Argentiniens drohendes WM-Aus Wie Messi verschwand

Wie fühlt es sich an, Hoffnungsträger einer Nation zu sein - und zu scheitern? Niemand weiß das momentan besser als Lionel Messi. Wie es kam, dass der Superstar gegen Kroatien so enttäuschte.

Lionel Messi
RITCHIE B. TONGO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Lionel Messi

Aus Nischni Nowgorod berichtet


Zu den emotionalsten Momenten einer Weltmeisterschaft gehört es, wenn vor dem Anpfiff die Nationalhymnen erklingen. Die Menschen im Stadion erheben sich, die Musik ist voller Pathos, und dann diese Gesichter der Fußballer! Selten kommt man ihnen so nahe wie durch die Bilder, die die Kamera produziert. Jede Falte, jedes Zucken wird offenbar.

Die Spieler wissen das genau. Wenn die Kamera naht, wird es Zeit, einen ernsten Blick aufzusetzen. Als die Kamera aber am Donnerstagabend zu Lionel Messi gelangt, starrt er nicht wie sonst stoisch an ihr vorbei. Er fährt sich mit der Hand übers Gesicht und verbirgt seine Augen. Eine Geste wie nach einer vergebenen Torchance, dabei hat Argentiniens Debakel noch gar nicht begonnen.

Tausende Argentinier sind für das Top-Spiel gegen Kroatien nach Nischni Nowgorod gereist. Am Vorabend des Spiels tanzen sie in der Innenstadt und besingen ihre Helden, Maradona und Messi. Will man wissen, wer von beiden besser sei, zögern die Befragten. Wer soll das entscheiden? Aber Maradona ist nun mal Weltmeister. Und Messi? Der werde es bald schon sein.

Messi wartet auf die Bälle. Doch da kommt nichts.

Wenn es klappen soll mit dem Titel, dann jetzt. Bei der nächsten WM wird er 34 Jahre alt sein. Der Turnierauftakt gegen Island lief für Argentinien allerdings enttäuschend. Viele hatten als Ursache dafür die Abhängigkeit des Teams von Messi ausgemacht, auch SPIEGEL ONLINE. Messi gab elf Schüsse ab, ein unglaublicher Wert. Im Tor aber landete keiner, nicht mal vom Elfmeterpunkt.

Gegen Island holte sich Messi die Bälle an der Mittellinie ab, er initiierte jeden Angriff, das wurde ihm hinterher negativ ausgelegt. Ist Argentinien zu leicht auszurechnen? Die 90 Minuten gegen Kroatien lassen einen ganz anderen Schluss zu. Messi hatte gegen Island nicht zu viel Einfluss. Davon kann er gar nicht zu viel haben.

Gegen Kroatien ist sein Einfluss geringer, systembedingt. Trainer Jorge Sampaoli lässt gegen die Kroaten in einer anderen Formation spielen als gegen Island, drei statt zwei Verteidiger, zwei zentrale Mittelfeldspieler, zwei auf den Außenbahnen, vorne ein Stürmer, und im halbrechten offensiven Mittelfeld Messi.

Diesmal holt er sich keine Bälle an der Mittellinie ab, er wartet darauf, dass der Ball zu ihm kommt. Doch da kommt nichts.

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Argentiniens Pleite gegen Kroatien: Ins argentinische Herz

Die anderen sollen Messi entlasten; Angriffe laufen nicht mehr ausschließlich über ihn, sie laufen manchmal sogar völlig an ihm vorbei. 49-mal ist Messi gegen Kroatien am Ball. Das sind sechs Ballkontakte mehr als sein Torwart erreicht. Einmal schießt er aufs Tor, dazu gibt er zwei Torschussvorlagen. Für solche Werte benötigt er beim FC Barcelona für gewöhnlich 20 Minuten.

Dort aber hat er nicht nur bessere Mitspieler als im Nationalteam, er hat vor allem Mitspieler, die ihm permanent Räume verschaffen. Top-Spieler, die für Messi laufen und Verteidiger mit sich ziehen, Hauptsache, der Maestro findet Raum zur Entfaltung.

Irgendetwas läuft schief

Gegen Kroatien entfaltet sich nichts. Im Sekundentakt blickt Messi sich um, er prüft die Abstände zu den gegnerischen Spielern. Er läuft dabei nicht, er wandert. Er sei faul geworden auf seine alten Tage, heißt es. Tatsächlich rennt er wenig, in seinem Kopf jedoch arbeitet es pausenlos, er berechnet, wie er in bestimmten Zonen Überzahl herstellen kann, wo der Gegner anfällig ist. Ein bisschen ist das Instinkt, vor allem aber pure Berechnung.

Ein paar Lücken findet er, doch ihm fehlt der Ball. Irgendetwas läuft schief.

In der spanischen "El País" wurde vor dem Turnier beschrieben, wie Messi vor Monaten Trainer Sampaoli zu sich nach Hause einlud, um mit ihm Argentiniens Taktik zu besprechen. Demnach habe Messi ihn gebeten, statt wie bislang mit einer 3-5-2-Formation in einem 4-4-2 zu spielen.

Als Grund habe er angegeben, dass bei der ersten Variante der rechte zentrale Mittelfeldspieler sowie der Rechtsaußen Gegenspieler anlocken würden. Damit wären dann die Bereiche zugestellt, aus denen Messi am liebsten agiert.

Argentinien (hellblau, von links nach rechts) spielt in einer neuen Formation. Messi, halbrechts im offensiven Mittelfeld, würde sich üblicherweise in Richtung Mittellinie fallen lassen und sich dort den Ball abholen. In diesem Bereich sind aber bis zu fünf Kroaten versammelt.
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Argentinien (hellblau, von links nach rechts) spielt in einer neuen Formation. Messi, halbrechts im offensiven Mittelfeld, würde sich üblicherweise in Richtung Mittellinie fallen lassen und sich dort den Ball abholen. In diesem Bereich sind aber bis zu fünf Kroaten versammelt.

Laut "El País" hat Messi den Trainer überzeugt. Ein halbes Jahr vor der WM stellte Sampaoli tatsächlich auf ein 4-4-2 um, er behielt diese Formation bei. Bis zum Spiel gegen Kroatien.

Kurz nach der Pause unterläuft Keeper Willy Caballero ein unglaublicher Fehler, er schießt den Ball zum gegnerischen Stürmer Ante Rebic, der trifft zum 1:0. Zwischen Tor und Wiederanpfiff vergehen 89 Sekunden.

"Wir haben ihn nicht gefunden"

Messi wartet, bückt sich, rückt die Stutzen zurecht. Er tut das oft während Unterbrechungen. Dieses Herunterbeugen bedeutet immer auch einen Moment des Abtauchens, man sieht dann keine Teamkollegen, keine jubelnden Gegner, keine enttäuschten Fans, nur die eigenen Füße. Worauf in der Welt kann er sich verlassen, wenn nicht auf sie?

Trainer Sampaoli stellt seine Formation nach dem Gegentor nochmals um, er bringt zwei neue Stürmer, 4-3-3, ohne Wirkung. Später wird Sampaoli sagen, dass er sich in seiner Spielvorbereitung verkalkuliert habe. "Mein Plan ist schiefgegangen", wird er sagen, und dann, über Messi: "Wir haben ihn nicht gefunden."

In der 80. Minute schießt Luka Modric das 2:0. Messi richtet sich die Stutzen.
In der Nachspielzeit trifft Ivan Rakitic zum 3:0. Messi starrt ins Leere. Abpfiff.

Argentinien steht vor dem Aus. Manche Spieler gratulieren dem Sieger; Stürmer Gonzalo Higuaín diskutiert mit dem Schiedsrichter. Messi aber geht direkt in Richtung Kabine. Er ist der Erste, der das Feld verlässt. Ein Kameramann verfolgt ihn, das Gesicht in Großaufnahme, bis Messi in dem Bereich angekommen ist, den der Kameramann nicht betreten darf. Er filmt weiter, auf dem TV-Bild sieht man Messi von hinten wie er weitergeht, hinein in den finsteren Kabinentrakt. Bis er ganz verschwunden ist.



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Seite 1
-volver- 22.06.2018
1. ...
Portugal profitiert wohl auch com Trainer... Vor der letzten em lief es doch auch für ronaldo nicht wirklich rosig bei turnieren mit portugal.
Affenhauptmann 22.06.2018
2. Messi und die N11
Messi hat mit der Nationalmannschaft noch nie etwas gerissen und auch gestern war er nicht zu sehen. Die Frage wer der GOAT ist, hat er spätestens gestern selbst zugunsten von Ronaldo entschieden. Messi hat mit einer starken NM über die Jahre nichts erreicht, Ronaldo stand im EM Finale 2004 und gewann den Titel bei der letzten EM - und das mit einer relativ schwachen Mannschaft. Auch in Russland zeigt er, dass er im Gegensatz zu Messi dem Druck gewachsen ist. Vom Rest brauchen wir eh nicht reden: 3mal in Folge CL gewonnen, zigfacher Torschützenkönig und das als Aussenspieler und und und. Man kann Ronaldo mögen oder nicht, aber er zeigt nunmal seine Leistung, wenn es darauf ankommt - und hat es nicht nötig durch irgendwelche Asi-Tattoos aufzufallen.
torflut 22.06.2018
3. Müller & Messi
ja ja, der Vergleich ist nicht statthaft. Aber so wie Messe nicht gefunden wurde, so sind wir doch alle auf der Suche nach Müller und den zehn Anderen. Sieht man die Aussagen + Körpersprache der Spieler im TV, kann einem nur Angst und Bange werden. Die Jungs glauben nicht an sich! Egal was sie sagen. So Männer, nun zeigt mir bitte am Sa das ich Unrecht hatte!
alkman 22.06.2018
4. Gruppe D
Argentinien ist noch nicht draußen. Das einzige, was in Gruppe D feststeht, ist Kroatien als Gruppensieger. Alles andere ist völlig offen. Island hat alle Chancen, muß sie aber erst nutzen. Falls Island gegen Nigeria nicht gewinnt, hat Argentinien wieder die besseren Karten. Ich würde den Vizeweltmeister noch nicht abschreiben. Nachrufe auf Messi haben noch Zeit.
betablocker75 22.06.2018
5. So what?
Zitat von alkmanArgentinien ist noch nicht draußen. Das einzige, was in Gruppe D feststeht, ist Kroatien als Gruppensieger. Alles andere ist völlig offen. Island hat alle Chancen, muß sie aber erst nutzen. Falls Island gegen Nigeria nicht gewinnt, hat Argentinien wieder die besseren Karten. Ich würde den Vizeweltmeister noch nicht abschreiben. Nachrufe auf Messi haben noch Zeit.
Ist doch völlig Wurscht, ob Argentinien die Gruppenphase übersteht oder nicht. Haben Sie das Gefühl, dass das Team mit einer solchen Leistung das Achtelfinale überstehen würde?
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