Drei Thesen zum WM-Achtelfinale Warum der Unterschied nicht immer Ronaldo heißt

Das Weiterkommen von Frankreich und Uruguay hat gezeigt: Ein starkes Kollektiv macht bei dieser WM den Unterschied - deswegen sind Messi und Ronaldo ausgeschieden. Drei Thesen zum ersten Achtelfinaltag.

Cristiano Ronaldo
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Cristiano Ronaldo

Von Philip Dehnbostel und Michel Massing


1. Wer von Einzelkönnern abhängig ist, gewinnt nicht den WM-Titel

Für die Weltfußballer Lionel Messi und Cristiano Ronaldo ist die WM nach dem Achtelfinale beendet. Argentinien und Portugal setzten zu sehr auf ihre Superstars und haben am Ende wegen ihrer fehlenden Flexibilität das WM-Aus gegen Frankreich bzw. Uruguay kassiert. Argentinien gelang es zudem nicht, torgefährliche Profis wie Gonzalo Higuaín, Sergio Agüero und Paulo Dybala ins Offensivspiel einzubinden.

Bei Frankreich und Uruguay sieht das anders aus: Diese Teams stehen auch deswegen im Viertelfinale, weil sie ihre Stärke aus einer Mischung hochtalentierter und etablierter Spieler ziehen - das Kollektiv hat gesiegt. Beide Mannschaften setzen auf schnellen und kraftvollen Fußball. Bei ihren Gegnern fiel vor allem die Behäbigkeit im Spiel nach vorne auf. Gerade Portugal ließ in der ersten Hälfte gegen Uruguay Chancen auf schnelles Spiel bewusst aus und setzte auf Ballzirkulation, -kontrolle und Flanken. Ein Mittel, das in der Gruppenphase noch einigermaßen funktionierte, gegen die Südamerikaner aber an seine Grenzen stieß - es fehlte Tempo im Spiel.

2. Uruguay zieht seine Stärke aus Kontinuität - und einer Veränderung

ARD-Experte Hannes Wolf kritisierte Argentinien bereits vor dem Aus gegen Frankreich. "Sie haben ihr System noch nicht gefunden", sagte der ehemalige Coach des VfB Stuttgart. Tatsächlich wechselte die Albiceleste ihr System von Spiel zu Spiel, von einem 4-2-3-1-System (gegen Island, Ergebnis: 1:1) auf ein 3-4-3 (Kroatien, 0:3) und von einem 4-4-2-System (Nigeria, 2:1) auf ein 4-3-3 (Frankreich, 3:4). So fehlte am Ende der Auswahl auch die Kontinuität.

Ganz anders Uruguay, das nur eine größere Änderung während des Turniers vorgenommen hat: Die Mannschaft von Trainerlegende Óscar Tabárez erspielte sich zunächst zwei wenig überzeugende, aber routinierte Gruppensiege (gegen Ägypten und Saudi-Arabien) im gewohnten 4-4-2 mit einer sogenannten flachen vier im Mittelfeld, wechselte dann aber das System und spielte fortan mit einer Raute im Mittelfeld.

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Uruguay im Viertelfinale: Wer braucht Ronaldo, wenn er Cavani hat?

Dabei hatte der 71 Jahre alte Tabárez die Raute im Mittelfeld zuvor erst einmal ausprobiert. Im Oktober 2017 in der WM-Qualifikation gegen Bolivien. Nun kam das System im dritten Gruppenspiel gegen Russland wieder zum Einsatz - und das Team gewann überzeugend 3:0. Auch gegen Portugal erwies sich diese Herangehensweise als stabilisierend. Der 21-jährige Rodrigo Bentancur, die große Mittelfeld-Hoffnung bei Uruguay und Juventus Turin (20 Serie-A-Spiele in dieser Saison) wechselte auf die Zehnerposition. Aus dieser heraus bereitete er den 2:1-Siegtreffer von Edinson Cavani vor. Die äußeren Mittelfeldspieler sorgten gegen den Ball zudem für eine gute Besetzung der Halbräume.

3. Mit und ohne Ball - Frankreich kann alles spielen

Eine Blaupause für taktische Flexibilität lieferte Frankreich gegen Argentinien. Die Équipe Tricolore überließ dem Gegner den Ball und setzte auf die Schnelligkeit der eigenen Akteure im Konterspiel. Die frühe Führung durch Antoine Griezmann (13. Minute) kam daher ganz gelegen. Eine ähnliche Spielweise zeigte die Auswahl bereits in den unspektakulären Gruppenspielen. Ein Titelkandidat, der das Spiel nicht machen will? Für diese eher reaktive Herangehensweise wurden die Franzosen vor allem in der Heimat kritisiert.

Als Argentinien das Spiel kurz nach der Pause drehte, änderte sich das französische Konzept jedoch grundlegend. Die Außenverteidiger gingen nun konsequent mit nach vorne. So war es kein Zufall, dass Linksverteidiger Lucas Hérnandez in der 57. Minute das Traumtor des Rechtsverteidigers Benjamin Pavard auflegte. Wenig später nutzte Kylian Mbappé die Verwirrung in der argentinischen Defensive infolge einer weiteren Hérnandez-Flanke zum 3:2.

In dieser spektakulären Achtelfinalbegegnung (4:3) zeigten die Franzosen die ganze Bandbreite ihres Spiels und wiesen erstmals bei diesem Turnier nach, warum sie vor der WM - auch bei SPIEGEL ONLINE - als Titelkandidat Nummer eins gehandelt worden sind. Den nächsten Qualitätsnachweis muss das Team am 6. Juli im Viertelfinale gegen Uruguay (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) vorlegen.

insgesamt 20 Beiträge
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Pela1961 01.07.2018
1. Tolles Foto........
Da weiß man als Leser wenigstens sofort, welche Richtung der Artikel ansteuert. Jedenfalls keine Symphatiebekundung für den besten Fußballer der Welt. Und was heißt eigentlich in dem Fall Uruguay "Kollektiv"? Irre ich mich oder ist der Sieg nicht größtenteils einem überragenden E. Cavani zu verdanken, der ja nun auch nicht gerade zu den untalentiertesten Stürmern in Europa gehört? Gut, Suarez war auch noch dabei. Aber wenn die beiden nicht gewesen wären, hätte das "Kollektiv" noch Stunden weiter kicken können, ohne ein Tor zu erzielen. Dann wäre es ins Elfmeterschießen gegangen. Und da ist das wieder so eine Sache mit dem Kollektiv. Ähnlich übrigens bei den Franzosen, wenn auch nicht ganz so extrem. Was wäre wohl da gewesen ohne Mbappe? Der Junge ist einfach überragend. Kurz gesagt - gerade in diesen beiden Fällen ist es in meinen Augen falsch, von einem Sieg des "Kollektivs" über überragende Einzelkönner zu schreiben.
andreasm.bn 01.07.2018
2. Wenn ich diese Fratze sehe,...
bin ich froh, dass der raus ist und wir die jetzt nicht mehr sehen müssen.
Wolfgang Porcher 01.07.2018
3. These 4
ein Team muss längere Zeit vorher eingespielt sein und nicht 3 Wochen vorher geklärt werden wer überhaupt mitfährt. Taktiken sind mit ausgewählten Spielern vorher in den Testspielen eintrsiniert sein, dass sich die Spieler untereinander verstehen. Dazu gehört in heutiger Zeit nicht Ball halten sondern bei Abnahme direkt weiter spielen stets nach vorne und nicht quer und rückwärts.
juba39 01.07.2018
4. Richtige Analyse
Es wird keiner Weltmeister, der keine Mannschaft auf dem Rasen hat. Vor allem aber, das hben die Urus so eindrucksvoll bewiesen, zerreißt sich jeder Spieler bis zur letzten Minute. Die gingen schon auf dem Zahnfleisch, aber selbst nach 80 Minuten wurde jeder ballführende Portigiese sofort angelaufen. DAS war für mich der Erfolg. Dann noch CR7 zu doppeln, war nur noch das Sahnehäupchen. Nur einen Bruchteil dieser Bereitschaft hätte man Deutschland gewünscht. Wir werden also noch einige Überraschungen erleben. Für mich wäre es deshalb auch keine Sensation, wenn heute Spanien raus wäre. Auch Brasilien ist noch nicht durch. Ich setze viel auf Kroatien!
mahavishnuorchestra 01.07.2018
5. France
Wann schaffen es deutsche Journalisten endlich mal, die französische Fussballnationalmannschaft ‚richtig’ zu benennen, nämlich ‚les bleus’ anstatt ‚équipe tricolore‘?
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