Kritik an der DFB-Offensive Vamos a la Playa

Das DFB-Team hofft in der Sonne von Sotschi auf Besserung nach der WM-Auftaktpleite. Marco Reus steht gegen Schweden vor seinem Startdebüt, Thomas Müller findet zumindest vor der Presse zurück zu alter Form.

Joachim Löw auf der Strandpromenade von Sotschi
DPA

Joachim Löw auf der Strandpromenade von Sotschi

Aus Moskau berichtet


Man kann darüber diskutieren, ob Thomas Müller in dieser Situation noch der Richtige für die Startelf ist. In jedem Fall ist der Münchner Angreifer in der gegenwärtigen Lage der Richtige, mit der Presse zu reden. Wenn es gut läuft, dann will der Nationalspieler launig sein. Um jeden Preis. Das macht Pressekonferenzen mit ihm eher anstrengend.

Jetzt aber, wo der Ernst der Lage nach dem verpatzten WM-Auftakt vor der Tür steht, kann Müller die Witzigkeit auch einfach mal weglassen, dann ist er wie wenige in der Mannschaft fähig, die Situation zu analysieren. "Wir haben zu selbstverständlich geglaubt, wenn das Turnier losgeht, haben wir unsere gewohnte Stärke", sagt Müller über die Leistung beim 0:1 gegen die Mexiko am Sonntag. "Das haben wir falsch eingeschätzt."

Das trifft auf viele in der Mannschaft zu, auf den zehnfachen WM-Torschützen selbst aber in höherem Maße. "Beim Aufwärmen hatte ich noch zwei Superabschlüsse, aber da waren auch noch keine Gegner auf dem Feld", sagt er. Danach war von dem WM-Müller von Südafrika und Brasilien nichts mehr zu sehen.

"Leichtigkeit kann man nicht trainieren"

Die Leichtigkeit des Toreschießens, die geht dem Bayern-Profi schon seit einer Weile ab, aber "Leichtigkeit kann man nicht trainieren, es ist die Beschreibung des Zustandes, wenn plötzlich alles problemlos funktioniert".

Thomas Müller (l.), Oliver Bierhoff
DPA

Thomas Müller (l.), Oliver Bierhoff

Für diese leichten Momente wird im Moment eher Marco Reus haftbar gemacht. Der Dortmunder wird mit großer Wahrscheinlichkeit gegen die Schweden in die Startformation rücken, er ist sozusagen der neue Müller. Der, auf dem die Hoffnungen ruhen, wenn es bei Anderen nicht so läuft.

Klar habe er das mitbekommen, dass alle Welt in Deutschland nun seinen Einsatz fordert, sagt Reus, es sei schon schwierig, das zu überlesen und zu überhören, aber was könne er mehr tun, als sich im Training anzubieten? "Der Bundestrainer kennt mich schließlich auch schon länger, er weiß um meine Fähigkeiten." Reus ist einer, der lieber nur das Nötigste redet, wenn die Journalisten vor ihm sitzen. Er weiß, dass seine Qualitäten auf dem Platz im Moment dringender gebraucht werden.

Bierhoff vom Sotschi-Thema genervt

Müller und Reus, das sind die Namen, die in diesen Tagen überall in den Schlagzeilen sind. Trotzdem ist es ein müder Abklatsch von dem, was Mesut Özil derzeit an medialem Echo mitbekommt. Die üblichen Lautsprecher, die angestellt werden, wenn es beim DFB-Team nicht läuft, werden voll aufgedreht - von Mario Basler bis Lothar Matthäus. Die Anti-Özil-Kampagne läuft.

Der DFB hält erstaunlich wenig dagegen. "Damit müssen alle rechnen, dass Kritik kommt", sagt Manager Oliver Bierhoff, "damit können wir auch umgehen." Der größte Teil der Kritik aus Deutschland sei "ja auch gerechtfertigt", so der Manager, "auch Häme muss man sich stellen". Echte Rückendeckung klingt anders.

Es sind nicht nur rationale Gründe, die im Moment herbeigeholt werden, um die angeschlagene Mannschaft gesundzureden. Der Strand von Sotschi wird so zum Hoffnungsträger hochgejazzt. Weil die Mannschaft vor vier Jahren im brasilianischen Beachresort residierte und Weltmeister wurde, soll der Tapetenwechsel von Moskau ans Schwarze Meer die Mannschaft auch weiterbringen, hört man derzeit überall. So wie ein Arzt dem Patienten Seeluft verschreibt.

"Ob Strand oder Wald, ob der Himmel hier blau ist oder nicht, das darf jetzt sowieso keine Rolle spielen", sagt Manager Oliver Bierhoff. Das Thema nervt ihn, weil bekannt ist, dass Bierhoff das Waldquartier bei Moskau gegen den Wunsch von Bundestrainer Joachim Löw durchgesetzt hat. Löw hätte viel lieber in Sotschi residiert, die Kosten und die Reisewege sprachen aber für Moskau, "außerdem gab es hier überhaupt keinen Fifa-Trainingsplatz", sagte der Manager.

Jetzt ist die Mannschaft schon vier Tage vor dem Spiel am Schwarzen Meer angekommen, Löw hat insofern wenigstens ein bisschen seinen Willen bekommen. Über die Nachrichtenagenturen liefen bereits Bilder, die den Bundestrainer entspannt mit Sonnenbrille an der Strandpromenade zeigten. Es hätten Bilder aus Brasilien sein können. Das immerhin.



insgesamt 74 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Peter M. Lublewski 20.06.2018
1. Das könnte ja glatt
"Marco Reus steht gegen Schweden vor seinem Startdebüt" ein Lichtblick werden.
growltiger 20.06.2018
2.
Was soll das, auf Özil einzuschlagen? Er ist einer der Besten im Team. Nach dem Spiel am Sonntag kann man viele kritisieren, Trainer und Spieler, aber am wenigsten Özil. Hoffentlich hat die Mannschaft jetzt gemerkt, dass die WM begonnen hat. Es fehlte offensichtlich die Motivation, so wie sich das bei Müller anhört, nun muss sie daraus gezogen werden, sich nicht zu blamieren. Ich bin gespannt. Von einem 0:1 bis zu einem 5:0 halte ich alles für möglich. Als unverbesserlicher Optimist hoffe ich natürlich auf letzteres....:-)
lektra 20.06.2018
3. "Vamos a la Playa" - hoffentlich geht es besser aus
Ist dem Autor die Doppeldeutigkeit seiner Überschrift bewusst? 1966 geboren, sollte er die Bedeutung von "Vamos a la Playa" eigentlich kennen, wenn er schon als junger Mensch ansatzweise einen politisch wachen Geist hatte. Nur "Disco"-Gänger und nachfolgende Generationen (die den spanischen Text lediglich als Soundteppich wahrnahmen) haben es als Sommerhit konsumiert. Entstanden ist es in den Achtzigern und thematisiert die Folgen der Explosion einer Atombombe. Wenn die Situation der Nationalmannschaft in diesen Zusammenhang gestellt wird, ist das aber ganz schön alarmistisch.
meinungsforscher 20.06.2018
4. schön reden...
Das ganze schön reden hilft nicht... Ich glaube das wird dieses Mal nix; gegen Schweden wird es noch schwerer, weil die sich hinten rein stellen werden und wir das Speil machen müssen. Zudem sind wir bei Kontern extrem anfällig. Der Umbruch wird dann nach dem WM Aus kommen müssen!
bs2509 20.06.2018
5. Es ist nicht leicht
zu unterscheiden, ob diese Interviews zu etwas nütze sind. Thomas Müller hat mit seinen Äußerungen das Niveau der Mannschaft kurz beschrieben. Außer Spesen nichts gewesen ! Löw und Bierhoff haben sich seit Jahren in eine Art von Selbstverliebtheit gelebt. Sie erinnern stark an die Götterdämmerung" von Merkel, auch sie glaubt nie zu fallen. Aber warten wir die "Versprechen" der Mannschaft und des Trainers mal ab.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.