DFB-Team unter Druck Auf der Suche nach dem Selbst

Nach der Auftaktpleite gegen Mexiko ist das DFB-Team mit der Aufarbeitung beschäftigt. Die Spieler seien selbst die schärfsten Kritiker, sagt Manuel Neuer. Einen personellen Umbau der Elf lehnt er ab.

Aus Moskau berichtet


Erst einmal Abwarten. Eine Stunde mussten die Journalisten im Medienzentrum von Watutinki ausharren, bevor DFB-Kapitän Manuel Neuer dann doch vor die Presse trat. Das war auch ein Signal an die Öffentlichkeit: Die Mannschaftssitzung habe länger gedauert als gedacht, man habe sich "ehrlich gegenseitig die Meinung gesagt", so Neuer. Die beste Begründung für eine Verspätung. Alle sollten registrieren, dass die Mannschaft den Ernst der Lage nach dem 0:1 gegen Mexiko zum WM-Auftakt erkannt habe.

Es haben sich viele Dinge verändert seit diesem Spiel am Sonntag. Der Blickwinkel auf die Mannschaft ist ein anderer geworden. Hieß es vorher, die Weltmeister von 2014 sind diejenigen, die es wieder herausreißen müssen, stehen genau diese Arrivierten nun in der Kritik.

Joachim Löw mit Sami Khedira
DPA

Joachim Löw mit Sami Khedira

Die "Bild"-Zeitung spricht von den "Problem-Weltmeistern", setzt ihren medialen Feldzug gegen Mesut Özil fort, aber auch Sami Khedira muss sich der Angriffe erwehren. Jetzt, so ist plötzlich überall zu lesen, sei die Stunde der anderen, der Nicht-Weltmeister, die Stunde von Leon Goretzka, Niklas Süle, Marco Reus. Die Weltmeister seien zu satt, zu behäbig.

Mannschaft setzt auf Kontinuität

Der Bundestrainer hat direkt nach der Niederlage dagegengehalten, er werde nun nicht alles über den Haufen werfen, und genau diesen Eindruck erweckt auch der Kapitän. "Auf allen Positionen haben am Sonntag erfahrene Spieler gestanden, die schon gezeigt haben, was sie können", die dies gegen die Mexikaner allerdings nicht abgerufen hätten. Das müsse sich gegen die Schweden am Samstag ändern. Er sehe nicht, dass es vorrangig darum gehe, "Positionen zu tauschen". Das klingt nicht nach einem personellen Umbau.

Tatsächlich war Khedira gegen die Mexikaner sowohl gedanklich als auch läuferisch meistens zu spät, andererseits ist er in der Mannschaft der führende Kopf. Egal in welcher Situation: Der Bundestrainer verzichtet nur ungern auf ihn.

"Wir sind selbst unsere schärfsten Kritiker", sagt Neuer. Und mit "wir" meint er vor allem diejenigen, die vor vier Jahren den WM-Pokal in Rio in die Luft gestemmt haben: Khedira, Müller, Boateng, Hummels, Kroos. Man sei "überzeugt, dass wir das können, es ist ja keine neue Mannschaft auf dem Platz". Dass dies am Sonntag möglicherweise ein Teil des Problems war, akzeptiert der Torwart nicht. "Die Führungsspieler sind jetzt noch mehr in der Verantwortung."

So weist er auch zurück, dass es eine Spaltung des Teams gäbe, in die Champions von 2014 und die Confed-Cup-Gewinner aus dem Vorjahr. "Wir sind ein Team, es gibt keine Spaltung", stattdessen sei die Kommunikation in der Mannschaft "noch nie so stark wie nach dem Mexikospiel" gewesen, sagt Neuer: "Wir reden bei jedem Essen darüber, was wir besser machen können." Dass es direkt nach dem Abpfiff gegenseitige Schuldzuweisungen gab, von Mats Hummels oder Julian Draxler, gehört aber auch zum gegenwärtigen diffusen Stimmungsbild dieses Teams.

"Man kann nicht alles vorher aufschreiben"

In der Öffentlichkeit ist die Niederlage auch am Bundestrainer festgemacht worden. Er habe falsch aufgestellt, Reus habe in die Startformation gehört, vor allem aber habe er das Spiel der Mexikaner nicht gelesen und viel zu spät auf deren Kontertaktik reagiert. Auch das will Neuer nicht so stehen lassen.

Niklas Süle, Joachim Löw und Marco Reus (v.l.)
AFP

Niklas Süle, Joachim Löw und Marco Reus (v.l.)

"Die Hauptursache lag bei uns Spielern, wir hätten das auf dem Platz selbst in die Hand nehmen und umorganisieren müssen." Womit er dem Vorwurf, Löw sei nicht auf die Taktik Mexikos eingestellt gewesen, indirekt recht gab. "Man kann eben nicht alles vorher auf einer Tafel aufschreiben, was dann nachher im Spiel passiert."

Neuer ist seit 2010 bei jedem Turnier dabei, er hat bei der WM in Südafrika erlebt, wie es ist, wenn das Team schon in der Gruppenphase unter Druck gerät - und diese Prüfung bestehen kann. Aber das war ein deutlich jüngeres, frischeres Team. Acht Jahre später ist die Nationalmannschaft um vieles erfahrener geworden, aber die Begeisterung, der Elan, die Leidenschaft, sich aus einer Drucksituation zu befreien, die kann man sich bei dieser Mannschaft nicht mehr wirklich vorstellen. Sie muss es mit Routine lösen.

Manuel Neuer sagt, gegen Mexiko habe das Selbstverständnis gefehlt, was diese Mannschaft immer so ausgezeichnet habe. Warum das so war: "Das kann ich nicht beantworten."



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tmhamacher1 19.06.2018
1. Wetterfähnchen
Die sog. Experten sind Wetterfähnchen, die nach einer Niederlage sofort alles in Frage stellen, was sie zuvor noch bejubelt haben. Mexiko ist ein schlafender Fußball-Riese, gegen den darf man auch mal 1:0 verlieren. Die Mannschaft hat die Mexikaner offensichtlich unterschätzt, und diese Gruppe ist nicht leicht. Wie bei fast jedem WM-Spiel muss man jetzt gewinnen, das ist normal und kommt jetzt etwas früher als erwartet. Hoffen wir, dass die DFF-Auswahl an ihre guten Leistungen aus der Qualifikation anknüpfen kann!
Sal.Paradies 19.06.2018
2. Wenige Änderungen reichen
Nein, es mus/soll ganz sicher nicht das halbe Team umgestellt werden, denn viele von denen, die gegen Mexico indisponiert waren, können/sollen das wieder gut machen. Und die meinsten werden dazu in der Lage sein. Vorshclag wäre (was Jogi aber wohl nicht macht), dass Gündogan für Khedira kommt und Reus in der Startelf steht. Auf rechts sollte Brandt den Vorzug vor Müller bekommen. Andere Variante wäre, dass Ginter hinten rechts spielt, während J.Kimmich auf rechts in das defensive Mittelfeld rückt und vorne bleiben wir bei Reus/Brandt. Gomez macht ganz vorne gegen hohe und harte Schweden eher keinen Sinn, dann lieber quirlige Sprinter wie Werner/Reus/Brandt.
schüttelkugel 19.06.2018
3.
Wenn man schon gegen Mexiko nicht mehr gewinnen kann, wie wird es dann erst gegen Schweden? Ich habe während des Spiels nur in die müden, ängstlichen, leidenden Gesichter der deutschen Spieler schauen müssen, allen voran in die von Özil, Khedira und Hummels. Da war mir klar: Hier fhelt es an der nötigen Einstellung. Leute, mit solchen Gesichtern ist kein Spiel zu gewinnen. Ich will wache, entschlossene, aggressive, zu jedem Kampf bereite Männer auf dem Platz!!! Aufwachen!!!
eurusiii 19.06.2018
4. Reus
... sollte zumindest in der Anfangself stehen! Wäre zumindest schon mal ein Signal.
hutzel44 19.06.2018
5. Özil ...
.. war noch einer der Besseren gegen Mexico. Passt zwar vielen nicht in Ihr allgemeines Weltbild, aber er hat als einziger versucht sich hinten die Bälle zu holen, sie durchs Mittelfeld zu schleppen und sie in die Schnittstellen vorne zu spielen. Als einziger hat er im Mittelfeld überhaupt Angriffe eingeleitet. Musste es dann als 6er machen. Einen durchgebrochenen Stürmer als letzter Mann zu verteidigen ist nicht seine Aufgabe. Das Problem waren Kroos/Khedira + ein nicht vorhandener defensiver 6er, der die Lücke zwischen den beiden und Hummels/Boateng sinnvoll verbinden muss. Martinez wäre so jemand, oder zur Not auch Vidal.
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