Kroatiens Elfersieg gegen Russland Das Glück des Wichtigen

Erneut Drama, erneut Elfmeterschießen. Ein spektakulärer Strafstoß des besten Mannes brachte Kroatien ins Halbfinale. Für den Holo-Coach und seine Laufwunder ist das Turnier hingegen beendet.

Luka Modric
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Luka Modric


Der Ausbruch: Eine halbe Stunde des Nichts lag bereits hinter den beiden Teams, als Denis Tscheryschew knapp hinter der Mittellinie den Ball eroberte. Er spielte einen simplen Doppelpass mit Artjom Dsjuba und zog dann - umringt von zahlreichen Kroaten - traumhaft ins linke Eck ab. Luka Modric und Domagoj Vida grätschten vergebens. Das Fischt-Stadion in Sotschi eruptierte. Sollte der nicht für möglich gehaltene WM-Siegeszug der Sbornaja etwa anhalten?

Das Ergebnis: Nein. Nach einem 2:2 nach Verlängerung setzten sich die Kroaten im Elfmeterschießen 4:3 durch. Hier geht es zur Meldung.

Erste Hälfte (1.-30. Minute): Es gibt knapp 90 verschiedene Arten von Schlafstörungen. Alle könnte man mit den ersten 30 Minuten dieser Partie behandeln. Gefährliche Torschüsse? Keine. Rasante Zweikämpfe? Nicht zu sehen. Auf eine Passquote von gerade einmal 45 Prozent in der gegnerischen Hälfte arbeiteten die Russen sich Mitte der ersten Halbzeit runter, erst nach 29 Minuten sahen sich die Kroaten zu ihrem ersten Foul genötigt. Zzzzzzz…... Aber: Es wurde besser. Viel, viel besser.

Erste Hälfte (Rest): Acht Minuten währte die Freude der Russen über das 1:0 von Tscheryschew, bevor der Hoffenheimer Andrej Kramaric den Ausgleich erzielen konnte. Mario Mandzukic nahm über links Fahrt auf, drang in den Strafraum ein und fand mit einer gefühlvollen Flanke den von fünf irrlichternden Russen umgebenen Kramaric. Kopf, Tor, 1:1.

Die zweite Hälfte: In der 60. Minute traf Kroatiens Ivan Perisic den linken Innenpfosten, bevor der Ball wie zum Hohn parallel zur Torlinie entlangkullerte. Kein Tor für die Kroaten. Kein Treffer auch auf der Gegenseite, als der eingewechselte Alexander Jerochin in der 72. Minute den Ball übers Tor köpfte. Sie würden doch nicht...

Die Verlängerung: Doch, sie würden. 30 Minuten obendrauf. Nach einer kroatischen Ecke kam Vida freistehend zum Kopfball und traf zwischen Mit- und Gegenspielern hindurch ins lange Eck (101. Minute). Seitdem das Team Russlands als eigenständige Nation an Weltmeisterschaften teilnimmt, hat es 20 Gegentore kassiert - 14 davon nach Standardsituationen. Das Aus für die Russen? Denkste. In der 115. Minute zwirbelte Alan Dsagojew einen Freistoß von der Strafraumkante auf Mario Fernandes, der ebenfalls per Kopf treffen konnte. Ausgleich, Tollhaus.

Das Elfmeterschießen: Über 120 Minuten hinweg war Modric der überragende Mann auf dem Platz. Gegen Dänemark verschoss er zunächst in der Verlängerung einen Strafstoß, traf dann aber im Elfmeterschießen. Heute konnte Igor Akinfejew seinen Schuss fast parieren. Von seinen Handschuhen prallte der Ball an den Innenpfosten und erst kurz vor dem gegenüberliegenden Pfosten über die Linie. Akinfejew war entsetzt, Modric erleichtert. Vier verwandelte Elfmeter später stand Kroatien im Halbfinale.

Laufleistung: Eine bemerkenswerte Serie hielt auch in diesem Spiel: Die Russen liefen das ganze Turnier über einfach viel, viel mehr als ihre Kontrahenten. Auch heute wieder: 148 zu 139 Kilometer Laufleistung waren es nach 120 Minuten.

Holo-Coach: Erinnern Sie sich noch an die Vorstellung des WM-Kaders der deutschen Mannschaft vor sieben Wochen im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund? Als Joachim Löw mit der Nominierung von Nils Petersen ins vorläufige Aufgebot überraschte und der kauzige russische Coach Stanislaw Tschertschessow als launiger 3D-Gag zugeschaltet wurde, weil man den Gastgeber des Turniers ja auch irgendwie noch einbinden wollte? Tja, mittlerweile schrauben sie beim DFB nicht mehr an Hologrammen, sondern an kommunikativen Notfallplänen herum, und Tschertschessow hat nach den Spaniern auch die Kroaten zum Schwimmen gebracht. DFB-Tekkies 0, Kauz mit prächtigem Schnauzer 1.

Zukunft (nahe): Am Mittwoch (20 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) treffen die Kroaten auf England. Bis dahin müssen zahlreiche verletzte und angeschlagene Spieler wie Sime Vrsaljko, Danijel Subasic und Mandzukic wieder aufgepäppelt werden. Gegner England darf sich auf einen Gegner freuen, der zwei 120-minütige Schwergewichtskämpfe hinter sich hat.

Russland - Kroatien 2:2 (1:1, 1:1) n.V. 3:4 i.E.
1:0 Tscheryschew (31.)
1:1 Kramaric (39.)
1:2 Vida (101.)
2:2 Mario Fernandes (115.)
Elfmeterschießen:
Smolov verschießt
0:1 Brozovic
1:1 Dsagojew
Kovacic verschießt
Mario Fernandes verschießt
1:2 Modric
2:2 Ignaschewitsch
2:3 Vida
3:3 Kusjajew
3:4 Rakitic
Russland: Akinfejew - Mario Fernandes, Kutepov, Ignaschewitsch, Kudrjaschow - Sobnin, Kusjajew - Samedow (54. Jerochin), Golovin (102. Dsagojew), Tscheryschew (67. Smolov) - Dsjuba (79. Gazinsky)
Kroatien: Subasic - Vrsaljko (97. Corluka), Lovren, Vida, Strinic (74. Pivaric) - Rakitic, Modric - Rebic, Kramaric (88. Kovacic), Perisic (63. Brozovic) - Mandzukic
Schiedsrichter: Ricci (Brasilien)
Gelbe Karten: Gazinsky / Lovren, Strinic, Vida, Pivaric



insgesamt 23 Beiträge
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aurichter 08.07.2018
1. Gutes WM Spiel
und um 100% besser als der Nachmittagskick. Nach anfänglichen Gestörter hat das Spiel dann richtig Fährt aufgenommen. Verdient hätten es beide Teams, so hat der Glücklichere gewonnen. Trotzdem Respekt den Russen, gut gekämpft. Trotz der Verlängerungen traue ich den Kroaten das Finale zu, da sollte England nicht zu sicher sein, der Erfolg kann sehr motivierend sein.
ratx 08.07.2018
2. Laufwunder? Das ist gut !
während die Kroaten nach 120 min offensichtlich am Ende waren, wirkten die Russen noch relativ frisch. Was half hier? Die Endorphine durch's Anfeuern der heimischen Publikums oder Schildkrötensuppe? Auch dieses Thema ist jetzt erledigt. Und die Pfeiferei im Stadion wird bei den nächsten Spielen sicher auch wieder erträglicher. In jedem Fall war der Sieg verdient angesichts der spielerischen Qualität der Kroaten.
cangaroo 08.07.2018
3. Bemerkenswert
finde ich es, in einem Spielbericht nicht mal eine rudimentäre Beschreibung des Führungstreffers der Russen unterzubringen. Da es nicht im Artikel steht: Die Russen haben in der ersten halben Stunde richtig agressiv und Klasse gepresst und für ein nicht erwartetes Tempo im Spiel gesorgt. Es hätte ihnen vorher wohl kaum einer zugetraut, dass die gegen Kroatien so in der Lage sein würden, den Schalter nach vorne zu legen. Natürlich war absehbar, dass dieses Tempo nicht über 90 oder 120 Minuten durchzuhalten sein würde. Die Kroaten haben am Ende m.E. auch absolut verdient gewonnen. Aber dieses Spiel hatte nun wirklich mehr zu bieten als das vorangegangene Duell zwischen England und Schweden. Die Leistung beider Teams in der sehr intensiv geführten ersten halben Stunde dann mal eben so abkanzeln und nicht mal den Führungstreffer zu beschreiben, vermittelt mir aber den Eindruck, der Autor sei ziemlich voreingenommen an ein Spiel herangegangen, auf dass er keine Lust hatte und dem er auch keine Chance gegeben hat.
cangaroo 08.07.2018
4. Verzeihung
Kommando Vollgas zurück - die Beschreibung der Entwicklung bis zum 1:0 ist auf meinem Screen entweder verschluckt worden oder ich war zu dämlich sie zu lesen. Vorhanden ist sie aber definitiv - und natürlich auch wichtig, um das Gesamtgeschehen vernünftig abzubilden - sorry.
rahelrubin 08.07.2018
5. Wie öde...
eigentlich die ödeste WM aller Zeiten. Zumindest in meiner, sehr subjektiven Wahrnehmung. Ohne Deutschland ist es natürlich hart; kennt man so ja eigentlich nicht mehr. Halbfinale hatte ich mir bei den WMn immer schon Wochen vorher im Kalender notiert. War irgendwie klar, dass Deutschland Gruppenerster wird, entsprechend auch der WM Fahrplan. Das ist jetzt alles so weit weg. Wie „Die Mannschaft“, die auch seit anderthalb Wochen weg ist. Und nun? Natürlich besteht eine gewisse Schadenfreude, dass Portugal, Spanien, Argentinien und jetzt auch Brasilien ausgeschieden sind (Neidfaktor 5 Sterne Brasilien: die brauchen keinen 6.!). Aber das Ausscheiden der mir unsympathischen Mannschaften bedeutet natürlich nicht, dass ich nun irgendeine Freude empfinden werde. Mir eigentlich egal, was jetzt noch passiert. Hach, so geht es den meisten WM Fans auf der ganzen Welt wohl seit Jahrzehnten. Man ist schon sehr verwöhnt....
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