Kroatiens Marcelo Brozovic Der dritte Mann

Der Torwart ein Elfmeterheld, die Stürmer treffen, die Mittelfeldspieler sind Stars. Zwischen all diesen schillernden Protagonisten des kroatischen Teams arbeitet Marcelo Brozovic still vor sich hin. Gerade das macht ihn so wichtig.

Marcelo Brozovic
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Aus Moskau berichtet


Den bislang wohl wichtigsten Moment in der Geschichte der kroatischen Nationalmannschaft erlebte Marcelo Brozovic beinahe unbeteiligt. Als Mario Mandzukic den Siegtreffer zum 2:1 im WM-Halbfinale gegen England erzielte, wachte Brozovic mehr als 30 Meter entfernt, nahe dem Mittelkreis, zwischen den englischen Stürmern Harry Kane und Marcus Rashford. Angriffe abzusichern, ist ein undankbarer Job. Sie einzuleiten, ebenfalls.

Vermutlich erinnern sich die meisten Zuschauer dieses Halbfinals an Mandzukics Laufweg samt Abschluss. Viele werden auch noch wissen, dass es ein Kopfball von Ivan Perisic war, der dem Treffer vorausging. Was in Vergessenheit geraten sein dürfte: Initiiert hatte den Angriff Brozovic. Er spielte einen Pass nach rechts, der englische Defensivblock geriet in Bewegung, Brozovic bewegte sich im Gleichschritt dazu, bot sich an für einen Rückpass. Als dieser kam, verlagerte er den Ball auf die linke Seite, dann ging es vorwärts.

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Kroatien schlägt England: Könige des Nachsitzens

Das sind keine spektakulären Pässe, überhaupt ist Brozovic, 25, bei dieser WM nicht für die auffälligen Aktionen bei den Kroaten zuständig. Das sind andere: Torwart Danijel Subasic, der Elfmeterheld; die Stürmer Perisic, Mandzukic und Ante Rebic, die wichtige Tore erzielten. Und dann natürlich dieses geniale Mittelfeldduo, Ivan Rakitic vom FC Barcelona und Luka Modric von Real Madrid, Spieler von Weltrang, Stars. Brozovic ist der dritte Mann im Mittelfeld, er hat ja nicht einmal seinen Platz in der Startelf sicher, nur dreimal durfte er bislang in Russland beginnen.

So unauffällig er sein mag, so groß ist dennoch sein Einfluss aufs kroatische Spiel. Der Mann von Inter Mailand gehörte bei seinen WM-Einsätzen stets zu den Schlüsselspielern, wahrscheinlich wird er auch am Sonntagabend auflaufen, wenn das Finale gegen Frankreich ansteht (17 Uhr; TV: ZDF; Liveticker SPIEGEL ONLINE).

"Uns fehlte ein Mann im Zentrum"

Brozovic wird dann Angriffe einleiten und abtauchen, das heißt: auf die Seite laufen, auf der die Mitspieler den Ball führen, und in einigem Abstand zu ihnen warten. Wenn sie nicht vorankommen, ist er da für den Rückpass, dann verlagert er das Spiel. Verlieren die Teamkollegen vor ihm den Ball, versucht Brozovic mit viel Geschick, den gegnerischen Konter so zu verlangsamen, dass seine Vorderleute Zeit haben, um hinter den Ball zu gelangen. Er ist kein begnadeter Zweikämpfer, keiner der im direkten Duell Bälle erobert. Sein Verzögern ist dennoch enorm wichtig.

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"Uns fehlte ein Mann im Zentrum", sagte Kroatiens Trainer Zlatko Dalic, nachdem seine Mannschaft im Viertelfinale Russland im Elfmeterschießen bezwungen hatte: "Nachdem wir einen dritten Mittelfeldspieler gebracht hatten, konnten wir das Spiel kontrollieren."

Dieser Spieler war Brozovic.

Zunächst hatte er auf der Bank gesessen, die Kroaten spielten in einem 4-4-2 mit Hoffenheims Andrej Karamaric als zweiter Spitze neben dem gesetzten Mario Mandzukic. Das Problem dabei: Mit zwei Spitzen und zwei Flügelangreifern braucht es Spieler, die die Abwehr mit diesen Stürmern verbinden. Modric und Rakitic halfen allerdings tief in der eigenen Hälfte in der Spieleröffnung aus und sorgten dafür, dass Kroatien den Ball in den eigenen Reihen hielt. Dadurch fehlte die Anbindung nach vorn.

Brozovic sichert wichtigen Raum

Brozovic kann die Aufgaben im Spielaufbau übernehmen, er ist ein ziemlich guter Passgeber. Das bedeutet, dass Modric und Rakitic etwas höher spielen, aus einem 4-2-4 wird ein 4-1-2-3, die Struktur stimmt jetzt. Auch bei gegnerischem Ballbesitz wirkt sich das aus, denn Modric und Rakitic können nun aus ihren tieferen Positionen nach vorne gehen und Druck ausüben. Sollten sie überspielt werden, ist da ja noch Brozovic. Und wenn die Kroaten keinen Druck ausüben, sichert er den Raum zwischen Mittelfeld- und Abwehrreihe.

Gegen Frankreich wird es wichtig sein, diese Zone zwischen den Linien zu bewachen. Zwar spielen die Franzosen theoretisch mit einer Formation ohne Zehner. Praktisch aber bewegt sich Stürmer Antoine Griezmann oft in genau diesem Raum. Weil Frankreich zudem drei Akteure im Mittelfeldzentrum und auf den Halbpositionen aufbieten wird, dürfte Trainer Dalic ebenfalls auf ein Dreier-Mittelfeld setzen, um hier nicht regelmäßig in Unterzahlsituationen zu geraten. So wie gegen Russland.

Im WM-Finale werden seine Gegenspieler von anderer Klasse sein als in jenem Duell mit dem Gastgeber. Für Brozovic nichts Neues. Bei Inter in der Serie A ist er Stammspieler. Und bei dieser WM feierte er sein Startelfdebüt im zweiten Gruppenspiel, der Gegner hieß Argentinien, und Brozovics Aufgabe lautete, Lionel Messi zu bewachen. Und wie das ausging, ist bekannt.



insgesamt 3 Beiträge
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Peter Friedrichs 15.07.2018
1. Wenn das so stimmt,
"Der Torwart ein Elfmeterheld, die Stürmer treffen, die Mittelfeldspieler sind Stars." warum wurde Frankreich dann in der vergangenen Woche hierorts schon als Weltmeister hochgejubelt?
mwroer 15.07.2018
2.
Zitat von Peter Friedrichs"Der Torwart ein Elfmeterheld, die Stürmer treffen, die Mittelfeldspieler sind Stars." warum wurde Frankreich dann in der vergangenen Woche hierorts schon als Weltmeister hochgejubelt?
Weil Einzelstars keine Mannschaft machen und weil Frankreich enorm diszipliniert spielt. Außerdem sind da auch jede Menge hochkarätiger Spieler unterwegs. Frankreich ist der Favorit, was nicht bedeutet dass sie nicht verlieren könnten. Und was 'Experten' schreiben oder nicht ist nicht 'hierorts' sondern eben nur die Meinung eines kleinen Teils der Spon-Redaktion.
Levator 15.07.2018
3. Die SPON-Sportredaktion
hat sich im Laufe der Berichterstattung dieser WM so häufig mit ihren Prognosen geirrt, dass man in Versuchung gerät, die selbige als unfähig zu bezeichnen. Allerdings sitzt ein Großteil aller Fußballfans hier in diesem Forum - mich mit eingeschlossen - im selben Boot der falschen Voraussagen. So ist es mehr als nur denkbar, dass wir heute einen Weltmeister aus Kroatien beglückwünschen dürfen....
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