Marokkos unnötiges Ausscheiden So gut, so raus

Das abschließende Gruppenspiel gegen Spanien zeigte zum dritten Mal die ganze dramatische Bandbreite des marokkanischen Spiels. Offensiv eine der Attraktionen des Turniers, standen sie am Ende wieder sieglos da.

Achraf Hakimi und Monir El Kajoui
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Achraf Hakimi und Monir El Kajoui


Das Kopfballduell des Turniers: In der 81. Minute lag der Ball zum ersten und einzigen Mal zum Eckball für die Marokkaner bereit. Faycal Fajr schlug ihn Richtung Elfmeterpunkt, wo der spanische Kopfballspezialist Sergio Ramos zur Klärung hochstieg, doch in seinem Rücken geschah Ungeheuerliches: Youssef En Nesyri schraubte seine 188 Zentimeter höher und höher und wuchtete den Ball über Ramos hinweg ins Tor des Favoriten. Ein Kopfballtreffer. Gegen Ramos. Dass die 2:1-Führung anschließend nicht halten sollte, war folgerichtig, doch dazu später mehr.

Das Ergebnis: Marokko und Spanien trennten sich in Kaliningrad 2:2 (1:1). Hier geht es zur Meldung.

Die erste Hälfte: Khalid Boutaïbs Führungstreffer nach einem Doppelpatzer von Ramos und Andrés Iniesta brachte früh Bewegung in die Partie. Die beiden Routiniers waren sich im Mittelfeld uneinig, wer denn nun für einen kullernden Ball verantwortlich zeichnen sollte. Das nutze der schnell reagierende Boutaïb zu einem Lauf auf David De Gea und einem schönen Tunnel gegen Spaniens Schlussmann. Das 1:0 in der 14. Minute glich Isco fünf Minuten später nach starker Vorarbeit von Iniesta aus. In der 37. Minute köpfte Sergio Busquets nach einer Ecke drüber, doch die beste Chance zum 2:1 hatten die Marokkaner: Boutaïb kam in der 25. Minute erneut frei vor De Gea zum Schuss, doch Spaniens Schlussmann konnte klären. Es war De Geas erste Parade im dritten Spiel.

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Spaniens Remis gegen Marokko: Last-minute-Ausgleich zum Gruppensieg

Fairplay: Da Spanien und Konkurrent Portugal punkt- und torgleich in die Partie gingen, lohnte von Beginn an ein Blick auf die Fairnesstabelle, die bei Gleichstand zu Spielende der entscheidende Faktor gewesen wäre. Der usbekische Schiedsrichter Ravshan Irmatow wollte anscheinend nicht entscheidend in diese Wertungskategorie eingreifen und entschied sich bei einem bösen Foul von Gerard Piqué (8.) für´das gute, alte "Ich hab' gar nix gesehen". Auf der Gegenseite war er freizügiger - gleich vier Marokkaner sahen in der ersten halben Stunde die Gelbe Karte.

Die zweite Hälfte: Der Favorit beließ es zunächst bei zwei Kopfballmöglichkeiten in der 62. und 63. Minute durch Isco und Piqué. Die besseren Chancen hatten die Marokkaner. Während Noureddine Amrabat in der 55. Minute noch mit einem Fernschuss die Latte traf, machte es der eingewechselte En Nesyri in der 81. Minute besser. Aspas sorgte mit seinem Hackentreffer in der ersten Minute der Nachspielzeit für den Ausgleich und den Gruppensieg der Spanier. Es war das 23. Spiel ohne Niederlage seit der Europameisterschaft 2016. Die Elf von Fernando Hierro trifft dank des 1:1 zwischen Portugal und dem Iran nun im Achtelfinale auf den Zweiten der Gruppe A, Russland (Sonntag, 16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

So gut, so raus: Gegen den Iran war Marokko drückend überlegen - und unterlag. Gegen die Portugiesen spielten sie klasse - und verloren. Wie so oft - bei seinen letzten sechs WM-Niederlagen gab Marokko mehr Torschüsse ab als der Gegner: gegen Portugal und Iran 2018; Brasilien 1998; Niederlande, Saudi-Arabien und Belgien 1994. Was in diesem Turnier für die Mannschaft von Hervé Renard möglich gewesen wäre, zeigte die Partie gegen Spanien. Doch natürlich fiel in der Nachspielzeit noch der Ausgleichstreffer für die Spanier - bereits gegen die Iraner hatten sich die Nordafrikaner durch ein Eigentor von Aziz Bouhaddouz in der 90.+5. Minute um den Lohn ihrer Arbeit gebracht.

Abgeschaltet: Vor der dem 2:2 vorausgehenden Ecke zeigte Schiedsrichter Irmatow in Richtung jener Eckfahne, von der aus er die Standardsituation gerne ausgeführt gesehen hätte. Die Spanier entschieden sich für die andere Seite, was die Marokkaner entscheidend ins Hadern brachte. Nur eine Nuance, aber wer sich von solchen kleinen Spielchen in Turbulenzen bringen lässt, hat bis zur Weltmeisterschaft 2022 noch ein bisschen was zu tun. Dann sollte es für die Marokkaner aber bitteschön klappen mit dem zweiten Achtelfinaleinzug nach 1986.

Spanien-Marokko 2:2 (1:1)
0:1 Boutaïb (14.)
1:1 Isco (19.)
1:2 En Nesyri (81.)
2:2 Aspas (90.+1)
Spanien: De Gea - Carvajal, Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Busquets, Thiago (74. Asensio) - Silva (84. Rodrigo), Iniesta, Isco - Diego Costa (74. Aspas)
Marokko: El Kajoui - Dirar, da Costa, Saïss, Hakimi - El Ahmadi, Boussoufa - Amrabat, Belhanda (63. Fajr), Ziyech (85. Bouhaddouz) - Boutaïb(72. En Nesyri)
Schiedsrichter: Irmatow (Usbekistan)
Gelbe Karten: - / El Kajoui, Hakimi, El Ahmadi, Amrabat, da Costa, Boussoufa



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Seite 1
gustav77 26.06.2018
1.
Nun ja, spielerisch sowie technisch konnte Marokko durchaus mit den weltbesten Fußballmannschaften mithalten, sie wären mit sehr großer Wahrscheinlichkeit weitergekommen, wäre das nicht das unnötige Eigentor gegen Iran gewesen.. Aber zum Fußball gehört auch immer ein wenig Glück dazu.. schade, schade..
amontillado 26.06.2018
2. Super Spiel
Habe das gestrige Spiel Spanien vs. Marokko gesehen und mir ständig die Augen gewischt, ob ich denn da das richtige Spiel sehe?!! Die Marokkaner waren einfach nur klasse, schnell, technisch begabt und sehr Torgefährlich! Dass sie ständig von den frustrierten Spaniern bös' gefault wurden, in die Hacken getreten bekamen oder weggeschubst und am Trikot gehalten wurden, interessierte den Schiedsrichter leider nur marginal. Dass den Marokkaner irgendwann in der 1. Halbzeit dann mal der Hut hoch ging, war nur allzu verständlich! Anders herum hagelte es aber gelbe Karten ohne Ende. Ganz schlimm fand ich jedoch das ständige sich fallen lassen der Spanier bei irgend einer noch so winzigen Berührung durch den Gegner bzw. gar keiner ersichtlichen Berührung und dem anschließenden sich auf dem Rasen wälzen und dabei mit schmerzverzerrtem Gesicht jammern ohne Ende... völlig unwürdig und für einen ehem. Weltmeister!!! Besonders hervorgetan hat sich da dieser Iniesta, sowas von würdelos und unsportlich dem Gegner gegenüber! Pfui España!!!
tomkey 26.06.2018
3. Mehr als Schade
Wirklich sehr schade dass diese Mannschaft raus ist. Ein sehr starker Auftritt gestern gegen Spanien. Nachdem man schon Portugal phasenweise an die Wand gespielt hatte. Eine andere Gruppe, die der Russen bspw. und sie wären weitergekommen (Uruguay + Marokko). Und dieses unnötige Eigentor wurde ja bereits erwähnt.
uli.lohmann 26.06.2018
4. An alle Spielerscouts!
In der marokkanischen Manschaft steckt unglaubliches Potential. Man kann sich nur wünschen, dass es einige Spieller schaffen, in guten Vereinen unterzukommen. Das würde dann auch der Nationalmannschaft zugute kommen.
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