Marokkos WM-Aus In Schönheit gescheitert

Als erstes Team ist Marokko aus dem WM-Turnier ausgeschieden. Die Nordafrikaner wurden Opfer eines tragischen Dilemmas.

Faycal Fajr aus Marokko
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Faycal Fajr aus Marokko

Aus Moskau berichtet


Hervé Renard war sich der ganzen Widersprüchlichkeit seiner Aussage bewusst, als er von den Gefühlen sprach, die ihn und seine Spieler am Mittwochabend erfüllten. "Ich weiß, es hört sich seltsam an, aber wir empfinden in allererster Linie Stolz", sagte der Trainer über Marokkos Nationalmannschaft, die wenige Minuten vorher aus dem WM-Turnier ausgeschieden war. Als erster der 32 Teilnehmer und umrankt von einer ganz besonderen Tragik.

Denn die Marokkaner haben ihrem Publikum zwei sehr ansehnliche Darbietungen geschenkt, "wir haben in beiden Partien gezeigt, was für einen guten Fußball wir spielen können" verkündete Renard, aber sie haben zwei Mal verloren und dieses Turnier mit einem WM-Klassiker bereichert: Irgendwer scheitert immer in Schönheit. Diesmal waren es die Marokkaner, die Portugal beinahe erdrückt hatten mit ihrem Sturmlauf. Nur das krönende Tor ist ihnen nicht geglückt.

Wie schon das Duell gegen Iran, in dem Aziz Bouhaddouz nach einer überzeugenden Mannschaftsleistung in der Nachspielzeit einen Freistoß ins eigene Tor geköpft hatte, ging auch diese Partie 0:1 verloren. Selbst Portugals Trainer Fernando Santos sprach von einem "unfairen Ergebnis", die Afrikaner hätten "sehr stark gespielt" und seien "eine große Herausforderung" für den amtierenden Europameister gewesen.

Parallelen zur WM 1998

Bouhaddouz, der für den FC St. Pauli stürmt, saß diesmal zwar auf der Bank, doch es gab genug andere tragische Figuren im Kader. Younés Belhanda zum Beispiel, der zwei wunderbare Kopfballchancen vergab. Oder der ehemalige Münchner Mehdi Benatia, der mehrfach aus allerbester Position nahe des Elfmeterpunktes zum Abschluss kam. Die jüngere WM-Historie Marokkos bleibt eine Geschichte von Schönheit und Unglück.

Schon beim letzten WM-Auftritt der Marokkaner vor 20 Jahren in Frankreich begeisterten sie das Publikum mit ihrem phantasievollen Kombinationsspiel. Die Menschen in den Stadien feierten die langen Ballstafetten des Ensembles um Mustapha Hadji mit begeisternden "Olé"-Rufen. Damals stand ein Torhüter namens Driss Benzekri dem großen Traum vom Einzug ins Achtelfinale im Weg. "Ein Tollpatsch zerstört Marokkos Zauber", schrieb "Der Tagesspiegel" nach mehreren grotesken Fehlgriffen.

An diesem Tag war der große Traumzerstörer wenigstens keiner aus dem eigenen Team, es war ein Mann, den jeder Gegner für seine Gemeinheiten fürchtet: Cristiano Ronaldo bestrafte die Marokkaner mit unerbittlicher Kälte für ihren Mangel an Effizienz. "Sie waren wirklich sehr stark", sagte der 33-Jährige anerkennend, "aber wir haben gewonnen und ich habe das Tor geschossen, das ist wunderschön".

Cristiano Ronaldo
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Cristiano Ronaldo

Ronaldo muss fußballerische Defizite seines Teams hinnehmen

Portugal ist damit gewissermaßen das Gegenmodell zu den Nordafrikanern. Nur sechs Mal hat der Europameister in diesem Turnier bisher aufs Tor geschossen, das reichte für vier Treffer, die allesamt Ronald erzielte.

Der Weltfußballer führt nun zwar die Torjägerliste an, und das großes Ziel, seine unglaubliche Karriere mit dem WM-Pokal zu einem endgültig einzigartigen Meisterwerk zu vollenden, ist weiterhin erreichbar. Aber bisher ist der Superstar dazu verdammt, erschreckende fußballerische Defizite seines Teams hinzunehmen. "Wir mussten unsere Strategie nach 20 Minuten ändern, um den Gegner etwas zu blocken, um mehr Ballbesitz zu haben", räumte Trainer Santos ein, schob aber schnell ernüchtert nach: "Es war ein Versuch." Geholfen hat es wenig.

Denn die Marokkaner machten nicht nur einfach weiter, sie wurden immer druckvoller, angetrieben von erstaunlich vielen Anhängern im Publikum. Entsprechend leer sanken die gestürzten Helden nach dem Abpfiff zu Boden, abgekämpft, besiegt von dieser Gemeinheit, die den Fußball so besonders macht. Im Gegensatz zu Sportarten wie Basketball oder Handball gewinnt dieses Spiel eben nicht das bessere Team, erläuterte Renard, "die begabtesten Spieler sind diejenigen, die den Unterschied machen."

Ronaldo wird es gerne gehört haben.



insgesamt 8 Beiträge
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hileute 20.06.2018
1. Schade
aber wenn nahezu alle Torschüsse von Abwehrspielern kommen, braucht man sich auch nicht zu wundern das die nicht treffen. Einen marokkanischen Stürmer habe ich im gesamten Spiel nicht gesehen
deglaboy 20.06.2018
2. Marokko...
schon jetzt Weltmeister der Herzen. Und es war unfair die WM26 nicht Marokko zu geben. Auch das hätten sie verdient gehabt.
meresi 20.06.2018
3. Ronaldo
ohne in könnte sich Portugal brausen gehen. Unglaublich, die haben doch 2 Teams die ständig in der euro- league und CL irgendwie mitspielen und auch als Sieger hervorgehen. Im Nationalteam sehen diese aber wie leere Flaschen aus.
Dark Agenda 20.06.2018
4. Das ist Fußball
Es kommt weder auf die meisten Torschüsse an oder auf Schönheit oder ständigen Ballbesitz oder die meisten Ecken oder die gerannten Kilometer. Dies sind nur Indikatoren. Nur das Schießen von Toren zählt (bzw. die Verteidigung gegen diese). Ein genutzter Angriff zählt mehr als zehn Angriffe ohne Abschluss bzw diese zählen am Spielende gar nicht.
rwk 21.06.2018
5. Marokko hat Ronaldo....
..sträflich spielen lassen und eben Pech gehabt. Dabeisein war allerdings der bisher grösste Erfolg des Landes und hoffentlich gehts weiter....
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