generation um Superstar Luka Modric, seinen Mittelfeldpartner Ivan Rakitic oder den Siegtorschützen Mandzukic ist die WM in Russland die wahrscheinlich letzte Chance auf einen WM-Titel. So lässt sich auch diese beeindruckende Mentalität erklären: Zum dritten Mal in Folge musste Kroatien eine Verlängerung überstehen, bei dreimal 30 Minuten Extrazeit hat das Team im Grunde ein ganzes Spiel mehr absolviert.

"Ich kann den Spielern Fußball nicht mehr beibringen", sagte Trainer Zlatko Dalic, der selbst kein Nationalspieler war. "Aber ich konnte sie stark reden, ihnen Selbstvertrauen geben und das Wichtigste vermitteln: niemals aufgeben." Das ging sogar so weit, dass die eigentlich müden Kroaten nicht mal ausgewechselt werden wollten. "Ich wollte früher wechseln, aber die Spieler wollten alle drinbleiben", sagte Dalic. "Wir werden keine Entschuldigungen suchen, auch wenn wir schon dreimal 120 Minuten gespielt haben."

Modric ging noch einen Schritt weiter und zog aus den Diskussionen der vergangenen Tage eine besondere Motivation: "Englische Journalisten haben Kroatien unterschätzt, das war ein großer Fehler", sagte der von vielen Experten als bester Spieler dieser WM eingestufte Modric. "Nach allem, was wir gelesen haben, haben wir uns gesagt: 'Ok, heute werden wir ja sehen, wer müde sein wird.'"

Nun trifft Kroatien am Sonntag (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Finale auf Frankreich. Mit "Herz und Stolz", wie es Dalic ausdrückt, soll dann der nächste große Gegner auf Normalmaß geschrumpft werden. Zuzutrauen ist dieser Mannschaft alles.



insgesamt 50 Beiträge
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viceman 12.07.2018
1. wer schon in der ersten halbzeit,
nach dem 1 : 0 beginnt auf zeit zu spielen, der hat kein finale verdient. die kroaten waren phasenweise ein kompletter 'hühnerhaufen', denen fat nichts gelang und trotzdem erreichte england kein tor aus dem spiel herau. das ist schlicht und ergreifend zu wenig, das durchmogeln hatte damit ein ende... auch der hochgejubelte h.kane änderte daran nichts, im gegenteil, er zeigte sich als guter fußballer, aber mehr ist der auch nicht...
Peter Friedrichs 12.07.2018
2. Hat nicht sollen sein
Der englische Trainer wird die Zeit nutzen, aus dieser jungen Mannschaft ein echtes Top-Team zu formen - während Löw, Bierhoff & Co noch ein paar Jahre damit beschäftigt sein werden, das deutsche Ausscheiden zu analysieren.
bollocks1 12.07.2018
3. Diese Generation...
...englischer Spieler und die jovialen Fans tun mir aufrichtig leid. Die grossfressigen, Assifans tun mir nicht leid. Die englische Presse, die sich an sich diesmal sehr zurückgehalten hat, sah die Three Lions auch schon im Endspiel. Kroatien hatte den Sieg verdient. Frankreich ist nun der Favorit. Kroatien wird aber, schonmal weil sie ausgepumpt sind, zunächst defensiv spielen und damit den Vorteil der schnellen Stuermer wettmachen. Ich tippe 0:0 nach 120 Minuten.
ccmehil 12.07.2018
4. Lehren für Löw
Löw kann aus dem Spiel 3 Lehren ziehen: 1.) Das Raumverständnis ist nach wie vor entscheidend, wenn man unter die ersten 8 kommen will. Die Engländer (Briten) haben sogar die Entfaltung in den Raum aus der Linie geschafft. Wenn die Spieler nun noch aus dem Punkt in den Raum gelangen und ihn füllen, dann werden sie Meister (EM oder nach dem Brexit in der lokalen Meisterschaft gegen Wales). 2.) Das Zeitverständnis ist neben das Raumverständnis getreten. Mannschaften, welche in der Offensive wenig Zeit verbrauchen, in der Defensive aber Zeit schinden, kommen weiter. Auch das Weiterkommen im Turnier ist ja eine Entwicklung der Turniersituation in der Zeit. Hier waren gestern die Kroaten besser, die ihre Teilnahme in die Zukunft tragen konnten. 3.) Ballbesitz bleibt wichtig. Alle Tore wurden gestern mit einem Ball geschossen. Kurz: (Raum + Zeit) x Ball = Sieg Und dafür braucht Löw 6 Wochen, ich könnte heulen.
toninotorino 12.07.2018
5. Interessantes Spiel
Bis zum Ausgleich hatte ich den Eindruck, dass England das Spiel gewinnen wird. Sie standen kompakt und hatten es kontrolliert. Was mich etwas irritierte, waren die Wirkungslosigkeit von Kane, der auf mich gehemmt und etwas kraftlos wirkte und der Leichtsinn von Stones, angesichts von einigen haarsträubenden Querpässen in der Abwehr und Aktionen im Spielaufbau, mit denen er Gegenspieler wohl provozieren oder demütigen wollte. Den hätte ich mir als Trainer an die Seitenlinie geholt und ein paar passende Worte gesagt. "Du bist hier im WM Halbfinale und nicht in der ersten Runde des Liga-Pokals! Reiss Dich zusammen, oder glaubst Du, Du bist Beckenbauer? Glaubst Du, du bist Beckenbauer??"--- ("Ich bin besser als Beckenbauer..! - Wer ist schon Southgate?") Kroatien spielt wie ne verschworene Gemeinschaft.
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